Schon vor dem Derby gegen YB sind hohe Zahlen das Gesprächsthema. Allerdings geht es nicht um den Fussball, sondern um die Reisekosten für das Europacupspiel auf Island. Flugpreise von weit über tausend Franken für eine Partie, die vor kaum mehr als einer dreistelligen Zuschauerzahl stattfinden dürfte, bringen selbst eingefleischte Thun-Fans ins Grübeln. Hartgesottene Anhänger wie Party-Kernen lassen sich davon allerdings nicht abschrecken und planen den Nordlandtrip trotzdem. Auch beim FC Thun liegt der Fokus bereits auf dem Hinspiel der Conference-League-Qualifikation gegen Víkingur Reykjavík. Trainer Gian Luca Privitelli rotiert mit Blick auf die Partie vom Donnerstag und schont die beiden Aussenverteidiger Michi Heule und Fabio Fehr. Auch Valmir Matoshi nimmt zunächst auf der Ersatzbank Platz.
Ich selbst nehme derweil auf der Gegentribüne im Sektor E Platz. Neben mir sitzt ein Arbeitskollege und YB-Fan, der als Aufpasser fungiert. Nach der Europacupreise nach Zagreb fühle ich mich mindestens so ausgelaugt wie die Thuner Spieler. Immerhin lerne ich auf der für mich ungewohnten Tribüne etwas Neues: Auch hier werden mitgebrachte Sandwiches mit Verweis auf die geöffnete Buvette eingezogen. Allerdings können sie als Wertgegenstand deponiert und später gegen Vorweisen eines Abholscheins wieder in Empfang genommen werden. Das Visana Stadion ist ausverkauft und beide Fangruppen sorgen mit grossflächigen Choreografien für einen stimmungsvollen Rahmen. Die Thuner Kurve lässt unter dem Motto «Historisch» die Köpfe zahlreicher Vereinslegenden hochleben. Die YB-Fans antworten mit einer gelb-schwarzen Choreo aus Konfetti und Luftschlangen sowie dem Spruch: «We di wosch la tribe, muesch zersch chönne la ga.» Konfuzius hätte es kaum rätselhafter formulieren können. Deutlich verständlicher sind die Rauchzeichen aus dem Gästesektor. Mit zahlreichen Pyros wird das Feuerwerksverbot am 1. August konsequent ignoriert. Die Heimkurve verzichtet dagegen auf Pyrotechnik und spart sich allfälliges Feuerwerk lieber für ein Thuner Tor auf. Darauf darf man zu diesem Zeitpunkt zumindest noch hoffen.
Die YB-Spieler übernehmen von Beginn an das Kommando, doch auch Thun setzt erste offensive Akzente. In der 7. Minute versucht sich Nils Reichmuth aus rund dreissig Metern, verfehlt das Tor jedoch deutlich. Drei Minuten später geht YB in Führung. Joël Monteiro setzt sich gegen Lucien Dähler durch und trifft mit einem platzierten Schuss aus spitzem Winkel unhaltbar in die lange Ecke zum 0:1. Der FC Thun reagiert mutig und kommt in der 19. Minute zur grossen Chance auf den Ausgleich. Nach einem Freistoss von Lucien Dähler landet der Ball im Strafraum bei Brighton Labeau, der aus kürzester Distanz abschliesst. YB-Goalie Marvin Keller ist jedoch zur Stelle und verhindert mit einer starken Parade den möglichen Ausgleich. Stattdessen schlagen die Berner in der 24. Minute erneut zu. Nach einer umstrittenen Szene im Thuner Strafraum, in der Samuel Essende vergeblich einen Penalty fordert, bleibt YB im Angriff. Alvyn Sanches kommt nach einem freigeblockten Abschluss alleine vor Niklas Steffen zum Schuss, scheitert jedoch am Thuner Keeper. Der Abpraller landet aber direkt vor den Füssen von Lewin Blum, der aus kurzer Distanz zum 0:2 einschiebt. Die Gäste kontrollieren die Partie nun deutlich und legen in der 33. Minute nach. Edimilson Fernandes erhält rund zwanzig Meter vor dem Tor viel zu viel Platz. Die Thuner Defensive greift nicht konsequent ein, sodass der Mittelfeldspieler unbedrängt Mass nehmen kann. Sein präziser Distanzschuss schlägt unhaltbar neben dem Pfosten zum 0:3 ein und lässt Niklas Steffen keine Abwehrchance. Bis zur Pause verhindert der Thun-Goalie mit mehreren starken Paraden gegen Sanches und Monteiro einen noch höheren Rückstand. Es tut weh beim Zuschauen.
Nach dem Seitenwechsel bringt Thun-Trainer Gian Luca Privitelli mit einem Dreifachwechsel inklusive dem schmerzlich vermissten Michi Heule frische Kräfte. Kurz nach Wiederbeginn rettet Thun-Goalie Steffen zunächst gegen Monteiro. In der 54. Minute entscheidet Schiedsrichter Urs Schnyder nach einem Foul von Nicolas Bürgy an Samuel Essende dann aber auf Penalty. Essende übernimmt selbst die Verantwortung, verlädt Steffen und erhöht auf 0:4. Der FC Thun gibt sich dennoch nicht geschlagen und kommt kurz darauf zu einer weiteren vielversprechenden Gelegenheit. Brighton Labeau startet in die Tiefe und scheint frei durch zu sein. Lewin Blum verhindert den Abschluss jedoch mit einer Grätsche in höchster Not. In der 68. Minute sorgt ausgerechnet der Ex-Thunrt Kastriot Imeri mit einem abgefälschten Distanzschuss für das 0:5. Auch danach suchen die Oberländer den Ehrentreffer. In der 79. Minute prüft Dominik Pech zwar Niklas Steffen auf der Gegenseite, ehe Thun in der 86. Minute selbst nochmals gefährlich wird. Layton Stewart zieht mit rechts ab, doch Marvin Keller wehrt den Abschluss sicher ab und verhindert den verdienten Ehrentreffer. Doch zwei Minuten zuvor hat sich die Ausgangslage der in jeder Hinsicht angeschlagenen Thuner zusätzlich verschlechtert. Michi Heule hat sich in einem Zweikampf verletzt und kann nicht weiterspielen. Da alle Wechsel bereits vorgenommen sind, muss der FC Thun die letzten Minuten mit nur zehn Spielern bestreiten. YB nutzt die Überzahl in der Schlussminute nochmals aus. Stefan Bukinac flankt von der linken Seite in den Strafraum, wo Samuel Essende völlig frei zum Ball kommt und zum 0:6 einschiebt. Kurz darauf erlöst Schiri Schnyder die Thuner mit dem Schlusspfiff.
Ich bin so angesäuert, dass ich in einen Besen beissen könnte. Stattdessen hole ich mein zuvor beschlagnahmtes Sandwich ab. Mein Arbeitskollege bietet mir aus Mitleid an, mich nach Zürich mitzunehmen. Also geht es hinunter ins Parkhaus, wo ich nach all den Jahren in der Arena Thun eine Premiere erlebe. Bald weiss ich wieder, weshalb ich jeweils mit dem ÖV anreise. Vor der Ausfahrt geht praktisch nichts mehr. Auto reiht sich an Auto, der Stau zieht sich schier endlos hin. Erst nach mehr als einer halben Stunde verlassen wir das Stadiongelände.
So zäh und zerfahren wie der Verkehr nach Spielschluss wirkten an diesem Abend auch die Offensivbemühungen des FC Thun. Aber Kopf hoch. Der nächste Halt heisst wieder Europacup. Aber ganz bestimmt nicht mit dem Auto.