4:1. Party-Kernen ist sich sicher. Thun gewinnt heute dieses Derby und das hoch. Sein Resultattipp tönt ziemlich arrogant für einen Berner Oberländer. Aber der bisherige Saisonverlauf gibt ihm Recht. Leader Thun ist Favorit beim Besuch der Gelb-Schwarzen in den Bergen. Die Sonnenbrillen sind schon Stunden vor dem Spiel gesetzt. Nicht nur wegen dem überraschend sonnigen Wetter, sondern auch wegen dem Strassentheater vor dem Spiel. Die erste Darbietung ist der Fanmarsch des Block Süd, die zweite Darbietung der Fanmarsch der Ostkurve. Die lauten Lieder verraten: Man kennt sich im Bernbiet, schätzt sich aber nicht.
10014 Leute sind im Stadion. 10000 auf den offiziellen Plätzen und 14 auf der Treppe. So scherze ich zumindest, weil in Wahrheit stehen noch viel mehr Fans statt direkt in der Kurve in den Durchgängen. Das Stadion ist übervoll, was in der ersten Halbzeit für mehr Ellbogenszene im G18 sorgt als unten auf dem Platz. Und das will was heissen, wird doch die Partie kämpferisch geführt.
Das Spiel beginnt intensiv. Von der ersten Minute an gehen die Thuner auf Mann und Ball, pressen hoch, zeigen den Young Boys, dass sie hier nichts geschenkt bekommen. YB hat mehr Ballbesitzphasen, aber Thun ist giftiger, bissiger, präsenter in den Zweikämpfen. Jeder Ballgewinn wird gefeiert, jeder Sprint angefeuert. Genau so will man ein Derby sehen. Bis auf eine Szene in der 25. Minute.
Plötzlich liegt der Ball in unserem Netz. Nach einem Eckball herrscht kurz Chaos im Thuner Strafraum. Thun bringt den Ball nicht konsequent weg, die Zuordnung geht für einen Moment verloren. Der Ball fällt Bedia vor die Füsse und er hämmert ihn kompromisslos ins Tor. Die YB-Spieler reissen die Arme hoch, der Gästesektor explodiert, während auf unserer Stadionseite für einen Augenblick die Stimmung gedämpft ist. Doch irgendetwas passt nicht. Die Thun-Spieler protestieren sofort, zeigen Richtung Schiedsrichter und fordern eine VAR-Intervention. Und auch auf den Rängen wird es unruhig. War da nicht eine Hand im Spiel? Der Unparteiische lässt die Szene prüfen, bekommt das Signal vom VAR und geht an den Bildschirm.
Die Sekunden ziehen sich endlos. Wir halten den Atem an. Wir zücken die Handys und sehen uns die Szene in der TV-Übertragung nochmals an. Und hier sieht man es klar: Bevor Bedia an den Ball kommt, springt der Ball an den Oberarm von Fassnacht. Keine Absicht vielleicht, aber eindeutig und vor allem regelwidrig. Der Schiedsrichter dreht sich um, macht die klare Geste: Tor aberkannt. Erleichterung pur. Jubel brandet auf, als hätten wir selbst getroffen. Unsere Spieler klatschen sich ab, ballen die Fäuste, das Stadion lebt wieder. Dieser Moment fühlt sich an wie ein Wendepunkt.
Die erste Halbzeit bleibt torlos. Denn von dieser einen Szene abgesehen ist die Defensive stabil und Goalie Steffen aufmerksam. Thun wird auch nach vorne besser, auch wenn es nicht zu den ganz grossen Chancen reicht.
0:0 steht es zur Pause. Aber beim Bierholen in der Pause sind wir zuversichtlich, dass es auch heute wieder einen Thun-Sieg geben könnte. Es muss ja nicht gleich ein 4:1 ein. Dann kommt diese zweite Halbzeit. Und was für eine. Kaum sind wir am Platz zurück, explodiert unsere Seite des Stadions. Denn nach wenigen Sekunden setzt sich Meichtry stark durch, der Pass kommt, Imeri schiebt ein und trifft zum 1:0. Wir klatschen ab mit Party-Kernen.
YB versucht zu reagieren, drückt kurz. Doch Thun lässt nicht nach. Im Gegenteil. In der 55. Minute steht Kait nach einem Durcheinander im Strafraum steht völlig frei. Einladung angenommen. Tor. Wir liegen uns in den Armen.
Und jetzt geht bei YB gar nichts mehr zusammen. In der 62. Minute bleibt Rastoder eiskalt und sucht sich bei seinem Schuss die Ecke aus. 3:0. Die Berner Abwehr wirkt völlig von der Rolle. Und wir rätseln, ob die YB-Kurve den Support einstellt. Es sind jedenfalls eine Zeit lang keine Fahnen mehr zu sehen im Gästeblock. Doch just als ich Party-Kernen darauf aufmerksam machen will und er sich umdreht, fällt ein YB-Treffer. YB kommt durch Virginius zum 3:1. Aber Panik? Fehlanzeige. Wir singen weiter, wir pushen unser Team. Und die Mannschaft hört zu. Und dann passiert es in der 84. Minute tatsächlich: Das 4:1. Rastoder setzt sich gleich gegen zwei Gegenspieler durch und macht endgültig den Deckel drauf. Jetzt ist klar: Dieses Derby gehört uns. Die letzten Minuten laufen runter, YB rennt ideenlos an, Thun kontrolliert das Spiel. Und die Thuner im Stadion singt lauthals.
Dann der Schlusspfiff. Applaus von allen Seiten. Hinsetzen, aufspringen und Pyros zünden beim gemeinsamen Jubel mit dem Team. Imeri ist mittendrin statt nur dabei, verschenkt sein Trikot am Zaun und macht so überhaupt nicht den Eindruck, dass er zu YB zurück wechseln möchte. Held des Tages ist für uns aber Party-Kernen mit seinem 4:1-Tipp. Was für ein Fussballexperte. Und deshalb gibt er auch gleich exklusiv für thunfans.ch zwei weitere Tipps ab: Thun wird nächstes Wochenende im Joggeli 1:4 gewinnen und schon bald einmal Meister werden. Früher hätte es bei so viel Arroganz eine Bierdusche für ihn abgesetzt. Doch 2026 blicken wir gemeinsam mit ihm optimistisch in die Zukunft.
Für mich geht es dann heim mit dem Schnellzug Richtung Zürich. Direkt von Thun nach Olten und Aarau. Ohne Halt in Bern. Sympathisch, diese Idee eines SBB-Sportzugs, der nur Städte mit erfolgreichen Teams anfährt.