Es ist kalt. Seit Stunden schneit es in Thun. Derweil der FC Thun: Heute verkaufen wir Ovomaltineglace für 1 Franken. Nur bleibt die Eistruhe irgendwie voll. Die undankbaren Thunfans stehen lieber am Visanastand für eine Gratis-Bratwurst an, richtige Versicherungskarte vorausgesetzt. Zum Glück haben wir uns alle dick eingepackt, wir üben schon für eine Champions League-Partie in Sibirien oder sonstwo, wo es selbst im Sommer arschkalt ist. Nordnordwegen wäre da noch so eine Wunschdestination. Party-Kernen macht derweil in der Kurve einen Fehler, der auch an jeder Iglubar ins Verderben führen würde. Er stellt sein Notvorat-Bier eine Reihe hinter sich auf den Boden. Als wäre nicht ein ständiges Geläufe. Das Bier überlebt keine fünf Minuten.
Etwas Kritik am FC Thun muss erlaubt sein. Klar war der Verein während Stunden damit beschäftigt zu verhindern, dass es auf dem weiss eingeschneiten Platz eine Spielaussage gibt wie bei unseren Titelgegnern in St. Gallen. Aber das keine Zeit bleibt, um den Brandopfern von Kerzers zu gedenken, ist echt schwach. Der Verzicht auf eine Trauerminute ist unverständlich. An dieser Stelle wollen wir den fünf unfreiwillig Gestorbenen gedenken. Mögen ihre Angehörigen wieder zu ihrer alten Lebensfreude zurückfinden.
Schiedsrichterin Désirée Blanco pfeift die Partie an, während der Schnee weiter fällt und das Spiel zu einer echten Winterprüfung macht. Und ja, das ist wieder typisch. Den feinen Herren war es heute wohl zu kalt, um zu die Partie zu leiten. Bereits in der Anfangsphase zeigt sich, wie schwierig der Untergrund ist. In der 2. Minute setzt Michael Heule mit einem Distanzschuss nach einem kurz abgewehrten Eckball das erste Zeichen der Thuner, auch wenn der Ball klar am Tor vorbeigeht. In der 6. Minute sieht Valmir Matoshi nach einem harten Einsteigen im Mittelfeld früh die Gelbe Karte. Das Leaderteam drückt trotzdem aufs Tempo und kommt in der 10. Minute zu einer grossen Chance: Nach mehreren Eckbällen landet der Ball bei Leonardo Bertone, der ihn gefühlvoll über GC-Keeper Justin Hammel hebt, doch der Ball klatscht an die Latte. Mitten im Schneetreiben fällt dann in der 17. Minute überraschend das 0:1. Luke Plange bringt den Ball in den Strafraum, wo sich Lee Young-Jun gegen Genis Montolio durchsetzt und den Ball unter die Latte drückt. Die Zürcher nutzen ihre erste echte Möglichkeit passend zum Wetter also eiskalt und erwischen die Berner Oberländer auf dem falschen Fuss. Der Leader reagiert jedoch ruhig und übernimmt weiterhin die Kontrolle über das Spiel. In der 27. Minute kommt GC nochmals gefährlich vors Tor, als Samuel Krasniqi nach einer Flanke im Fünfmeterraum frei zum Abschluss kommt, den Ball aber nicht richtig trifft. Der Ausgleich fällt in der 33. Minute und wird von uns geschätzten 10’000 Thunfans lautstark bejubelt. Bertone zieht aus der Distanz ab, Mattias Käit steht im Strafraum genau richtig und lenkt den Ball im Stil eines klassischen Mittelstürmers entscheidend ab. Gc-Goalie Hammel ist chancenlos. Das 1:1 ist verdient. Nur vier Minuten später folgt bereits der nächste Schlag der Leader: In der 37. Minute bringt Bertone einen Freistoss gefährlich in den Strafraum, danach zieht Fabio Fehr kraftvoll ab. Der Ball prallt an Genis Montolio ab, der nicht mehr ausweichen kann, und wird so unhaltbar abgefälscht. Hammel reagiert zu spät, der Ball schlägt ein. 2:1 für die Berner Oberländer. Der VAR überprüft die Szene kurz, doch der Treffer zählt.
Die Partie bleibt wild, und in der 40. Minute scheint GC sofort zurückzuschlagen. Lee Young-Jun trifft aus der Drehung, der Ball wird abgefälscht und landet im Netz. Doch die Szene wird überprüft. Das finden wir richtig, denn viele haben wie ich das Tor gar nicht gesehen. Wir waren zu sehr damit beschäftigt, dass heutige Spruchband der GC-Kurve gegen ihren Lieblingsthuner Urech zu entziffern. VAR Mirel Turkes meldet sich aus Volketswil, aber nicht wegen dieser Ablenkung, sondern weil Luke Plange in der Entstehung im Abseits gestanden haben könnte. Schiedsrichterin Blanco geht selbst zum Monitor, betrachtet die Bilder lange und entscheidet schliesslich: Offside. Das Tor wird aberkannt, der Ausgleich zählt nicht. Kurz vor der Pause folgt bereits der nächste VAR-Moment. In der 45. Minute hämmert Fabio Fehr den Ball aus grosser Distanz ins Tor. In der Stockhorn Arena wird bereits wieder gejubelt, doch erneut wird geprüft. Bei der Entstehung soll Elmin Rastoder den Torhüter Justin Hammel beim Abstoss behindert haben. Schiedsrichterin Blanco studiert auch diese Szene lange am Bildschirm und annulliert den Treffer schliesslich. Nach einer turbulenten ersten Halbzeit mit weiterhin starkem Schneefall geht Thun immerhin mit einer 2:1-Führung in die Pause. Bierholen. Wenn auch ausnahmsweise am Twint-Stand, mit Bargeld dauert das heute zu lang. Aber was wollen wir klagen, die Partie ist nun mal ausverkauft.
Kaum läuft die zweite Halbzeit, erhöhen die Berner Oberländer erneut das Tempo. In der 50. Minute schlägt Genis Montolio einen langen Ball nach vorne. Brighton Labeau setzt sich durch, nimmt den Ball auf und hebt ihn mit einem herrlichen Lupfer über Hammel hinweg ins Tor. Ein traumhaftes Tor im Schneegestöber. Thun führt nun 3:1. GC versucht zu reagieren, doch die Thuner haben das Spiel nun im Griff. In der 61. Minute folgt der nächste Treffer: Labeau schickt Elmin Rastoder steil in die Tiefe. Der Stürmer lässt Hammel aussteigen und schiebt locker ins leere Tor ein. Doch sofort geht der Blick zum Schiedsrichtergespann, denn Rastoder bewegt sich beim Zuspiel an der Grenze zum Offside. Der VAR überprüft die Szene erneut ausführlich. Doch dann fällt die Entscheidung: kein Abseits. Das Tor zählt. 4:1. Wir feiern die klare Führung und gleichzeitig Rastoders 12. Saisontreffer.
Der Schneefall wird stärker, doch die Berner Oberländer bleiben spielbestimmend. In der 70. Minute verabschiedet sich Brighton Labeau unter grossem Applaus, als der Österreicher Furkan Dursun für ihn ins Spiel kommt. Kurz darauf, in der 77. Minute, deutet sich bereits der nächste Treffer an, als Dursun eine präzise Flanke von Fehr mit dem Kopf verlängert und der Ball nur hauchdünn am Pfosten vorbeistreift. In der 80. Minute fällt schliesslich das 5:1. Nils Reichmuth bringt eine Flanke in den Strafraum, Dursun steigt hoch und verlängert den Ball mit dem Kopf ins hintere Eck. Guter Mann. Wieder ein sehenswerter Treffer des Leaders, die an diesem Abend auch im starken Schneefall immer wieder spielerische Glanzpunkte setzt.
Die Schlussphase ist geprägt von Wechseln und lautem Jubel auf den Rängen. In der 91. Minute muss GC-Spieler Luke Plange verletzt vom Platz, während auf der unserer Seite längst gefeiert wird. Drei Minuten Nachspielzeit werden angezeigt, doch die Partie ist längst entschieden. Als Schiedsrichterin Blanco schliesslich abpfeift, jubeln die Thuner überall in der Stockhorn Arena. Die Statistik zeigt zwar mehr Ballbesitz für GC, doch bei der entscheidenden Kategorie haben die Zürcher keine Chance: Die Berner Oberländer gewinnen im Schneegestöber klar mit 5:1. Da könnten wir uns doch noch ein Ovomaltineglace holen. Hopp Thun und en Guete.