Verkehrte Welt bei den SBB. Da stehen am HB in Zürich drei Wagen, die für die Thunfans reserviert sind. Doch als ich mit Thunschal um den Hals einsteigen will, pfeift der Kondukteur. Er hat soeben die Wagen geschlossen und will sie erst in knapp 2 Stunden wieder öffnen, wenn wir nach längerer Baustellenumleitung Thun erreicht haben. Dass der Zug unterwegs in Aarau, Olten und Bern hält, wo auch weitere Thunfans einsteigen wollen, interessiert ihn nicht. Dabei hat der Block Süd auf WhatsApp die Zugverbindung an 689 Fans geschickt. The Regels sind the Regels. We must them halten, wie schon Marc Terenzi im Dschungelcamp wusste. Und so setze ich mich im Thun-Outfit in den vollen Familienwagen. Nach vorne wechseln in Thun geht auch nicht bei nur einer Minute Zwischenhalt. So treffe ich die anderen Thunfans erst in Visp, obwohl ich doch die ganze Zeit im richtigen Zug war. Immerhin die S-Bahn-Fahrt durchs Wallis ist angenehm mit viel Sound und einer funktionierenden Klimaanlage. Selbst der Halt in Sitten verläuft problemlos, die Sion-Fans sind ja alle im Wallis. Das denken wir zu diesem Zeitpunkt jedenfalls noch. Nach über drei Stunden Fahrt bin ich in Saxon. Es ist heiss. Aber während dem 15-minütigen Fanmarsch klappt niemand zusammen. Das ist dagegen leider schon im Gästesektor passiert. Dort liegt eine Helferin in Seitenlage am Boden und ist nicht ansprechbar. Schliesslich fährt die Ambulanz ins Stadiongelände und transportiert sie ab. Gute Besserung! Das muss der erste Ambulanzeinsatz im Thuner Gästesektor sein, seit man mich vor x Jahren einmal mit zwei offenen Fingern aus dem Brügglifeld ins Spital fahren musste. 7:1 gewann Thun damals. Ein solch hoher Auswärtssieg wäre heute eigentlich auch gegen den Zweitligisten Saxon angebracht. Um bei den Toren genügend Munition zum Anstossen zu haben, holen Kevä und ich uns vor dem Anpfiff gleich vier Becher Weisswein. Vorsorge lohnt sich.
Thun-Trainer Gian-Luca Privitelli lässt eine komplett neu formierte Mannschaft auflaufen. Kein einziger Spieler, der am vergangenen Donnerstag beim 2:3 gegen Vikingur Reykjavik in der Europa-League-Qualifikation von Beginn gespielt hat, steht bei Anpfiff um 16 Uhr in Saxon auf dem Platz. Die Thuner brauchen nicht lange, um die Kräfteverhältnisse klarzumachen. Bereits in der 11. Minute geht der FC Thun in Führung. Adam Ilic erzielt das 1:0 auf spektakuläre Art und Weise. Der junge Mittelfeldspieler setzt zu einem akrobatischen Abschluss an und bringt den Ball im Tor unter. Es ist der schönste Treffer des Nachmittags und zugleich der Auftakt zu einer einseitigen Partie. Nur drei Minuten später fliegt Saxons Ruben Neves nach einem Notbremsefoul vom Platz. Schiedsrichter Hajrim Qovanaj zeigt ihm in der 14. Minute die Rote Karte. Der Entscheid fällt hart aus, doch für die ohnehin überlegenen Gäste wird die Aufgabe damit noch einfacher. Kurz darauf erhöht Furkan Dursun per Foulpenalty auf 2:0. Der FC Thun kontrolliert das Geschehen nun problemlos und lässt dem unterklassigen Gegner kaum Raum, um selbst gefährlich zu werden. Noch vor der Pause sorgt Dursun erneut für einen Treffer und erhöht auf 3:0.
Der Stürmer findet sichtlich Gefallen am Toreschiessen und legt nach dem Seitenwechsel gleich noch einmal nach. Mit seinem dritten Treffer des Nachmittags stellt er auf 4:0 und macht aus dem Cupspiel endgültig eine klare Angelegenheit. In der 54. Minute fällt das 5:0. Wieder ist Ilic zur Stelle. Der 18-Jährige erzielt seinen zweiten Treffer und krönt damit seinen starken Auftritt. Spätestens jetzt ist der Einzug in die zweite Cuprunde eingetopft. Kevä und ich sind da längst bei der dritten Weissweinrunde angelangt. Und wir machen uns bereit für den nächsten Torjubel. Der eingewechselte Layton Stewart erhält die Chance, sich ebenfalls in die Torschützenliste einzutragen. Vom Penaltypunkt scheitert er jedoch an Saxons Torhüter Joel Da Cruz. Der Walliser verhindert damit den sechsten regulären Thuner Treffer. Der fällt wenig später trotzdem. In der Folge lenkt Saxons Luca Urgese den Ball ins eigene Tor und sorgt damit für das 6:0. Es ist zugleich das Schlussresultat.
Doch der Fussballtag ist damit noch nicht zu Ende. Vor dem Stadion sorgen Sion-Fans für Aufregung. Es fliegen Steine, es kommt zu Handgemengen, die Polizei setzt Pfefferspray ein. Ein unwürdiges Ende des Cupausflugs ins Wallis. Immerhin zeigen die Verantwortlichen von Saxon Herz und verteilen kostenlos Wasserflaschen. Selbst ein Spieler eilt zur Hilfe. Und auch die tapfere Sanitärtruppe, die wahrlich einen anstrengenden Nachmittag durchmacht, ist wieder überall zur Stelle, wo sie gebraucht wird. Lädiert, aber immerhin mit einem hohen Auswärtssieg im Gepäck, marschieren wir zurück Richtung Bahnhof. Dort spendiert ausgerechnet jener Fan, der von Frutigen nach Gampel mit dem Velo fährt und die Strecke auch wieder zurück radelt, eine Runde Bier und Knabberzeug. Besten Dank. Genau so sollte ein Cupausflug doch sein.