Weltklasse Zürich. Ich habe ein Ticket auf der 100-Meter-Ziellinie. Geschätzter Wert 250 Franken. Ich gebe es ab an meinen Arbeitskolkegen für ein 2-Liter-Bier aus Hessen. Denn heute habe ich einen anderen Termin. Weltklasse in Thun. Auch wenn Thun vom Hinspiel einen Sieben Tore Rückstand aufholen muss, geht ein Europacupspiel von Thun natürlich immer vor. Was aber nicht alle so sehen. Mit 5500 Zuschauern ist der Fansufmarsch doch eher mässig. Egal. Ich stärke mich mit Bier aus Polen und Kevä versorgt mich schon wie im Cup zusätzlich dazu mit jeder Menge Weisswein. Als wäre es ein Cupspiel, nur das wir hier der klare Aussenseiter sind.
Von Beginn an macht das Heimteam deutlich, dass es sich nach dem Debakel in Polen nicht einfach ergeben will. Bereits in der 4. Minute stört Thun den Gegner früh und setzt Lech Posen tief in der eigenen Hälfte unter Druck. Die Gäste wirken tatsächlich nicht wie eine Mannschaft, die mit letzter Konsequenz auf einen weiteren Sieg aus ist. In der 6. Minute kommt Luis Palma über die linke Seite und bringt den ersten Angriff der Polen zustande. Sein Ball in die Mitte ist allerdings sichere Beute für Thuns Ersatzgoalie Tim Spycher. Thun ist zunächst die aktivere Mannschaft, wird aber in der 17. Minute kalt erwischt. Eine lange Flanke landet in der rechten Hälfte des Thuner Strafraums, wo Bartosz Gumny sträflich viel Platz erhält. Der Pole kann sich in aller Ruhe auf den Abschluss vorbereiten und trifft problemlos in die linke Ecke. Thun liegt damit trotz des engagierten Starts mit 0:1 zurück. Die Reaktion des Heimteams lässt allerdings nicht lange auf sich warten. In der 22. Minute fällt der Ausgleich. Furkan Dursun spielt einen präzisen Pass in Richtung Simon Lengen, der völlig frei einschieben kann. Für Lengen ist es der erste Treffer für die erste Mannschaft. Doch noch ist nicht klar, ob der Treffer tatsächlich zählt. In der 23. Minute überprüft der VAR die Szene, weil Dursun bei seiner Aktion möglicherweise aus einer Abseitsposition gestartet ist. Die Thuner müssen bangen. Eine Minute später kommt die Erlösung: Der Treffer wird bestätigt, in der 25. Minute steht endgültig fest, dass der Ausgleich zählt. Thun belohnt sich damit für einen bis dahin mutigen Auftritt. Danach bleiben die Oberländer gefährlich. In der 28. Minute verpasst Lucien Dähler mit seinem Schuss aus rund 17 Metern die erstmalige Thuner Führung nur knapp. Auch Lech Posen kommt zu Möglichkeiten. In der 35. Minute findet Yannick Agnero eine Lücke in der Thuner Abwehr und schickt Sayyad alleine auf das Tor. Der Angreifer setzt den Abschluss jedoch deutlich über den Kasten. Kurz vor der Pause schlägt Thun dann aber zu. In der 43. Minute erzielt Dursun das 2:1 und krönt damit eine starke erste Halbzeit. Ausgangspunkt ist Torhüter Tim Spycher, der den Ball tief ins Feld schlägt. Über drei Stationen gelangt das Spielgerät zu Dursun. Der Thuner bleibt vor dem Tor eiskalt und vollendet den Angriff mit einem präzisen Abschluss.Thun hst die Partie gedreht und geht mit einer 2:1-Führung in die Pause.
In der Pause haben wir also noch einen Hauch Hoffnung. Deshalb holen wir gleich zwei Runden Weisswein auf einmal. Wenn uns das bloss nicht in der Verlängerung zum Nachteil wird.
Nach dem Seitenwechsel nimmt Lech Posen zunächst mehr Einfluss auf das Spiel. In der 49. Minute segelt ein Eckball gefährlich durch den Thuner Strafraum und landet bei Agnero. Der kann den Ball jedoch nicht kontrollieren. Zwei Minuten später drückt Posen weiter, doch die Thuner Defensive steht nun deutlich stabiler als noch beim Gegentor. In der 53. Minute folgt eine der umstrittensten Szenen der Partie. Patrik Walemark, der Doppeltorschütze aus dem Hinspiel, fällt im Thuner Strafraum und fordert damit unfreiwillig eine entscheidende Szene heraus. Der Pfiff des Schiedsrichters ertönt, doch statt auf den Penaltypunkt zu zeigen, entscheidet er auf Schwalbe und verwarnt Walemark mit der gelben Karte. Damit bleibt die Thuner Führung bestehen. Thun nimmt in dieser Phase auch personelle Veränderungen vor. In der 46. Minute kommen Roth und Fehr für Saiz und Strannegard ins Spiel. In der 55. Minute ersetzt Ilic Maier, ehe Furkan Dursun in der 61. Minute unter Applaus seinen verdienten Feierabend erhält. Riccardo Braschi übernimmt für den bislang überragenden Thuner. Lech Posen bleibt derweil gefährlich. In der 59. Minute setzt Luis Palma einen Abschluss nach einer Überzahlsituation über das Thuner Tor. Zwei Minuten später muss Passavant den auffälligen Palma gerade noch stoppen. Thun hält dagegen und versucht, die Führung zu verteidigen. In der 64. Minute wird es erneut gefährlich vor dem polnischen Tor, als Fehrs Schuss von einem Verteidiger abgelenkt wird und dadurch als überraschende Flanke auf das Tor fliegt. Dann aber fällt der Ausgleich doch noch. In der 67. Minute setzt sich Patrik Walemark auf der rechten Seite durch und kommt aus guter Position zum Abschluss. Der Ball schlägt im Thuner Tor ein. Aus der 2:1-Führung wird damit ein 2:2. Für Thun ist es besonders bitter, weil die Mannschaft in der zweiten Halbzeit bis zu diesem Zeitpunkt ausgesprochen abgeklärt verteidigt und den Gegner weitgehend kontrolliert hat. Die Thuner wollen sich mit dem Unentschieden jedoch nicht zufriedengeben. Ab der 76. Minute erhöht das Heimteam noch einmal den Druck und sucht die erneute Führung. In der 78. Minute sorgt Fehr mit einem satten Schuss für Gefahr, der einen Gegenspieler am Kopf trifft. Der anschliessende Eckball wird kurz ausgeführt und endet gleich in der nächsten Ecke. Auch in der 79. Minute bleibt Thun nach einem Eckball gefährlich, doch die Variante endet mit einem Offensivfoul. Auf der Gegenseite bringt ein Eckball von Lech Posen in der 83. Minute ebenfalls nichts ein, weil sofort ein Stürmerfoul gepfiffen wird. In der Schlussphase zeigt sich, dass die Kräfte bei beiden Mannschaften schwinden. Trotzdem bleibt die Partie offen. In der 87. Minute versuchen beide Teams noch einmal, den Sieg an sich zu reissen. Thun will sich für die starke Reaktion belohnen und Lech Posen bietet sich weiterhin die Möglichkeit, das Spiel doch noch zu seinen Gunsten zu entscheiden. Der Schiedsrichter lässt drei Minuten nachspielen. In der 92. Minute kommt Zoukit noch einmal zu einer guten Möglichkeit. Aus spitzem Winkel setzt er den Ball jedoch über das Tor.
Kurz darauf ist Schluss. Thun hat zwar nicht verloren, sich aber trotzdem mit deutlichem Resultat aus der Europa League verabschiedet. Weiter geht’s Mitte Oktober in der Conference League und eigentlich schon Mitte September in der Champions League. Zwar nur im Hockey. Aber im Zug nach Zürich kann ich einen Thunfan, der sich auch schon mal für eine zweistündige Funiculare-Führung in Freiburg begeistern lässt, für das Spiel Gottéron gegen Adler Mannheim gewinnen. Hauptsache, einmal einen Meister in einem europäischen Spiel siegen sehen. Nächster Termin Weltklasse in Freiburg.