Wenn der Meister zum ersten Mal seit dem Titelgewinn in Zürich antritt, liegt es auf der Hand, dass der Zürcher unter den Meisterfans den Spielbericht übernimmt. Schliesslich könnte ich zu Fuss ins Stadion meines Quartiervereins gehen, während die anderen Fans stundenlang und vermutlich ziemlich süffig im Extrazug anreisen. Meine nüchterne Sicht aufs Spiel scheint also die sichere Variante.
Gesagt, getan: Der Gästesektor ist gut gefüllt, vom Anpfiff weg herrscht beste Stimmung. Sie wird noch besser, als der Meister früh in Führung geht. Doch der Vorsprung hält nicht bis zur Pause: Zürich gleicht aus, übernimmt das Spieldiktat und geht seinerseits in Führung. Ärgerlich, aber nicht völlig überraschend. Denn es ist wie so oft. Die Einstellung stimmt. Die Aufstellung nicht. Auf dem Matchblatt fehlen einige Schlüsselspieler. Und was nicht vergessen werden darf: Mitte nächster Woche wartet der Europacup. Der Fan neben mir ist aber überzeugt: Mit der kompletten ersten Mannschaft würden wir heute gewinnen. Unser Meisterteam hält tatsächlich erstaunlich gut mit und gleicht immer wieder aus: 2:2, 3:3, 4:4. Erst dann fällt die Entscheidung …
Was, ihr seid verwirrt? Ich schreibe natürlich über ZSC gegen Gottéron in der Swiss Life Arena. Was ein paar hundert Meter weiter im Letzigrund geschieht, verfolge ich nur auf dem Smartphone. Da ich weder wetterfest bin noch mich verdoppeln kann, habe ich mich für die Indoor-Meistergala statt für das Durchzugsfestival entschieden. Zum normalen Wahnsinn des Fanlebens passt das bestens: Nächste Woche reise ich für ein Thun-Spiel Hunderte Kilometer in die Niederlande, heute fehlt mir für das Thun-Spiel vor der Haustür die Motivation.
Wenn ihr trotzdem ein paar Zeilen zum anderen Meisterbesuch in Zürich wollt, bitte sehr: Im strömenden Regen startet Thun konzentriert und geht nach 16 Minuten in Führung. Nach dem dritten Eckball fällt Simon Lengen der Ball etwas glücklich vor die Füsse; er fackelt nicht lange und hämmert ihn zum 1:0 ins Netz. Es ist der erste Thuner Treffer nach einem Eckball in dieser Saison. Der Gästesektor feiert, der meisterliche Abend scheint angerichtet. Doch der FCZ übernimmt rasch das Kommando. In der 30. Minute lanciert Emmanuel den freistehenden Spadanuda, der von der Strafraumgrenze zum 1:1 trifft. Sieben Minuten später landet ein ungenügend geklärter Ball bei Krasniqi. Mit einer Körpertäuschung schafft er sich Platz und schiesst aus rund 20 Metern flach zum 2:1 ein. Aus Thuner Führung wird innert sieben Minuten ein Rückstand; bis zur Pause bleibt es dabei.
Nach dem Seitenwechsel bleibt die Partie zerfahren. Für Thun wird sie nun ähnlich ungemütlich wie es das Wetter längst ist. In der 64. Minute tankt sich Lichtenstein durch die Abwehr und hämmert den Ball aus kurzer Distanz unter die Latte. Zwei Minuten später kommt Bamert im Zweikampf gegen Reichmuth zu spät und trifft seinen Gegenspieler am Fuss. Schiedsrichter Hajrim Qovanaj ahndet das Foul zunächst mit Gelb. Nach dem Eingreifen des VAR überprüft Qovanaj die Szene und korrigiert seinen Entscheid auf Rot. Auch das noch! Thun spielt ab der 67. Minute in Unterzahl.
Der FCZ nutzt den zusätzlichen Raum. In der 77. Minute legt Lichtenstein präzise für Kény auf, der aus kurzer Distanz zum 4:1 trifft. Die Partie ist entschieden. Immerhin gelingt Dorian Derbaci in der 90. Minute noch das 2:4 für Thun. Sein erstes Tor in der Super League ist ein kleiner Lichtblick an einem ansonsten nassen und enttäuschenden Abend.
So endet Thuns erster Auftritt in Zürich seit dem Titelgewinn ohne Punkte. Während ich nebenan in der Swiss Life Arena den unterhaltsameren Meisterabend erlebe, bleibt den im Letzigrund aufgetauchten Thunfans nur die Hoffnung auf einen besseren nächsten Auftritt. Doch Fussballfans sind bekanntlich hart im Nehmen. Aus sicherer Quelle weiss ich zudem: Nächste Woche werden deutlich mehr Thunfans zum Europacupspiel in die Niederlande reisen als Gottéronfans zu ihrem Europacupspiel nach Dänemark. Deshalb ein Chapeau aus der Swiss Life Arena Richtung Letzigrund.