Der Clown ist wirklich gruselig. Er hat ein kahles, blasses Gesicht, einen bedrohlichen Blick, ein breites, bösartig wirkendes Grinsen und trägt einen auffälligen, gerüschten Kragen sowie ein dunkles Kostüm mit zwei aufgestickten Lech-Posen-Logos. Er sieht nicht gerade so aus, als hätte er Gnade mit dem FC Thun. Ein Albtraum? Nein. Ich stehe in einem Fanshop von Lech Posen. Das T-Shirt, das auf ziemlich eindrückliche Weise zeigt, dass die Auswärtspartie in Polen kein Kindergeburtstag wird, zieht mich wie magisch an. Noch weiss ich nicht, dass sich nicht das Clowngesicht für immer in mein Gedächtnis einbrennen wird, sondern der Schriftzug „Fuck the Fame“. Denn Lech Posen wird dem FC Thun verfickt noch mal ganz dick den Stempel in die Klubgeschichte drücken. Bis heute ist die höchste Niederlage des FC Thun gegen ein ausländisches Team ein 0:5 gegen Argentinien mit Diego Maradona im Sommer 1990. Was sich hier und jetzt ändern wird.
Wir Thunfans treffen uns auf dem Alten Markt, dem grossen Stary-Rynek-Platz in der Altstadt. Es fliesst reichlich Bier, auf den Tellern landen grosse Portionen deftiges Essen – je nach Geschmack mit viel Gulasch oder viel Rahm. Gross ist auch die Polizeipräsenz. Wir rätseln sogar, ob die herumstolpernde Winnie-Puuh-Figur ein Zivilpolizist sein könnte. Echt sind jedenfalls die Uniformierten, die uns den Weg zu den beiden Shuttlebussen weisen. Nach einem fünfminütigen, kompakten Fanmarsch geht es damit zum Stadion. Und wie! Wir werden in einem Konvoi von gut einem Dutzend Polizeifahrzeugen mit Blaulicht und Sirenen eskortiert. Wir halten für nichts und niemanden und donnern mit Vollgas über jede Kreuzung.
Genauso kompromisslos wird sich Lech Posen später im Stadion durchsetzen.
120 Thuner marschieren nach dem wilden Trip in den Gästesektor. Dort stehen wir einer blau-weissen Wand aus 22’000 fantastischen Heimfans gegenüber. Schon weit vor Spielbeginn schallt lauter Gesang durch das Stadion. Bei der Mannschaftsvorstellung werden bei jedem Spielernamen die Schals in die Höhe geworfen. Und schliesslich folgt eine XXL-Choreo: eine kriegerische Szene, in der ein Soldat mit der Identifikationsnummer 12 einen verletzten Kameraden trägt. Darunter prangt das Spruchband: „Leave no man behind“. Weniger Emotionen sind auf Thuner Seite zu spüren. Wir Thunfans singen zwar ebenfalls schon beim Aufwärmen und nochmals, als sich die Spieler in die Kabine verabschieden. Doch von den Spielern kommt nur ein schwacher Applaus zurück. Motivationsprobleme?
Der FC Thun geht als klarer Underdog in diese Partie gegen Lech Posen. Eine solche Ausgangslage kann durchaus mal befreiend wirken. Doch nicht heute. Leistungsmässig Akzeptabel sind nur die ersten fünf bis zehn Minuten. Nach 60 Sekunden kommt der erste Eckball von Thun. Die kurz ausgeführte Variante führt über mehrere Stationen beinahe zur Führung, doch ein polnischer Verteidiger kann den Ball gerade noch auf der Linie klären. Auch in den folgenden Minuten treten die Thuner einigermassen selbstbewusst und haben mehr Ballbesitz.
Doch all das ändert sich in der 10. Minute schlagartig. Michi Heule verliert auf der rechten Seite den Ball an Patrik Walemark. Der Lech-Angreifer zieht völlig unbedrängt auf das Thuner Tor und trifft via linken Innenpfosten zum 1:0. Ein vermeidbarer Gegentreffer und gleichzeitig der Auftakt zu einem völlig missratenen Auftritt der Berner Oberländer. Posen übernimmt nun endgültig das Kommando. In der 12. Minute verpasst Mateusz Skrzypczak per Kopf nur knapp das zweite Tor. Zwei Minuten später ist von der anfänglichen Thuner Selbstsicherheit bereits wenig übrig. Die Polen sind zweikampfstärker, spielen schneller und bestrafen die Fehler der Gäste konsequent. In der 19. Minute hat Pablo Rodriguez im Strafraum viel zu viel Platz und schiesst knapp über die Latte. Eine Minute später fällt dann doch das 2:0. Die Thuner Abseitsfalle funktioniert nicht. Allahyar Sayyadmanesh wird dadurch völlig freigespielt und kann den Ball relativ unbedrängt an Thun-Goalie Steffen vorbei ins Tor schieben. Wieder landet der Ball präzise am Innenpfosten. Wieder sieht die Thuner Defensive alles andere als gut aus. Und es kommt noch schlimmer. In der 25. Minute ist Walemark erneut zur Stelle. Bürki lässt den Polen im Strafraum gewähren, der sich die Einladung nicht entgehen lässt und zum 3:0 einschiebt. Thun befindet sich im freien Fall. In der 31. Minute fällt das 4:0. Wieder leisten die Berner Oberländer kräftig Schützenhilfe. Mateusz Skrzypczak wird praktisch zum Toreschiessen eingeladen und darf ohne ernsthafte Gegenwehr einschieben. Die Partie ist damit nach gut einer halben Stunde entschieden. Und dann folgt die Höchststrafe: Lech Posen kann es sich in der 37. Minute sogar leisten, Doppeltorschütze Walemark auszuwechseln. Während beim Heimteam bereits Kräfte für die nächsten Aufgaben geschont werden können, geht bei Thun noch vor der Pause Gutbub vom Platz. Allerdings nicht wegen seiner bis dahin einmal mehr durchzogenen Leistung. In der 41. Minute bleibt er nach einem Zweikampf liegen. Nach kurzer Behandlung versucht er zunächst weiterzumachen, muss schliesslich aber doch passen. Weil Ersatz erst verspätet bereitsteht, spielen die Thuner mehrere Minuten in Unterzahl. An den ohnehin klaren Kräfteverhältnissen auf dem Platz ändert das allerdings nichts. In der 45. Minute erhöht Radoslaw Murawski auf 5:0. Kurz darauf ertönt der Pausenpfiff. Fünf Gegentore in einer Halbzeit, kaum ernsthafte Gegenwehr und ein Gegner, der jederzeit noch einen Gang hätte hochschalten können. Für die Thuner ist dieser Abend zu diesem Zeitpunkt längst ein grösserer Horrorfilm als jede Geschichte mit einem verrückten Clown.
Also dann ein Bier holen und 45 Minuten weiterleiden. Thun reagiert zur Pause mit einem Doppelwechsel. Tom Strannegard ersetzt Michi Heule, Fabio Saiz kommt für Nassim Zoukit. Doch bereits nach wenigen Sekunden der zweiten Halbzeit wird klar, dass sich an diesem düsteren Abend nichts mehr grundlegend ändern wird. In der 48. Minute fällt das 6:0. Daniel Hakans zieht ab, Bamert lenkt den Ball unhaltbar ab. Steffen ist wie so oft an diesem Abend chancenlos. Danach zerfällt Thun endgültig. Die Berner Oberländer spielen zahlreiche Bälle zurück zu ihrem eigenen Torhüter und wirken völlig verunsichert. Steffen ist längst der Thuner mit dem meisten Ballbesitz und steht regelmässig weit ausserhalb seines Strafraums, um überhaupt am Spielaufbau teilnehmen zu können. In der 55. Minute muss er erneut einen Angriff entschärfen. Auch beim Stand von 0:6 ist er mit Abstand der auffälligste Thuner. Auf den Rängen von Lech Posen ist die Stimmung natürlich weiterhin prächtig, während der Support bei uns im Thuner Gästesektor nach dem sechsten Gegentreffer deutlich nachlässt.
In der 63. Minute gibt es einen seltenen Lichtblick. Fabio Saiz bringt einen Ball auf das gegnerische Tor. Kurz darauf scheint in der 67. Minute tatsächlich der Ehrentreffer zu fallen. Furkan Dursun trifft zum vermeintlichen 6:1. Der Jubel fällt allerdings verhalten aus. Zu gross ist die Gewissheit, dass selbst dieser Treffer an der grundsätzlichen Misere kaum etwas ändern würde. Und zu allem Übel greift auch noch der VAR ein. Die Szene wird überprüft, die Entscheidung fällt gegen Thun. Dursun steht bei der Entstehung des Treffers im Abseits. Das 6:1 wird aberkannt. Selbst der kleine Hoffnungsschimmer auf etwas Resultatkosmetik ist damit weg. Stattdessen folgt in der 79. Minute noch das 7:0. Robert Gumny hebt den Ball über Steffen hinweg ins Tor, worauf mit Ausnahme unseres Gästeblocks nochmals das ganze Stadion jubelt. Wir beginnen derweil, unsere Sachen zu packen. Der Support ist nun endgültig eingestellt. Diskutiert wird nur noch darüber, wie wir der Mannschaft unseren Ärger zeigen wollen. Wir entscheiden uns für die Variante Kurvenboykott und leeren den Block. Beim Schlusspfiff ist keine Menschenseele mehr im Gästesektor. So lethargisch und emotionslos, wie das Team heute aufgetreten ist, hat es von uns überhaupt keine Emotionen verdient. Hätten wir Musikböxli dabei, würden wir wohl die Titelmelodie von «Es» oder einem anderen Horrorfilm mit verrückten Clowns laufen lassen. Denn genau das seid ihr heute auf dem Platz gewesen: eine Clowntruppe, die uns mit einer Horrorszene nach der anderen erschreckt und diesen Abend für uns zum Albtraum gemacht hat.