Fahrtrichtung Genf. Noch nie hat Thun in der Grenzstadt zu Frankreich mit mehr als einem Tor Vorsprung gewonnen. Wir sind deshalb skeptisch, ob wir an einem gemütlichen Sonntag überhaupt die weite Fahrt auf uns nehmen wollen. Bei mir macht ehrlich gesagt den Ausschlag, dass die Thunfans heute nicht in einem Extrazug unterwegs sind, sonden im fahrplanmässigen Zug mit beschrifteten Extrawagen, welche diese Aufschrift bereits ab Zürich tragen. Endlich mal viel Platz in einem Zug ab Zürich, wobei die Mitpassagiere wegen meinem Blick und meinem Schal spätestens in Olten alle das Weite suchen. Ab Bern ist dann der Block Süd mit an Bord, standardmässig laut und fröhlich. Die Anreise ist ein grosser Spass mit Ausnahme der Olympia-Abfahrt. Die Schweizerinnen sind grottenschlecht, Lindsey Vonn stürzt gefährlich, nur Italien holt als Lichtblick eine Medaille. Immerhin viel Sportprogramm für die ganze lange Fahrt. Die positive Überraschung folgt in Genf. Wir erhalten einen Extrazug zum Stadion samt Deponiermöglichkeit. Die Info kommt einfach etwas zu spät für jene Fans, die ihr Bier und Cola schon kurz zuvor weggeschnitten haben. Wer vertrauen in die SBB hat, wird mal wieder belohnt.
Das Stadion ist so einigermassen gefüllt mit knapp über 6200 Leuten. Die Servette-Kurve ist immer noch in zwei Teile getrennt, in die Section Grenat und vis-à-vis in die Assi-Kurve, wie wir den Genfer Absprengsler bezeichnen. Dort stehen einige Jungs trotz kühler Witterung schon bald oben-ohne, das aber nicht lange. Was auf das Spiel zurückzuführen ist, das Thun an sich reisst. Party-Kernen tippt mal wieder 1:4. Mal schauen.
Thun beginnt dominant und übernimmt von der ersten Minute an die Kontrolle. Der Aufsteiger setzt Servette früh unter Druck, kombiniert sicher und lässt defensiv kaum etwas zu. Bereits in der Anfangsphase ergeben sich gute Möglichkeiten, unter anderem durch Matoshi, der aus kurzer Distanz über das Tor schiesst. Die Genfer kommen zwar vereinzelt zu Offensivaktionen, bleiben aber harmlos.
In der 40. Minute wird die Überlegenheit belohnt. Imeri lanciert Rastoder mit einem langen Ball, dieser ist schneller als Servette-Keeper Mall und schiebt sehenswert zur verdienten 1:0-Führung ein. Auch danach bleibt Thun spielbestimmend, einzig kurz vor der Pause muss Goalie Steffen sein Können zeigen und den Ausgleich verhindern.
In der Pause holen wir uns voller Optimismus die nächste Runde Bier. Bargeld ist hier Trumpf, wer dagegen mit Twint zahlt, muss an der Theke reklamieren, dass ein Bier und ein Hot Dog nicht gerade mitten 50 Franken verbucht werden sollten. Ach und das Männer-WC ist längst unter «Wasser», was aber wohl mit der langen Anreise zu tun hat.
Nach dem Seitenwechsel legt Thun sofort nach. In der 47. Minute verlängert Captain Bürki eine Imeri-Hereingabe per Kopf zum 2:0. Thun bleibt dran, ein weiteres Tor von Imeri wird wegen Abseits aberkannt, weitere Chancen werden ausgelassen. Servette versucht in dieser Phase, den Druck zu erhöhen, scheitert jedoch an der gut organisierten Thuner Defensive oder an Steffen, der unter anderem einen Lattenknaller entschärft.
Die Vorentscheidung fällt in der 68. Minute: Jallow sieht nach VAR-Intervention Rot, Thun ist fortan in Überzahl. Kurz nach seiner Einwechslung setzt Reichmuth in der 88. Minute ein Ausrufezeichen. Der Rückkehrer hämmert den Ball aus grosser Distanz via Pfosten zum 3:0 in die Maschen. In der Nachspielzeit kommt Servette nach einem unnötigen Foul von Bürki noch zu einem Penalty, den Atangana zum 1:3 verwandelt. Am hochverdienten Auswärtssieg ändert das nichts mehr.
Beim Abpfiff sind wir voller Euphorie. Thun rockt wirklich die Liga! Die Rückreise ist zwar etwas holprig. Der Zug legt in Genf mit 25 Minuten Verspätung los. Deutsche Verhältnisse an der Grenze zu Frankreich. Milde stimmen uns die 16:30 Uhr-Spiele. St. Gallen kommt in Lausanne nicht über ein 1:1 hinaus und Basel erknorzt sich daheim gegen den FCZ ein 2:1. Ja will denn gar niemand Meister werden? Thun meldet sich freiwillig. Die 40 Minuten Zug-Verspätung bis Zürich lache ich da einfach weg. Ein Tag wie dieser kann nicht lange genug sein.