St. Gallen – Sion

St. Gallen – Sion

«Meischter, Schwitzer Meischter, scha la la la la la la…»
Es ist 15.33 Uhr an diesem 3. Mai 2026. Wie 4000 andere Thunfans schreie ich mir die Stimme aus der Seele. Alle Augen sind auf die Stadionbildschirme gerichtet, auf denen eine Szene aus St. Gallen läuft, die sich als entscheidend für die Vereinsgeschichte erweisen soll. Eckball für den FC Sion. Der Ball segelt in den Strafraum, Théo Berdayes steigt hoch und trifft in der 76. Minute per Kopf zum 0:3 für Sion. Für einen kurzen Moment wirkt es, als würde die Zeit stehen bleiben. Dann bricht der Lärm los. Wir schreien, springen, umarmen uns. Auf diesem fernen Platz müsste der FC St. Gallen jetzt vier Tore erzielen, um den Titel des FC Thun noch zu verhindern. Es fühlt sich unmöglich an. Und genau in diesem Moment setzen wir alle gleichzeitig ein. «Meischter, Schwitzer Meischter…» In wenigen Minuten haben wir es geschafft.
Seit rund anderthalb Stunden sind wir schon im Stadion. Etwa 4000 Leute sind gekommen, um mitzuerleben, ob der FC Thun den vierten von insgesamt neun Meisterbällen verwerten kann. Wobei mir der Begriff Meisterpucks fast besser gefällt. Es hat etwas von Playoff-Final, so nah am Titel zu sein und doch jedes Mal wieder zittern zu müssen. Als Fan von HC Fribourg-Gottéron weiss ich, wie sich das anfühlt. Gefühlt erst vor ein paar Stunden war ich selbst an einer Meisterfreinacht. Und ja, auch ein Triumph in extremis hat seinen ganz eigenen Reiz. Lucien Dähler, Thun-Spieler und Gottéron-Fan, würde da wohl zustimmen.
In der Stockhorn-Arena ist die Spannung greifbar. Spieler, Staff und Fans verfolgen gebannt die Partie zwischen FC St. Gallen und FC Sion. Jeder Blick geht auf die Leinwand, jeder Zweikampf wird im Berner Oberland mitgefühlt. Party-Kernen und ich stehen im Block Süd. Von hier aus ist es schwierig, auf den weit entfernten Bildschirmen alles genau zu erkennen, Zaun und Netz sind im Weg. Doch eines fällt auch aus der Distanz sofort auf: St. Gallen startet druckvoll. Früh kommt Vogt zu zwei guten Kopfballchancen, die nur knapp am Tor vorbeigehen. Dann der erste grosse Aufreger. Nach gut einer Viertelstunde trifft Sion, was in Thun mindestens einen so lauten Jubel auslöst wie im fernen St. Gallen. Doch der VAR greift ein, weil Nias Hefti in der Entstehung Alessandro Vogt gefoult hat. Das Tor wird aberkannt. In der Stockhorn-Arena geht ein kollektives Raunen durch die Reihen, begleitet von einigen deftigen Fluchwörtern. Die Anspannung steigt weiter. Die Espen bleiben dran, drücken, treffen sogar zweimal Aluminium. Doch die Effizienz liegt auf der anderen Seite. Kurz vor der Pause fällt das 0:1. In der 43. Minute setzt sich Sion über die rechte Seite durch, der Ball kommt zur Mitte, Benjamin Kololli steht bereit und lenkt ihn ins Netz. In Thun springen wir Fans auf. Fäuste ballen sich, erste Schreie hallen durchs Stadion. Jetzt kippt das Gefühl.
Als Pause ist, hält es viele von uns nicht mehr auf den Rängen. Die ersten Fans stürmen auf den Rasen. Vor allem die Jüngeren klettern über die Abschrankungen. Sportlich wie ich bin, klettere ich hinterher. Als Party-Kernen an der Reihe ist, öffnet ein Sicherheitsmann der Broncos die kleine Türe bei der Eckfahne und bittet ihn mit einem Grinsen aufs Feld. Promibonus. Wir beide setzen uns an die Strafraumgrenze auf den Kunstrasen. Kaum sind wir angekommen, kippt das Wetter. Es beginnt zu regnen, erst leicht, dann immer stärker. Wir werden in der zweiten Hälfte so richtig durchnässt. Aber das Spiel hält uns warm.
Nach der Pause bleibt St. Gallen bemüht, aber es fehlt die Durchschlagskraft. Dann folgt der nächste Glücksmoment für uns. In der 63. Minute erobert Ilyas Chouaref im Mittelfeld den Ball, zieht entschlossen los und schliesst präzise zum 0:2 ab. In der Stockhorn-Arena brandet Jubel auf. Party-Kernen und ich springen auf und setzen uns für das ganze Spiel nicht wieder. Immer wieder blicken wir auf die Uhr. Die Entscheidung fällt eine Viertelstunde vor Schluss. 76. Minute. Eckball für Sion. Der Ball segelt in den Strafraum, Théo Berdayes steigt hoch und köpft zum 0:3 ein. Jetzt gibt es kein Halten mehr im Berner Oberland. Spieler springen auf Tische, Fans liegen sich in den Armen. Vier Tore müsste St. Gallen jetzt noch erzielen. Ein Ding der Unmöglichkeit.  
Die letzten Minuten laufen. St. Gallen versucht es weiter, doch Sion verteidigt konsequent. In der Nachspielzeit ein letztes Aufbäumen, doch auch dieser Angriff versandet. Dann der Blick des Schiedsrichters auf die Uhr, der Pfiff in der 90. Minute plus Nachspielzeit. Bei uns in Thun bricht alles los. Die Spieler des FC Thun stürmen aufeinander zu, fallen sich um den Hals, schreien, lachen, weinen. In der Lounge bildet sich eine dichte Jubeltraube, aus der immer wieder laute Rufe dringen. Unten im Stadion singen wir Fans, Fahnen werden geschwenkt, Bierbecher mit mehr Regenwasser als Bier drin fliegen durch die Luft. Los hurti, Thun isch Meister!
Wenig später kommen die Spieler zu uns Fans. Vor der Kurve lassen sich die Spieler feiern, klatschen, singen, tanzen. Champagner wird geöffnet, Bier verteilt, Gesichter sind nass vor Freude und Regen. Einige kämpfen mit den Tränen, andere können nicht aufhören zu grinsen. Sensationell. Nach zwei kleineren Zeremonien erst vor dem Block Süd und dann auf der Haupttribüne geht’s raus Richtung Stadt. Fanmarsch. Und alle 4000 machen sich trotz Regen gemeinsam auf den Weg. Vielleicht sind es unsere lauten Gesänge, vielleicht der dichte Pyro-Rauch, der über den Gassen hängt. Irgendetwas scheint die Tropfen zu vertreiben. Als wir auf dem Rathausplatz ankommen, hat der Regen aufgehört. Und während der ganzen Meisterfeier zeigt er sich nicht mehr.
Die Thunfans verwandeln den Rathausplatz in ein einziges Menschenmeer. Zeitweise müssen die Gassen rundherum abgesperrt werden. Party-Kernen und ich stecken irgendwo zwischen Hauptgasse und Platz fest, eingeklemmt in der Menge. Doch mit etwas Überblick erkennen wir trotzdem, wie sich die Spieler des FC Thun Schritt für Schritt durch die Fans schieben. Schliesslich klettern sie auf den Brunnen in der Mitte. Und dann wird gefeiert. Laut, ausgelassen, ununterbrochen. Über zwei Stunden lang, bis kurz vor 21 Uhr, gehört dieser Platz ganz dem Fussball und unseren vollendeten Meisterträumen.
Die Dämmerung legt sich über Thun, doch die Party wird nur lauter. Gesänge hallen durch die Gassen, immer wieder erklingt «We are the Champions». Später in der Nacht verteilen sich die Feiernden in den Bars der Stadt. Die Strassen bleiben voll, die Stimmung ausgelassen. Immer wieder tauchen Spieler irgendwo auf, werden erkannt, gefeiert, weitergezogen. Und wer vermutet, dass es nach Mitternacht zumindest die Spieler langsam ruhiger angehen, kennt den Michi Heule nicht. Weit nach 1 Uhr klettert er trotz Arm in der Schlinge im Café Zentral auf den Tisch und stimmt so frentetisch Lieder an, dass er immer mal wieder zum Abstellen der Jukebox aufruft. «Meischter, Schwitzer Meischter, scha la la la la la la…» 4.50 Uhr ist es, als Heule auf Drängen seiner Family das letzte Mal vom Tisch runtersteigt.
Wir Fans feiern weiter, bis tief in die Nacht und schliesslich bis in den Morgen hinein. In der dichten Partymenge treffe ich zwar nicht Milaim Rama selbst, aber eine Blondine, die für mich zu seinem persönlichen Doppelgänger wird. Sie trägt das gleiche rote T-Shirt mit weissem Aufdruck der FC Thun-Legende. Wir lachen, machen ein Foto und klatschen uns zum Titel ab. Irgendwann wird es hell. Die Musik wird leiser, die Stimmen heiser. Als wir uns verabschieden, bleibt eine letzte Frage hängen. Warum heisst es eigentlich Sofameister, wenn man bei so einer Sofameisterschaft das eigene Sofa kein einziges Mal sieht? Tschüss. Und bis bald am nächsten feucht-fröhlichen Ausflug mit dem FC Thun.
«Meischter, Schwitzer Meischter, scha la la la la la la…»

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