Sion – Thun

Sion – Thun

Kein Extrazug heute für mich. Ich müsste insgesant vier Stunden mehr Zeit für Hin- und Rückfahrt ins Wallis investieren als mit dem fahrplanmässigen Zug. Ganz allein unterwegs bin ich trotzdem nicht, in Visp treffe ich zwei Thunfans, die in den Walliser Bergen wohnen. Schnell kann ich Snus gegen Bier eintauschen und selbst den Ticketkauf kann ich so vom Zug aus regeln, weil eine befreundete Walliser Familie meiner Kollegen da schon vor dem Gästesektor steht. Ein weiteres Zeichen dafür, dass die Gästekurve heute trotz durchzogenem Saisonstart gut gefüllt ist. Und wer die Thuner im Stadion noch nicht bemerkt hat trotz grossem Aufmarsch, merkt es, als die Thuner zu Spielbeginn viele Pyros zünden. Das ist mal ein gelungener Empfang der beiden Teams.
Der FC Thun startet im Tourbillon schwach in die Partie. Bereits in der 2. Minute kommt Sions Baltazar Costa nach dem ersten Eckball aus rund 25 Metern zum Abschluss, setzt den Ball aber etwa einen Meter über das Thuner Tor. Vier Minuten später haben die Berner Oberländer Glück: Nach einem weiteren Corner von Donat Rrudhani kommt Numa Lavanchy zum Schuss, sein Versuch prallt jedoch von der Querlatte zurück ins Feld. Sion bleibt am Drücker. In der 8. Minute treten die Walliser bereits ihren fünften Eckball, eine Minute später verpasst Franck Surdez eine Flanke von der rechten Seite nur knapp. Thun steht tief und versucht, die Angriffswellen zu überstehen. Dann folgt in der 10. Minute der erste grosse Auftritt der Thuner. Fabio Fehr bringt den Ball von der Seite gefährlich in den Strafraum, wo Jan Bamert goldrichtig steht. Der ehemalige Sittener steigt in die Aktion ein und hämmert die Flanke kompromisslos in den Netzhimmel. Bamert bringt den Meister mit 1:0 in Führung. Der Verteidiger kennt den Strafraum im Tourbillon bestens, schliesslich hat er einst mehr als 100 Spiele für Sion absolviert. Thun erzielt damit mit seiner ersten nennenswerten Möglichkeit gleich den Führungstreffer, obwohl Sion bis dahin klar mehr vom Spiel hatte. Die Walliser lassen sich vom Rückstand nicht beeindrucken und erhöhen den Druck weiter. In der 16. Minute sieht Fode Sylla nach einem rustikalen Einsteigen verdient die Gelbe Karte. Das wird später noch wichtig werden. Zuvor fällt aber in der 21. Minute der Ausgleich. Nach einem weiteren Eckball bringt Donat Rrudhani den Ball wuchtig in den Fünfmeterraum. Dort setzt sich Noé Sow durch und drückt den Ball über die Linie. Niklas Steffen ist machtlos, Thuns Vorsprung ist dahin. Nach einer Trinkpause beruhigt sich die Partie zunächst etwas. In der 29. Minute sorgt Sions Winsley Boteli mit einer Einlage im Thuner Strafraum für Aufregung. Der Stürmer geht zu Boden, doch Schiedsrichter Mirel Turkes lässt zurecht weiterspielen. Thun findet langsam besser ins Spiel und verteidigt den Ausgleich mit zunehmender Sicherheit. In der 38. Minute bietet sich Sion dennoch eine grosse Möglichkeit. Fabio Saiz verliert rund 30 Meter vor dem eigenen Tor den Ball an Fode Sylla, der sofort Franck Surdez lanciert. Dieser zögert jedoch zu lange und verpasst damit eine aussichtsreiche Gelegenheit. In der 42. Minute kippt die Partie erstmals wirklich zugunsten der Thuner. Fode Sylla geht mit viel zu viel Risiko in einen Zweikampf mit Nils Reichmuth und trifft den Thuner rücksichtslos. Weil Sylla ja bereits verwarnt ist, zeigt ihm Turkes die zweite Gelbe Karte. Damit ist der Arbeitstag des Sittener Mittelfeldspielers beendet. Sylla muss vom Platz, Sion spielt fortan in Unterzahl. Eine gute Ausgangslage für Thun für die zweite Halbzeit.
In der Pause haben wir im Gästesektor aber erst mal eine andere Mission. Party-Kernen ist nach einer guten Woche Sicherheitscheck endlich bei Twint freigeschaltet worden. Also üben wir mit ihm das erste Mal Bierkauf mit Twint-Code einscannen. Es klappt zur allgemeinen Freude auf Anhieb. Ja dann Prost. Wenn Fussball doch auch so einfach wäre.
Nach dem Seitenwechsel reagiert Thun-Trainer Gian-Luca Privitelli und bringt Nico Maier, Justin Roth und Tom Strannegård für Olivier Mambwa, Mattias Käit und Dorian Derbaci. Sion nimmt zunächst keine weiteren Änderungen vor. Thun hat nun mehr Ballbesitz und versucht, die numerische Überlegenheit auszuspielen. Doch die Walliser ziehen sich nicht einfach zurück. In der 52. Minute wird es für Thun gefährlich. Fabio Saiz berührt den durchgebrochenen Donat Rrudhani an der Grundlinie. Der Kontakt ist leicht, doch Schiedsrichter Turkes entscheidet auf Elfmeter. Ein harter Entscheid. Rrudhani läuft gleich selber an und schiesst den Strafstoss flach in die Mitte. Niklas Steffen entscheidet sich für eine Ecke und ist geschlagen. Sion führt trotz Unterzahl plötzlich 2:1. Die Partie verliert zwischenzeitlich etwas an Tempo. Thun hat mehr Ballbesitz, Sion steht mit den verbliebenen zehn Spielern kompakt und verteidigt den Vorsprung leidenschaftlich. Die Thuner finden zunächst nur schwer eine Lücke. In der 71. Minute fällt dann aber doch der Ausgleich. Nach einem langen Einwurf landet der Ball bei Fabio Fehr. Der Thuner fackelt nicht lange und hämmert das Spielgerät mit einem satten Schuss ins Netz. 2:2. Der Treffer kommt nicht unbedingt mit Ansage, doch Thun nimmt ihn dankbar an. In der 76. Minute später scheint Thun die Partie endgültig zu drehen. Die Thuner spielen einen sehenswerten Angriff über Marco Bürki, ehe Furkan Dursun den Ball im gegnerischen Strafraum zur vermeintlichen Führung über die Linie bringt. Die Thuner jubeln. Ich selber habe nichts mitgekriegt, da ich mir gerade auf dem Handy die erschütternden Wahlerebnisse aus Sachsen-Anhalt anschaue. Ich weiss, Politik gehört nicht ins Stadion, aber 44 Prozent für die AFD sind echt zu viel. Immer und überall. Als ich schliesslich doch noch mitjubeln will, stelle ich fest, dass der Treffer gar nicht zählt. Dursun stand bei der entscheidenden Aktion hauchdünn im Abseits. Thun sucht weiter den Weg nach vorne. Doch der Punktgewinn ist trotz Überzahl noch nicht gesichert. In der 89. Minute muss Niklas Steffen seine ganze Klasse zeigen. Ilyas Chouaref zieht aus der Distanz ab, der Thuner Schlussmann reagiert stark und entschärft das Geschoss. Auch den anschliessenden Eckball übersteht Thun. Vier Minuten Nachspielzeit werden angezeigt. Thun wirft noch einmal alles nach vorne ohne aber zu reüssieren.  Dann läuft die 94. Minute. Nochmsls Eckball für Sion. Die letzte Aktion des Spiels scheint bereits geklärt, doch der Ball springt nach einem Zweikampf noch einmal gefährlich in den Thuner Strafraum. Josias Lukembila steht goldrichtig und reagiert schneller als alle Thuner. Der eingewechselte Sittener stochert den Abpraller über die Linie. 3:2 für Sion.
Wenige Augenblicke später pfeift Schiedsrichter Turkes ab. Thun verliert. Aus der Hoffnung auf drei Punkte wird in der letzten Sekunde die grosse Enttäuschung. Ein heisser Sonntagnachmittag, der für die Berner Oberländer lange nach einem möglichen Sieg ausgesehen hat, endet mit einem Stich ins Herz. Da bin ich direkt froh, habe ich mich nicht für die stundenlange Extrazugfahrt angemeldet und kann direkt nach Hause. Und die beiden FCT-Walliser leisten mir bis Visp ja Gesellschaft beim Trübsal blasen.

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