Der FC Thun spielt international! Verdrängt ist das Spiel gegen YB, heute sind wir wieder im Europapokalmodus. Fürs Rückspiel in Island haben sich bereits 50 Thunfans eingeschrieben, was die Zahl der Vikingur-Supporter heute im Berner Oberland klar übertrifft. Der Gästesektor ist völlig verwaist, auf der Haupttribüne sitzen vier Gästefans rund um eine Island-Fahne. Der Block Süd dagegen ist voll, aber als euphorisch kann man die Stimmung nicht bezeichnen. Die Unruhe rund um den Verein ist vor dem Anpfiff grosses Thema, nachdem Dominik Albrecht sein Amt als Sportchef aus gesundheitlichen Gründen niedergelegt hat. Der Entscheid für seine Auszeit verdient Respekt und steht an diesem Abend dennoch nicht lange im Mittelpunkt, weil an diesem nicht mehr ganz so heissen Augustsbend ab 20 Uhr alle auf den Europapokal fokussiert sind. Nach dem deutlichen 0:6 gegen die YB hat Thun-Trainer Privitelli die Startelf gleich auf sechs Positionen verändert. Weil Bürki nach seiner Roten Karte gegen Dinamo Zagreb gesperrt fehlt, trägt Bamert die Captainbinde. Positiv ist vor allem die Rückkehr von Michi Heule, der nach seiner Verletzung aus dem YB-Match wieder einsatzfähig ist. Aber aufgepasst. Die Gäste aus Island sind als Tabellenführer ihrer Liga und mit dem einst in der Bundesliga und der Premier League aufgelaufenen Nationalspieler Gylfi Sigurdsson angereist.
Die Thuner übernehmen vom Anpfiff an die Kontrolle. Bereits in der Anfangsphase prüft Maier den isländischen Torhüter Fridriksson, der den Distanzschuss in der 4. Minute pariert. Thun bleibt am Drücker. In der 13. Minute scheitert Labeau nach Vorarbeit von Gutbub am Schlussmann der Gäste, ehe Gutbub kurz darauf selbst eine Grosschance liegen lässt. Der verdiente Führungstreffer fällt in der 19. Minute nach einer einstudierten Standardsituation. Eine kurz ausgeführter Eckball landet bei Fehr, dessen Flanke Bamert im Zentrum erreicht. Der heutige Captain steigt am höchsten und köpft den Ball ins Netz. Und damit nicht genug. Nur sechs Minuten später legt Thun nach. Ein Freistoss segelt in den Strafraum, Gutbub verlängert den Ball per Kopf und Labeau reagiert am schnellsten. Er nimmt den Ball gekonnt aus der Luft und schiebt ihn präzise ins lange Eck zum 2:0 ein. Wir feiern, doch das scheint verfrüht zu sein. Denn der Videoschiedsrichter prüft den Treffer auf ein mögliches Vergehen. Nach einiger Wartezeit gibt der VAR aber grünes Licht und bestätigt das Tor, sehr zur Erleichterung von 99 Prozent der Anwesenden.
Die Gäste zeigen sich danach erstmals offensiv. Der berüchtigte Sigurdsson verzieht in der 30. Minute aus der Distanz. Es bleibt seine beste Szene. Thun bleibt derweil das gefährlichere Team. Matoshi vergibt in der Nachspielzeit aus spitzem Winkel die Möglichkeit zum dritten Treffer, kurz darauf scheitert auch Labeau. Doch die vier Minuten Nachspielzeit haben noch deutlich mehr Dramatik zu bieten. Denn plötzlich erzielt Thordarson unter lauten Protesten von Thunfans und Thunspielern den Anschlusstreffer für Vikingur. Der Schiedsrichter wartet den Abschluss ab und lässt dann den VAR seines Amtes walten. Grund für die Aufregung ist ein Zweikampf zwischen Thrandarson und Bürgy im Mittelfeld unmittelbar vor dem Angriff. Nach der Überprüfung der Fernsehbilder entscheidet Schiedsrichter Giorgi Kruashvili auf ein Foulspiel des Isländers und annulliert den Treffer. Die Entscheidung fällt zugunsten der Thuner aus, obwohl auch Bürgy im Zweikampf kräftig am Trikot seines Gegenspielers gezogen hat. Das Tor zählt aber nicht, was jedoch in der Fankurve nicht alle mitkriegen. Erst später in der Pause kann ich Party-Kernen in der Warteschlange vor dem Bierstand aufklären, dass sein 2:1-Frust fehl am Platz ist. Thun führt tatsächlich immer noch 2:0.
Nach dem Seitenwechsel gehört die erste Chance den Gästen. Ingimundarson schiesst in der 49. Minute aus guter Position über das Tor von Niklas Steffen. Danach kontrolliert Thun das Geschehen über weite Strecken. Wirklich viel ist nicht mehr los auf dem Platz.Das Spiel lebt in der zweiten Halbzeit vor allem von der Spannung und der Erinnerung an die Vorwoche, als Thun in Zagreb einen 2:0-Vorsprung noch aus der Hand gegeben hat. Tatsächlich wird es in der Schlussphase vor dem Thuner Tor nochmals brenzlig. Zunächst verhindert Niklas Steffen nach einem Eckball mit einer starken Parade gegen Thorkelsson den Anschlusstreffer. Wenig später zittert das Visana Stadion erneut, als Ingimundarson in der Nachspielzeit aus der Distanz nur den Pfosten trifft. Möglicherweise hat Steffen den Ball mit den Fingerspitzen noch entscheidend abgelenkt. Tiefes Durchatmen in der Thuner Kurve. Doch dann folgt der grosse Jubel. Nach einem Eckball klärt Vikingurs Nummer Sechs Vatnhamar den Ball per Kopf nur bis an die Strafraumgrenze. Dort steht der kurz zuvor eingewechselte Saiz goldrichtig und hämmert den Ball in der 90. Minute mit einem herrlichen Direktschuss aus rund zwanzig Metern unhaltbar in die lange Ecke zum 3:0. Nach den VAR-Aufregern zuvor bleibt dieses Mal das grosse Zittern aus. Der Schiedsrichter gibt den Treffer, pfeift direkt beim Anstoss die Partie ab und das Visana Stadion verwandelt sich endgültig in ein Tollhaus.
Wir feiern einen verdienten 3:0-Erfolg. Mindestens 50 Thuner werden sich bald mit viel Rückenwind auf den Weg zum Rückspiel nach Island machen. Unsere Europapokal-Playlist ist noch lange nicht zu Ende. Der FC Thun spielt international!