Vaduz – Thun

Vaduz – Thun

Meistertitel machen überheblich. Das gilt auf dem Platz, aber offenbar auch neben dem Platz. So kommt ein Ausschiesset-Debütant auf die Idee, eine Freinacht beim Meistertitel habe ihn genügend geeicht, um auch die Fulehung-Freinacht mit links meistern zu können. Und so betrinkt er sich auf der Reise nach Vaduz schon nahezu bis zur Besinnungslosigkeit und drängt dann trotzdem darauf, mitzukommen. Seine Erfolgsbilanz der Freinacht sei hier kurz zusammengefasst: Drama um eine verlorene Sporttasche am Zapfenstreich – gefunden wird sie schliesslich im WC-Wagen im Bälliz. Rückkehr nach dem kurzen Umziehstopp daheim mit exakt den gleichen FC-Thun-Kleidern wie zuvor – trotz der Abmachung, unserer Gruppe, dass wir alle nicht im Ultra-Outfit an den Ausschiesset gehen. Drama um ein kaputtes Handy, das ihm angeblich ein Passant «in der Stadt» aus der Hand geschlagen hat und anschliessend absichtlich darauf herumstampft ist. Wortgefecht im Restaurant Turm mit dem Beizer samt anschliessendem Lokalverbot. Schikanieren eines eingeschlafenen Kollegen in der Sportbar Dunon. Und Betteln am Tisch, weil angeblich das Geld ausgegangen ist. Getränke bestellt er allerdings die ganze Nacht munter weiter. Bezahlt wird offenbar mit seinem Charme. Drama auf der Tanzfläche im Chäs mit anschliessendem Herausstürmen. Ob Panikattacke oder Rempelei, sehe ich um halb fünf morgens ja auch nicht durch meine Sonnenbrille. Dafür dann kurz nach fünf Uhr auf dem Rathausplatz noch ein Wortgefecht des Ausschiesset-Debütanten mit einem Passanten. Diese Fulehung-Stunde bis zum Tagewache-Umzug ist ihm dann aber zu langweilig, weshalb er sich weit vor 6 Uhr Richtung Beiz verabschiedet. Leistung ungenügend, werter Kollege. Möge es für dich noch mal in deinem Leben eine Meistertitel-Freinacht geben. An einer Fulehung-Freinacht will ich dich nie mehr sehen. «De chumi o nie meh a e Uswärtsmätch!» werde ich von dir nach dieser Aussage angebellt. Ist notiert. Aber du weisst das eh nicht mehr, wenn du deinen Rausch ausgeschlafen hast.
Eigentlich hätte es gar keinen Grund für eine solche Eskalation im Vollsuff gegeben. Denn das Ausschiesset-Intermezzo in Liechtenstein war aus Thuner Sicht überraschend erfreulich. Mit viel Konfetti und Papierschlangen vor Anpfiff und auch ordentlich viel Rauch. Doch nicht nur unsere Fankurve startet mit viel Schwung in den sonnigen Fussballnachmittag, sondern auch die Vaduzspieler. Vaduz drückt die Berner Oberländer in die eigene Platzhälfte zurück und wirbelt dort schier ohne Ende. In der 29. Minute sorgt Lang für den ersten wirklich grossen Aufreger des Nachmittags. Nach einer Hereingabe trifft der Verteidiger aus aussichtsreicher Position die Latte. Vaduz bleibt am Drücker, schlägt weitere Flanken in den Strafraum und kommt erneut über Lang zum Abschluss, doch diesmal fliegt der Ball knapp über das Tor. Die Berner Oberländer haben in dieser Phase kaum noch Entlastung, treffen aber ausgerechnet dann, als das 1:0 von Vaduz nur noch eine Frage der Zeit ist. In der 33. Minute verlängert Labeau einen hohen Ball, Dursun startet perfekt in die Schnittstelle der Vaduzer Abwehr und bleibt vor Schaffran eiskalt. Der Angreifer schiebt zur überraschenden 0:1-Führung für Thun ein. Für die Gastgeber ist der Rückstand äusserst bitter, weil sie zuvor dem Führungstreffer deutlich näher standen. Bis zur Pause bleibt Vaduz weiter spielbestimmend, der Ball geht aber nicht rein.
Zeit, eine Viertelstunde durchzuschnaufen – und passend zum Tag ein paar Fulehung-Rufe anzustimmen. Die Fussballrealität hat uns allerdings früh genug wieder im Griff. Konkret in der 47. Spielminute. Nach einem Eckball und einem wilden Gerangel landet der Ball tatsächlich im Thuner Tor. Im Rheinpark jubeln die Heimfans bereits, doch Schiedsrichter Prskalo pfeift den Treffer umgehend zurück. Zoukit war im Strafraum zu Fall gebracht worden, Vaduz bekommt das vermeintliche 1:1 wegen eines Offensivfouls aberkannt. Statt des möglichen Ausgleichs folgt kurz darauf der nächste Paukenschlag der Thuner. In der 49. Minute verliert Vaduz nach einer eigenen Druckphase den Ball und läuft direkt in einen Konter. Dursun behauptet den Ball stark und legt vor dem Strafraum quer auf Reichmuth. Der Thuner Offensivspieler bleibt eiskalt und schiebt den Ball präzise an Schaffran vorbei zum 0:2 ins Netz.
Die Hausherren versuchen sofort zu reagieren. Lang verpasst in der 53. Minute per Kopf nur knapp den Anschlusstreffer. Doch je länger die zweite Halbzeit dauert, desto mehr Räume bieten sich resultatbedingt den Gästen. Reichmuth lässt zwischen der 55. und 62. Minute gleich mehrere Grosschancen zur Vorentscheidung aus. Zuerst scheitert er alleine vor Schaffran, danach verzieht er knapp am Pfosten vorbei und schliesslich bleibt er nach einer starken Ablage von Labeau an einem Verteidiger hängen. Auf der Gegenseite verhindert Steffen in der 61. Minute gegen Stark eine gefährliche Situation. Vaduz bemüht sich, doch die Angriffe wirken zunehmend ideenlos. Weil die Thuner ihre Möglichkeiten zum dritten Treffer nicht nutzen, bleibt das Heimteam aber im Spiel. In der 73. Minute passiert es dann. Dalipi schlägt eine präzise Flanke in den Strafraum. Monsberger steht völlig frei und nickt den Ball aus kurzer Distanz zum 1:2 ein. Die Schlussphase entwickelt sich zu einem offenen Schlagabtausch. Vaduz wirft alles nach vorne und kommt durch Monsberger in der 84. Minute beinahe zum Ausgleich, sein Kopfball fliegt jedoch knapp am Tor vorbei. Auf der anderen Seite vergeben die Thuner beste Kontergelegenheiten. Christofferson legt sich etwa den Ball in der 89. Minute einen Tick zu weit vor, ehe es in der 90. Minute vor dem Thun-Tor noch einmal dramatisch wird. Djokic setzt sich auf der linken Seite durch und spielt den Ball perfekt zurück. Cocic steht aus rund elf Metern völlig frei vor dem verwaisten Tor, setzt seinen Abschluss aber über die Latte. Edy Total Brutal und die anderen Heimfans können es kaum fassen. Auch in der Nachspielzeit bleibt es hektisch. In der 93. Minute verpasst Thun die endgültige Entscheidung, als Labeau bei einem Konter ausrutscht und eine sichere Abschlussmöglichkeit verloren geht.
Kurz darauf beendet Schiedsrichter Prskalo die Partie. Es ist ein schmeichelhafter Sieg für Thun, aber die drei Punkte nehmen wir natürlich gerne mit nach Hause beziehungsweise direkt an den Ausschiesset. Und spätestens als ich am Dienstagnachmittag mit dem meisterlichen Fulehung auf ein Bier anstosse, ist auch der Ärger der Freinacht vergessen. Einmal Thun, immer Thun.

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