Dinamo Zagreb – Thun

Dinamo Zagreb – Thun

Block Süd-Treffpunkt Ul. Ivana Tkalčića 14. Das passt perfekt. Just an dieser Adresse habe ich tags zuvor mit einem griechischen Salat und einem tschechischen Bier meine Länderpunkt-Woche gestartet. Ob dass ein Zivilpolizist der Fankurve gemeldet hat oder ob doch alles nur Zufall ist, bleibt offen. Aber jedenfalls belagern den ganzen Nachmittag lang 500 Thunfans die Gasse. Alles ist friedlich und süffig, nur hat es etwas gar viel Polizeipräsenz. Selbst das Restaurant-WC wird bewacht. Und doch kann es die Polizei nicht verhindern, dass ich irgendwo in der Gasse meinen schwarzen Thunschal liegen lassen. Hat halt jetzt irgendwer ein schönes Souvenir. Es ist heiss, um die 30 Grad. Das dämpft doch eher die Motivation auf einen Fanmarsch. Aber die Polizei hat ohnehin einen anderen Plan. Um 17 Uhr und damit drei Stunden vor Anpfiff heisst es Abmarsch zur nächsten Tramhaltestelle, wo das erste von zwei klimatisierten Trams auf uns wartet. GC-Fans können von einem solchen Service nur träumen. Baustellenbedingt heisst es auf halber Strecke umsteigen auf Ersatzbusse, die uns direkt vor den Gästesektor fahren. Die Eingangskontrolle ist human. Sagen jedenfalls die Nichtraucher. Denn während alle Snusdosen rein dürfen, werden alle Feuerzeuge beschlagnahmt. Pyrobekämpfung auf Kroatisch.
Als wir um 20 Uhr den Anpfiff bejubeln, ahnt noch niemand, dass 123 dramatische Minuten im Maksimir Stadion vor uns liegen. Dann hätte sich wohl auch kaum eine Bieler Reisegruppe mit ihren Kollegen aus Kroatien weit hinten im Gästeblock, aber direkt in der Reihe vor mir positioniert. Nein, dass gibt heute keinen Dinamo-Standardsieg, bei dem man als Kroate unter lauter Thunfans unauffällig bleibt. Insgesamt sorgen 20’000 Zuschauer in Zagreb für eine stimmungsvolle Kulisse. Der Grossteil der Fans treibt den kroatischen Serienmeister lautstark nach vorne, doch auch die rund 500 mitgereisten Thuner Anhänger machen sich während der gesamten Partie bemerkbar und feiern jede gelungene Aktion ihrer Mannschaft. Die Heimkurve verstummt allerdings schon früh. Der FC Thun erwischt einen Traumstart. Bereits in der 4. Minute wird Reichmuth auf der linken Seite mustergültig freigespielt. Seine scharfe Hereingabe rutscht bis an den zweiten Pfosten, wo Brighton Labeau nur noch den Fuss hinhalten muss und zum 1:0 einschiebt. Während die Thuner Fans ausgelassen jubeln, wird es im weiten Rund des Maksimir überraschend ruhig.
Zagreb versucht zwar sofort zu reagieren, doch die Berner Oberländer verteidigen konzentriert und lassen kaum klare Chancen zu. Nach 20 Minuten verpasst Reichmuth mit einem Distanzschuss das zweite Tor nur knapp. Dieses fällt zwei Minuten später trotzdem. Nach einem Freistoss steigt Captain Marco Bürki am linken Pfosten am höchsten und köpft den Ball herrlich über Goalie Filipovic hinweg zum 2:0 in die Maschen. Die Thuner Kurve kennt nun kein Halten mehr, während aus der Heimkurve erste ungeduldige Pfiffe zu hören sind.
Dinamo übernimmt danach mehr Ballbesitz, doch Bamert, Bürki und ihre Mitspieler räumen in der Defensive fast alles kompromisslos ab. Beljo vergibt mehrere Möglichkeiten, Orsic bleibt immer wieder an Fehr hängen und auch Valincic verzieht aus aussichtsreicher Position. Thun setzt seinerseits immer wieder gefährliche Nadelstiche und geht mit einer hochverdienten 2:0 Führung in die Pause. Die Heimfans verabschieden ihre Mannschaft mit einem gellenden Pfeifkonzert in die Kabine, während die mitgereisten Thuner den Schweizer Meister lautstark feiern.
Kurz nach Wiederbeginn sorgt allerdings nicht das Spiel, sondern die Technik für Aufsehen. In der Schweiz bricht die TV-Übertragung vollständig zusammen. Bild und Ton fallen aus, stattdessen wird während mehreren Minuten lediglich Musik eingespielt. Ich erhalte mehrere Nachrichten aus dem Berner Oberland mit Sprüchen wie «Brönnt Stadion zKroatie?» Erst nach einiger Zeit steht wieder eine Übertragung mit anderer Bildquelle für die Daheimgebliebenen wie Fanclublegende und Party-Kernen zur Verfügung. Auf dem Rasen erhöht Zagreb derweil den Druck.
Die Partie kippt schliesslich in der 67. Minute. Marco Bürki verliert den Ball vor dem eigenen Strafraum und bringt seinen Gegenspieler unmittelbar vor der Strafraumgrenze zu Fall. Und das ausgerechnet kurz nachdem die Thuner ansichtlich den Ball ins Aus gespielt haben, weil einer von ihnen am Boden lag. Die Kroaten haben den Ball nur halbherzig zurückgespielt und gleich wieder erobert. Wenig Herz zeigt auch der VAR. Schiedsrichter Radoslav Gidzhenov zeigt zunächst Gelb. Doch der Video Assistant Referee greift ein. Nach längerem Studium der Bilder nimmt der bulgarische Unparteiische seine Entscheidung zurück und zeigt dem Thuner Captain wegen einer vermeintlichen Notbremse als letzter Mann die Rote Karte. Für Bürki, der zuvor mit seinem Kopfballtor zum Matchwinner geworden war, endet der Abend als tragische Figur. Trainer Gian Luca Privitelli sieht wegen heftiger Reklamationen ebenfalls die Gelbe Karte. Und wir Fans schimpfen und pfeiffen sowieso.
In Überzahl dreht Dinamo nun auf. Die Heimfans peitschen ihre Mannschaft lautstark nach vorne und sorgen für eine Atmosphäre, die dem Spiel endgültig den Charakter eines Europacupkrimis verleiht. In der 75. Minute verkürzt Beljo nach einer Hereingabe auf 1:2. Einer der Kroaten vor mir jubelt laut. Und enttarnt damit die ganze Gruppe. Wir Thunfans haben aber grössere Sorgen. Der FC Thun gerät nun immer stärker unter Druck und verteidigt mit grossem Einsatz. Doch in der 86. Minute gelingt Zagreb nach einem Eckball der Ausgleich. Kacavenda steigt am höchsten und köpft zum 2:2 ein. Nun brennt es tatsächlich im Stadion. Zum einzigen Mal an diesem Abend werden in der Heimkurve Pyros gezündet. Und es bleibt hektisch. Kurz nach dem 2:2 rettet der Pfosten gegen Topic, ehe Goalie Steffen mit mehreren starken Paraden die Verlängerung sichert.
Auch in Unterzahl gibt sich der Schweizer Meister nicht geschlagen. Die Berner Oberländer verteidigen leidenschaftlich und haben vereinzelt auch Offensivaktionen. In der 97. Minute zieht Michi Heule nach einem Konter aus spitzem Winkel ab, doch sein Schuss rollt hauchdünn am Pfosten vorbei. Zagreb rennt weiter an, findet aber lange kein Mittel gegen die aufopferungsvoll kämpfenden Thuner. Erst in der 112. Minute fällt die Entscheidung. Valincic erhält vor dem Strafraum zu viel Platz und schlenzt den Ball unhaltbar zum 3:2 ins Eck. Das Maksimir Stadion explodiert, als hätte Dinamo soeben den Titel gewonnen. Die Thuner Fans versuchen ihre Mannschaft noch einmal nach vorne zu treiben. Die Kroatengruppe packt angesichts des gekippten Spiels, aber auch wegen der Standpauke eines früheren Capos nun ihre Sachen zusammen und verlässt den Gästesektor.
Auf dem Platz geht es bei weitem nicht so ruhig zu und her. In einer hektischen Schlussphase mit Rudelbildungen und hitzigen Zweikämpfen wirft der FC Thun trotz Unterzahl alles nach vorne. Der Ausgleich gelingt jedoch nicht mehr.
Mit dem Schlusspfiff überwiegt die Enttäuschung bei den Berner Oberländern über das vorzeitige Champions-League-Aus , doch der Applaus von uns Fans zeigt, wie gross der Stolz auf diese Leistung ist. Der FC Thun bringt den kroatischen Serienmeister an den Rand des Ausscheidens und scheidet erst nach einer dramatischen Verlängerung aus der Champions League-Qualifikation aus. Die europäische Reise ist dennoch nicht beendet. Schon nächste Woche gehts weiter mit Länderpunktesammeln in der dritten Qualifikationsrunde der Europa League. Zuerst gehts aber rein ins Nachtleben von Zagreb. Kurz vor Mitternacht bringen Bus und Tram die Fans bestens organisiert zurück in die Innenstadt. Das Standort-Update des Block Süd wollen wir hier aber nicht verraten.

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