Ticket eingescannt, kurz weggesteckt, das Drehkreuz bewegt sich, nur nicht mit mir. Und ich stecke fest im Stadioneingang. Denn Zürich ist zu schnell für mich. Eine Securityfrau befragt mich erst kurz und befreit mich dann aus der misslichen Situation. Willkommen im Letzigrund. Anders als in Winterthur gestern kann hier gespielt werden. Frostig ist der Januartag nicht, aber es zieht mal wieder ordentlich im Leichtathletikstadion. Wegen des Windschattens würde man sich mehr Zuschauer wünschen, doch abgesehen vom Gästesektor und der GC-Fanecke ist das Stadion kaum gefüllt. Offizielle Zuschauerzahl 4000. Immerhin Kaffee Lutz und Rumpusch gibt es als Gegenmittel gegen das garstige Wetter, aber nur gegen Twint- oder Kreditkartenguthaben. Womit der normalerweise doch so digitale Party-Kernen nicht mehr nur bei WhatsApp, sondern gleich auch noch am Getränkestand gesperrt ist. Dry January für unseren FCT-Influencer.
Doch was ist das schon im Vergleich zu einer richtigen Tragödie. In einer Trauerminute gedenken wir den Opfern der Brandkatastrophe von Crans-Montana. Es herrscht bedrückende Stille, ehe Schiedsrichter Luca Cibelli den Anpfiff freigibt und die Fankurven stimmungsmässig loslegen. Thun erwischt den deutlich besseren Start. Bereits nach fünf Minuten reicht ein langer Ball von Goalie Niklas Steffen, um die Zürcher Abwehr zu knacken. Rastoder setzt sich durch und lupft den Ball sehenswert über Hammel zum 0:1. Die Zürcher sind noch nicht sortiert und werden nur wenig später erneut kalt erwischt. In der 9. Minute kombinieren sich die Thuner fast widerstandslos durch die GC-Abwehr, Rastoder legt quer, Imeri schiebt überlegt zum 0:2 ein.
Nun greifen die GC-Fans zu Papier und Filzstift. Sie halten zwei Spruchbänder hoch. «Wer glaubt en Berner Oberländer chan Business in Züri leite het selber kei Ahnig vo sim Business!» Eine Nostaligiechoreo gegen Budi Latour, der vor 20 Jahren GC-Trainer war? Oder welcher Berner Oberländer wird da gedisst?
GC wirkt auch auf dem Platz verunsichert. Als ich kurz nicht hinschaue, jubeln die Thuner bereits wieder. Doch der Treffer von Bamert zählt in der 20. Minute wegen Offside nicht. Thun gibt weiter Gas. Labeau scheitert nach 22 Minuten an Hammels Fuss, wenig später streift ein Abschluss von Imeri am Tor vorbei.
Offensiv kommt von GC wenig. Ein einsamer Distanzschuss von Jonathan Asp Jensen bleibt harmlos. Thun macht es besser und schnuppert kurz vor der Pause erneut am dritten Treffer. Zuerst pariert Hammel stark gegen Matoshi, Sekunden später klatscht Labeaus Abschluss an den Pfosten. GC übersteht auch diese Druckphase mit viel Glück, weshalb das Pausenresultat ein viel zu knappes 0:2 ist.
Die Statistik spricht Bände: Sechs Thuner Abschlüsse auf das GC-Tor, kein einziger der Zürcher auf Steffen. Und doch wird es kurz noch einmal spannend. In der 50. Minute kommt GC nach einem Einwurf aus dem Nichts zum Anschlusstreffer, als Abels via Pfosten und Steffen trifft. Es bleibt jedoch ein Strohfeuer.
Thun übernimmt sofort wieder das Kommando. Wieder schaue ich kurz nicht hin, wieder jubeln die Thuner und wieder zählt der Treffer nicht.
Rastoder stand in der 52. Minute beim vermeintlichen 1:3 knapp im Abseits. In der 69. Minute belohnen sich die Berner Oberländer dann aber endlich wieder für ihre Dominanz: Rastoder tanzt Abels auf engstem Raum aus und legt von der Grundlinie zurück auf Fehr, der mit einem satten Abschluss trifft. Jetzt steht es wirklich 1:3. Und bald darauf 1:4, doch der VAR annuliert das Tor von Rastoder. Der Zähler wird zurückgedreht auf 1:3. Das Spiel lebt heute irgendwie nur von der Spannung, welche Thuner Tore zählen und welche nicht.
Thun drückt als eiskalter Leader weiter auf die Entscheidung. GC kommt kaum noch aus der eigenen Hälfte, Goalie Hammel steht im Dauereinsatz. In der Schlussphase sorgt eine weitere VAR-Intervention für Spannung. Platzverweis gehen Ismajl Beka oder nicht? Das Warten dauert lange. Dann ist klar: Der GC-Spieler erhält nach einem rüden Foul an Roth statt Gelb doch noch Rot. In der Nachspielzeit hat Thun schliesslich nochmals Pech. Erst trifft Tausendsassa Rastoder die Latte, dann sollte Thun einen Penalty kriegen. Der VAR prüft und entdeckt mal wieder ein Offside. Langweilig! Der erhoffte Penaltypfiff bleibt also aus, stattdessen beendet wenig später der Schlusspfiff die Partie. Wir Thuner jubeln über einen hochverdienten Erfolg, der bei besserer Chancenverwertung und mit etwas mehr Präzision bei den Offsideszenen viel deutlicher hätte ausfallen können. Denn Thun ist zu schnell für GC.