Thun – Lugano

Thun – Lugano

Das Fussballwochenende beginnt mit einer schreckhaften SRG-Journalistin. Sie schreibt uns über das Thunfans-Kontaktformular. Es entwickelt sich eine schräge Kommunikation:
– Ich bin Journalistin für RTS (Westschweiz Fernsehen). Ich muss einene Beitrag für Samstagstagesschau (19:30) über die Stimmung vor dem Match machen. Ich möchte wissen wann und wo die Fans treffen.
– Treffpunkt vor dem Spiel ist um 16 Uhr auf dem Mühleplatz in Thun.
– Ist es ok wenn ich um 16 Uhr komme, um einige Interviews und Bilder zu machen? (Sorry für mein schlechtes Deutsch)
– Ich bin nicht Chef von Thun. Aber es ist sicher okay. Hinweis: Bitte keine Leute mit der Kamera filmen, die Kleider tragen von Block Süd. Auf dem Bild einige Beispiele von Block Süd-Sachen.
– Super, merci vielmal !
Die Dame von RTS ist nicht die einzige SRG-Mitarbeiterin, welche Thun diese Woche aufwühlt. Eine SRF3-Frau hat zu Wochenbeginn im Rahmen einer Reportage drei Thun-Ikonen zu Gesprächen getroffen: Stapi Raphael Lanz, FCT-Präsident Andres Gerber und Thunfans-Orakel Mattäng. Ging dieser Beitrag jemals über den Sender? Im Internet ist er unauffindbar. Die SRG-Medienarbeit ist mysteriös, nicht nur wenn mit Trainerlegende Fischer das Gespräch gesucht wird.
All das sind Luxusprobleme für Klub und Fans, bei denen der Meistertitel auf der Tagesordnung steht. Fie Höhepunkte sind zahlreich: Eintrinken auf dem Mühliplatz, Fanmarsch zum Stadion, Eintrinken vor dem Stadion und dann Aufteilung der Fans in zwei Gruppen. In jene, die sich noch «schnell» eine Runde Bier holen (Wartezeit 30 Minuten) und jene, die schon vor Anpfiff ein erstes Pyro-Ausrufezeichen setzen. Als sich alle wieder in der Kurve begegnen, wird diese schnell übervoll. Vor allem das Gedränge auf der Treppe ist legendär. Der Typ hinter mir schult sich zum Verkehrspolizist um und klopft mir jedes Mal auf die Schulter, wenn wieder jemand an uns vorbei die Treppe runter will. Und das kommt alle 1-2 Minuten vor – das ganze Spiel durch.
Schliesslich gehts los. Oder eben doch nicht ganz. Schuld ist die Choreo des Block Süd. Nicht etwa der bunte Rauch senkt sich übers Stadioninnern, sondern die Papierschlangenchoreo. Das Lugano-Tor direkt vor uns ist in rote und weisse Bänder eingewickelt. Für die Fötzeli-Aktion braucht es jede Menge Leute inklusive einem Dutzend Broncos. Mit einigen Minuten Verspätung rollt dann der Ball. Aber nicht für lange. Nach knapp 90 Sekunden bleibt Genis Montolio nach einem Zweikampf liegen. Er ist arg verletzt und muss nach langer Pflege auf dem Platz ausgewechselt werden. Ein erster Schreckmoment. Die Defensive wird umgebaut, der Rhythmus geht kurz verloren. Und doch: Die Berner Oberländer fangen sich schnell, übernehmen die Kontrolle und treten über weite Strecken der ersten Halbzeit wie die Mannschaft auf, die sie sind – ein Leader, der zu Hause den Ton angibt. Mit der ungewohnten Dreierkette gelingt es, Lugano zunächst vom eigenen Tor fernzuhalten. Thun hat mehr Ballbesitz, mehr Präsenz, mehr vom Spiel. Die erste Möglichkeit gehört in der 16. Minute Kastriot Imeri, der verzieht. In der Folge wird es konkreter: In der 37. Minute zwingt Imeri Amir Saipi mit einem Freistoss zu einer Parade, in der 41. Minute prüft er ihn per Kopf erneut. Kurz darauf, in der 43. Minute, kommt auch Fabio Fehr aus guter Position zum Abschluss. Es fehlt jeweils wenig, aber eben das Entscheidende. Lugano bleibt lange unauffällig, meldet sich erst in der 29. Minute mit einer ersten Chance durch Koutsias an. Wirklich zwingend wird es für die Tessiner zunächst nicht. Auffallen tun sie stattdessen mit einem seltsamen Mix aus versteckten Fouls und endlosen Schauspielereien. Allen voran die Nummer 6, Antonios Papadopoulos. Seine Nahtodeserfahrungen sind in der Stockhorn Arena so zahlreich, dass wir direkt froh sein müssen, dass er beim Pausenpfiff auf beiden Beinen Richtung Kabine gehen kann.
Zur Pause steht ein 0:0, das sich für die Thuner eher wie eine verpasste Gelegenheit anfühlt. Und Verpassen tun wir heute auch das traditionelle Pausenbier. Was man nicht alles im Angesichts des Titels opfert.
Nach dem Seitenwechsel verändert sich die Statik der Partie. In der 51. Minute bietet sich Thun die grosse Chance zur Führung, doch Imeri verzieht nach Vorarbeit von Rastoder. Es ist die beste Gelegenheit des Spiels. Insgesamt wirken die Angriffe nun aber weniger klar, weniger zwingend. Gleichzeitig wird Lugano mutiger: In der 55. Minute kommen die Gäste gleich zu zwei Abschlüssen. Mauro Lustrinelli reagiert in der 61. Minute mit einem Doppelwechsel, bringt Matoshi und Meichtry und setzt damit ein Zeichen. Doch die Partie kippt nicht entscheidend. Thun arbeitet, läuft, versucht, aber die letzte Präzision fehlt. Lugano bleibt geduldig und lauert, kommt in der 65. Minute durch Mahmoud zu einer guten Möglichkeit. In der Schlussphase wird es hektischer. In der 79. Minute verpasst Lugano eine grosse Chance. In der 85. Minute hält Thuns Torhüter Steffen mit einem starken Reflex die Null fest und lässt die Hoffnung auf den Heimsieg und damit die sofortige Meisterfeier weiterleben. In der 88. Minute bietet sich den Thunern nach einem Eckball noch einmal eine Gelegenheit, doch Matoshi verzieht.
Und dann kommt es, wie es in solchen Spielen oft kommt. Tief in der Nachspielzeit greift der VAR ein, Schiedsrichter Cibelli entscheidet auf Penalty für Lugano. Ezgjan Alioski tritt an und trifft. Der Traum der Meisterfeier löst sich mit seinem Schuss buchstäblich in Rauch auf. Ein schwacher Trost, dass die Lugano-Spieler ihr Tor direkt vor unserer Fankurve feiern. Nein Renato Steffen, wir finden dich immer noch nicht sexy.
Kurz darauf ist Schluss. Wieder 0:1 gegen Lugano, zum dritten Mal in Folge. Eine Niederlage, die weh tut, weil sie spät fällt und weil mehr drin gelegen hätte. Und doch gehen die Thunspieler nach Abpfiff zu uns Fans. Sie lassen sich feiern für einen engagierten, beherzten Auftritt. Meister sind wir alle an diesem Abend nicht geworden. Aber die Ausgangslage bleibt: Der Titel ist greifbar nah und könnte schon in ein paar Stunden Realität werden.
Fortsetzung folgt!

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