Auswärtsfahrt nach St. Gallen. Und ab Zürich ist auch Party-Kernen dabei. Nebenan im Abteil sitzen bereits die ersten FCSG-Fans. Deshalb ordne ich meinem Kollegen noch vor dem Einsteigen einen Kleiderwechsel an. Ein Block-Süd-Outfit würde ich ihm ja noch durchgehen lassen. Aber kein Meister-Shirt. Dafür war das Meisterduell gegen den Vizemeister aus St. Gallen am Ende doch zu knapp, als dass man sich heute mit solchen modischen Scherzen aus dem Fenster lehnen sollte. Also reist er schön neutral im schwarzen North-Face-Shirt in die Ostschweiz. Was hier offenbar auch die Dorfjugend trägt, wie wir bereits in den ersten Minuten unserer gemeinsamen Zugfahrt feststellen. Baustellenbedingt heisst es in Winterthur erstmals raus aus dem Zug, später folgt in Gossau der Wechsel auf den Shuttlebus. Die grünweissen Fans sind inzwischen klar in der Überzahl. Doch mit meiner grünweissen Bierdose aus Polen bin ich bestens getarnt. Die Stimmung bleibt völlig entspannt, auch vor dem Stadion. Die zur Verfügung gestellten Plastikbecher zum Umfüllen am Eingang wissen wir sehr zu schätzen. So geht es für mich direkt hinein in den Gästesektor. Party-Kernen muss mit seinem gefürchigen Auftreten dagegen erst noch den Umweg durch die Sicherheitsschleuse nehmen. Irgendwann sind wir dann beide drin und warten auf den Anpfiff. Die Zeit bis dahin vertreiben wir uns mit der FCSG-Choreo. Nebeneinander werden Blätter in Weiss, Grün, Weiss und Rot in die Höhe gehalten. Wird hier etwa der italienische Fussballgott beschworen? Bei all dem italienischen Fussballpech könnte das ins Auge gehen. Der zweite Teil der Choreo liefert schliesslich die Auflösung: Zu sehen ist ein Bus voller Fans, dazu das Spruchband «Über Grenzen hinweg». Eine Europacup-Choreo also, die nach dem internationalen Aus am Donnerstag kurzerhand in der Meisterschaft zum Einsatz kommt. Nun fehlt nur noch, dass der FC Thun dafür sorgt, dass den St. Gallern auch im nationalen Wettbewerb die Grenzen aufgezeigt werden.
Schon nach elf Sekunden taucht der FC Thun erstmals im Strafraum des FC St. Gallen auf. Fehr bringt den Ball von rechts gefährlich zur Mitte, findet dort aber keinen Abnehmer. In der 3. Minute wird es erneut brenzlig: Dursun kommt nach einer Flanke frei zum Kopfball und setzt diesen nur knapp am linken Pfosten vorbei. Die Gastgeber antworten eine Minute später. Baldé setzt sich im Strafraum durch und hämmert den Ball aus spitzem Winkel ins Aussennetz. In der 9. Minute schlägt der FC Thun zu. Chima Okoroji unterläuft im Spielaufbau ein folgenschwerer Fehler. Unter Druck will der St. Galler den Ball zu Torhüter Lawrence Ati Zigi zurückspielen, trifft ihn aber nicht richtig und legt Brighton Labeau damit den Ball perfekt vor. Der Thuner Stürmer läuft alleine auf Zigi zu, umkurvt den Torhüter und schiebt zum 0:1 ein. St. Gallen reagiert und übernimmt zunehmend das Spieldiktat, kommt gegen die gut organisierte Thuner Defensive aber kaum zu klaren Möglichkeiten. In der 19. Minute sorgt eine neue VAR-Regel für eine kuriose Szene. Daschner steht bereits zur Ausführung eines Eckballs bereit, als Schiedsrichter Luca Piccolo ein Signal aus dem Video-Keller erhält. Statt Eckball gibt es Abstoss für Thun. Der VAR darf seit dieser Saison auch bei falschen Eckball-Entscheidungen eingreifen. St. Gallen versucht es danach vermehrt aus der Distanz. Daschners Schuss bleibt in der 22. Minute an einem Thuner Bein hängen, Görtler und Vandermersch verziehen ihre Versuche deutlich. Die Berner Oberländer lassen sich weit zurückfallen und setzen auf schnelle Gegenstösse. In der 36. Minute zum Beispiel wagt sich Dursun wieder nach vorne, setzt sich gegen Ruiz durch, bringt seinen Abschluss aber nicht gefährlich aufs Tor. Eine Minute später muss Thuns Torhüter Steffen erstmals ernsthaft eingreifen. Nach einem schönen Hakentrick von Baldé zieht Daschner aus spitzem Winkel ab, doch Steffen wehrt den ersten St. Galler Schuss aufs Tor ab. In der 42. Minute sieht Strannegard nach einem zu späten Einsteigen gegen Görtler die erste Gelbe Karte der Partie. Den anschliessenden Freistoss tritt Okoroji in der 43. Minute, setzt den Ball aus grosser Distanz aber klar über das Tor. Nach drei Minuten Nachspielzeit wird es nochmals kurios: Steffen sieht wegen Zeitspiels die Gelbe Karte. Anschliessend weist Görtler Schiedsrichter Piccolo darauf hin, dass nach der neuen Regel in diesem Fall ein Eckball ausgesprochen werden muss. Piccolo korrigiert seine Entscheidung zunächst und gibt tatsächlich Eckball für St. Gallen, nimmt diesen Entscheid aber wenige Sekunden später wieder zurück. Kurz darauf ist die erste Halbzeit vorbei. Thun führt dank Labeaus frühem Treffer mit 0:1.
In der Pause sind wir verhalten optimistisch. Die Bierrunde fällt aber eher deswegen dosiert aus, weil das ausgeschenkte Schützengarten-Bier einen herben Geschmack hat. Noch ahnen wir nicht, dass der Namen des Biers perfekt zum Schützenfest passt, das in der zweiten Halbzeit folgt.
Gleich in der 46. Minute nutzt Thun einen Fehler im St. Galler Aufbau. Dursun bedient Reichmuth, der mit links abzieht und den Ball traumhaft ins rechte obere Eck schiesst. Das 0:2 ist ein Auftakt nach Mass für die Berner Oberländer. Doch St. Gallen antwortet unmittelbar. In der 48. Minute setzt sich Baldé an der Grundlinie durch und legt den Ball auf den eingewechselten Leon Frokaj zurück. Dieser schiebt ins leere Tor ein und verkürzt auf 1:2. Die Freude der Gastgeber währt allerdings nicht lange. In der 53. Minute legt Dursun nach einem Einwurf den Ball auf Labeau zurück. Der Franzose zieht aus rund 20 Metern ab und schlenzt den Ball wunderschön ins rechte untere Eck. Nur vier Minuten später schlägt Thun erneut zu. Saiz spielt einen herrlichen Aussenristpass auf Dursun, der Okoroji stehen lässt und den Ball durch die Beine von Zigi zum 1:4 ins Netz schiesst. Innerhalb von zwölf Minuten hat Thun seine 1:0-Führung in einen Drei-Tore-Vorsprung verwandelt. St. Gallen sucht nach einer Antwort. In der 56. Minute schickt Witzig Baldé, dessen Abschluss bereits an Steffen vorbei ist, doch Bamert wirft sich noch dazwischen und verhindert den Treffer. Die Thuner ziehen sich nun zunehmend zurück und überlassen den Gastgebern das Spiel. In der 67. Minute reagiert St. Gallen mit einem Dreifachwechsel, später bringt auch Thun mit Braschi und Maier frische Kräfte. Die Ostschweizer erhöhen den Druck. In der 73. Minute setzt sich Owusu über links durch und legt auf Scherrer zurück, dessen Abschluss im Aussennetz landet. Kurz darauf scheitert Daschner alleine vor Steffen am Thuner Torhüter. In der 75. Minute fällt dann doch der St. Galler Treffer. Okoroji flankt aus dem linken Halbfeld, in der Mitte steht der 18-jährige Nevio Scherrer völlig frei und köpft zum 2:4 ein. Drei Minuten später verhindert Steffen mit einer starken Parade gegen Daschner das nächste Gegentor. Thun verteidigt mit grossem Einsatz, gerät aber immer stärker unter Druck. In der 87. Minute versucht es Owusu aus der Distanz, verzieht jedoch deutlich. Dann wird es in der 90. Minute nochmals richtig spannend. Owusu zieht erneut nach innen und schliesst ab, sein missglückter Versuch wird jedoch zur Vorlage für Daschner. Dieser steht plötzlich alleine vor Steffen und schiebt zum 3:4 ein. In der Nachspielzeit stemmt sich Thun mit aller Kraft gegen den Ausgleich. Daschner schiesst in der 93. Minute knapp über das Tor, eine Minute später kommt Ruiz nach einem Eckball frei zum Abschluss und setzt den Ball ebenfalls knapp über das Thuner Gehäuse.
Dann ertönt nach mehr als sieben Minuten Nachspielzeit endlich der erlösende Schlusspfiff. Der FC Thun gewinnt beim FCSG mit 3:4 und kehrt nach zwei Niederlagen in der Super League zum Siegen zurück. Die Ostschweizer hatten zwar mit 25:7 deutlich mehr Abschlüsse, doch die Berner Oberländer sind an diesem Nachmittag die wesentlich effizientere Mannschaft gewesen. Und so steigen Party-Kernen und ich bestens gelaunt in den Shuttlebus zurück nach Gossau. Den Nerven der grünweissen Fans zuliebe natürlich weiterhin ohne Meister-Shirt. Egal. Wir tragen den Meistertitel schliesslich im Herzen.