Thun – Sion

Thun – Sion

Zurück aus Mailand, wo ich die Weltspitze des Eishockeys bestaunt habe, geht es nach Thun, wo die Spitze des Schweizer Fussballs den FC Sion empfängt. Party-Kernen tippt vorsichtig auf ein 3:1. Ich bin bescheidener und bin schon froh, wenn es an diesem Februarsonntag gelingt, die Verfolger auf Distanz zu halten und den grossen Vorsprung in der Tabelle weiter zu verwalten. Es ist gut ein Dutzend Grad kälter als in Italien, doch die Stimmung ist mindestens ein Dutzend Dezibel lauter als in der Eishockeyarena Santagiulia, noch bevor der Ball überhaupt rollt. Thun ist im Fussballfieber.
Als die Partie in der Stockhorn Arena startet, übernimmt der Tabellenleader FC Thun sofort die Initiative gegen den FC Sion. Von der ersten Minute an ist spürbar, wer hier die Richtung vorgibt. Thun greift früh an, sucht konsequent den Weg nach vorne und setzt ein Zeichen. Bürki prallt mit Racioppi zusammen und sieht in der 4. Minute Gelb, doch das Tempo bleibt hoch. Meichtry prüft den Sion Keeper in der 8. Minute mit einem entschlossenen Abschluss. Labeau wird am Knöchel getroffen, steht aber wieder auf und arbeitet weiter für das Team. Thun spielt grandios. Die Defensive steht kompakt, verschiebt diszipliniert und lässt kaum etwas zu. Sion kommt zwar phasenweise zu mehr Ballbesitz, doch zwingende Chancen entstehen nicht. In der 17. Minute bietet sich die nächste grosse Gelegenheit. Nach einer Eckballvariante kommt ein Thuner aus 13 Metern zum Abschluss, der Ball fliegt knapp über das Tor. Die Führung liegt in der Luft. Rastoder trifft wenig später, steht jedoch im Abseits. Immer wieder rollt ein Angriff nach dem anderen auf das Tor der Gäste zu.
Die 43. Minute bringt die Erlösung. Der Ball gelangt zu Ethan Meichtry. Er nimmt Mass und schliesst präzise ab. Die Kugel prallt an den Pfosten und springt von dort ins Netz. 1:0 für den Leader. Ein technisch starker Abschluss, entschlossen und mit perfektem Timing. Die Stockhorn Arena mit 9083 Zuschauenden bebt. Meichtry trifft im richtigen Moment und krönt eine dominante Phase. Mit dieser verdienten Führung geht es in die Pause.
Wir holen uns eine Runde Bier, was in einem Stadion voller euphorischer Heimfans gar nicht so einfach ist. Wir stehen die ganze Pause an und auch dann noch, als der Schiedsrichter die Partie wieder anpfeift. Immerhin dürfen wir uns in der langen Schlange vor dem Verpflegungsstand das Spiel auf dem Handy anschauen. Vorher in der Kurve gab es einen Rüffel für mich für ein paar Sekunden Skirennenschauen auf dem Handy. So sind Kurvenregeln nun mal, dass wird auch auf fanatische italienische Skifans keine Rücksicht genommen. Während wir auf unser Bier warten, folgt auf dem Platz kurz ein Moment des Zitterns. Chipperfield verpasst in der 47. Minute den Ausgleich nur knapp. Steffen prallt bei seiner Rettungsaktion mit dem Kopf an den Pfosten, kann jedoch weitermachen. Und schliesslich sind auch Party-Kernen und ich wieder einsatzfähig, in der 52. Minute tragen wir unser Bier in die Kurve. Thun spielt derweil weiterhin stark. Dann kommt die 66. Minute und damit eine der entscheidenden Szenen des Spiels. Labeau startet durch und ist auf dem Weg Richtung Tor. Sow, bereits verwarnt, greift ein und bringt ihn zu Fall. Es ist eine klare Notbremse. Der Schiedsrichter schaut sich die Szene am Bildschirm an. Die Diskussionen der Sittener sind laut, da der Ball zuvor möglicherweise im Aus gewesen ist. Das Schiriverdikt konzentriert sich aber auf das Foul: Direkte Rote Karte gegen Sow. Sion spielt fortan in Unterzahl. Die Partie kippt nun endgültig zugunsten des Leaders.
Thun nutzt die Räume, kombiniert geduldig und erspielt sich weitere Möglichkeiten. Matoshi kommt zum Abschluss, Reichmuth bringt nach seiner Einwechslung sofort frischen Schwung. Sion-Goalie Racioppi, von Kollege Wyttenbach mehrfach mit Anti-YB-Sprüchen eingedeckt, pariert mehrfach stark. Dennoch bleibt das Gefühl, dass das zweite Tor nur eine Frage der Zeit ist. Gutbub verpasst aus aussichtsreicher Position, Reichmuth scheitert ebenfalls.
In der 82. Minute folgt die nächste Schlüsselszene. Ein weiterer Thuner Angreifer enteilt der Defensive. Diack weiss sich nur mit einem Foul zu helfen. Wieder ist es eine Notbremse. Wieder bleibt dem Schiedsrichter keine andere Wahl. Rote Karte. Sion muss die Partie mit zwei Mann weniger beenden. Die Frustration ist den Gästen anzumerken, doch Thun lässt sich nicht aus der Ruhe bringen und kontrolliert das Geschehen. Die Schlussphase gehört klar dem Tabellenleader. Ball und Gegner laufen, doch die Entscheidung fällt nicht. In der 95. Minute beinahe das 2:0. Gutbub hebt den Ball über Racioppi. Der Sion-Goalie sprintet zurück und klärt spektakulär vor der Linie. Auf der Gegenseite gäbe es noch einen Eckball für Sion, doch da pfeift der Schiedsrichter ab. Das sorgt für noch mehr Emotionen. Es stürmen gefühlt mehr Hitzköpfe auf den Platz als nach dem Thuner Aufstieg. Ein Staffmitglied der Gäste kassiert nun auch noch die Rote Karte.
Dann können wir endlich durchatmen und feiern. Der knappe 1:0-Erfolg bedeutet den achten Sieg in Folge. Neuer Clubrekord für den FC Thun. Die Serie hält, der Vorsprung wächst weiter. Fünfzehn Punkte beträgt der Abstand auf den ersten Verfolger, auch wenn Lugano erst noch in Basel spielen wird. Thun ist wirklich die Spitze des Schweizer Fussballs. Mit dieser Gewissheit trete ich den Heimweg an und schaue mir im Zug ohne Zwischenhalt in der Fussballprovinz Bern in aller Ruhe den Olympia-Riesenslalom an.

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