Sonntagmorgen 10 Uhr. Und alle sind wir auf dem Mühliplatz. Dabei ist es der Sonntag nach dem Fulehung. Aber auch heute steht wieder etwas Wichtiges auf dem Programm: Das Kantonsduell gegen YB. Etwas irritiert bin ich, dass nicht die Sitzplätze der Mühlibar belagert werden, sondern fast alle in den Gassen stehen bleiben. Die Portemonnaies scheinen leer zu sein nach den süffigen Fulehungtagen. Ich gönne mir quasi exklusiv ein Jungfrau Bier, aber irgendwie mundet mir das Brienzerseewasser nicht. Immerhin scheint endlich mal die Sonne, die ich während meiner verregneten Ferienwoche so sehr vermisst habe.
Mit rund 500 Leuten nehmen wir die Reise auf Richtung Wankdorf. Gölä macht im Extrazug mit neun vollen Wagen viel Stimmung, was auch angebracht ist angesichts unserer grossen Pläne. Wir wollen das Wankdorf nach dem Spiel als Leader verlassen. Das Stadion ist mit 29000 Zuschauern ziemlich voll, nur die Sonne lässt sich erst nicht blicken. Der Block Süd hat das Stadion bei seiner Anpfiffchoreo dicht eingenebelt. Die Stimmung auf der Thuner Seite ist generell gut, was auch am Spiel in der ersten Halbzeit liegt. Während das Gästeteam Angriff um Angriff startet, wirkt YB klinisch tot. Fehlpass um Fehlpass, verlorener Zweikampf um verlorenen Zweikampf. So ein schwaches YB habe ich zuletzt 1999 beim Thuner 0:3 im alten Wankdorf gesehen. Thun müsste nach einer halben Stunde längst führen. Und das hoch. Doch der Ball will einfach nicht rein. Ibayi, Reichmuth und gleich zweimal Dähler vergeben beste Chancen. Wenn sich das nur nicht rächt.
In der Pause staunen wir mal wieder über das effiziente Catering im Wankdorf. Auch wenn der Sektor und die Fans noch so voll und durstig sind, bekommt doch jeder und jede in Kürze ein Bier. Das ist nicht Hüttenzauber, das ist zauberhaft gut organisiert.
Gut gestärkt geht es in die zweite Halbzeit. Und die hat es in sich. Erst geht Thun in Führung. In der 52. Minute verwertet Ibayi einen langen Ball zum 0:1. Endlich. Und Thun könnte gleich nachdoppeln. Doch der Schuss von Matoshi landet am Pfosten. Wir sind entsetzt. Und sind es wenig später noch viel mehr. Denn ausgerechnet jetzt fängt YB mit Fussball an. Und wie. In der 64. Minute trifft Cordova zum 1:1 und in der 66. Minute Bedia zum 2:1. Es ist unverdient. Doch das Heimpublikum ist natürlich voller Euphorie. Umso besser, geben nun die Thuner wieder Gas und treffen erneut. In der 72. Minute flankt Dähler zu Meichtry, der zum 2:2 einköpft. Wenn schon nicht Leader werden, dann wenigstens einen Punkt mit heim ins Oberland nehmen. Aber YB meint es nicht gut mit uns. In der 80. Minute trifft Bedia via Latte und Pfosten zum 3:2. Und dann trifft nach einem umstrittenen Eckball auch noch Fasnacht per Kopf. Und so jubeln die YB-Spieler in der 90. Minute direkt vor einer desillusionierten Thun-Kurve. Kein Sieg im Kantonsduell, keine Tabellenführung. Und auch in den fünf Nachspielminuten will der Ball nicht mehr ins YB-Tor. 4:2 endet das erste NLA-Duell zwischen YB und Thun seit fünf Jahren. Der Fulehungsonntag hat irgendwie mehr Spass gemacht.