Thun – Luzern

Thun – Luzern

Der Schweizer Fussball hat ein ernstes Problem. Die Bierdosen halten der Thuner Euphorie nicht stand. Bei Winti gegen Thun habe ich eine Bierdose geerbt, weil diese ungeöffnet ein Leck hatte. Und heute läuft mir eine Bierdose aus, als ich auf dem Weg zum Spiel Thun gegen Luzern bin. Auch wieder vor dem ersten Schluck. Dabei wollte ich doch das Leben in vollen Zügen, meine im vollen Zug Zürich-Thun geniessen. Ja es stimmt, wenn man aktuell für den FCT durch die Schweiz reist, hat man keine grösseren Sorgen als den Zustand der Schweizer Bierdosenindustrie und deren Auswirkungen auf uns hyperaktive Fans.
Eine Sorge ist allenfalls noch, ob man an überhaupt an ein Matchticket gelangt. Das heutige Spiel ist ausverkauft. Was wohl weniger mit dem Fanbashing im Thuner Tagblatt (die Vorwürfe: kein ausverkauftes Haus gegen Sion und keine tolle Stimmung 90 Minuten vor Anpfiff), sondern mehr mit den zahlreich angereisten Zentralschweizern zu tun hat. Respekt, denn heute Nachmittag spielen auch Kriens und Cham. Ich schaffe es ins Stadion und ergattere mir sogar einen Platz mit freier Sicht aufs Spielfeld. Wobei das nicht viel heissen will. Vor Anpfiff zünden beide Kurven fleissig Pyros, wobei der Gästesektor so viel Brennholz dabei hat, dass das Stadion vernebelt wird. Der Spielbeginn verzögert sich um mehrere Minuten.
Schiedsrichter Nico Gianforte gibt die Partie schliesslich frei. Luzern startet mutig, aggressiv, prüft Thun früh. Thun-Goalie Steffen ist in den ersten Minuten gefordert, während Loretz auf der Gegenseite vorerst weniger eingreifen muss. Vor allem Kabwit sorgt für Unruhe, Bürki klärt in der 11. Minute stark gegen Villiger und verhindert den frühen Rückstand. Die Partie ist ausgeglichen, vieles spielt sich zwischen den Strafräumen ab. Dann, in der 24. Minute, packt der Leader zu. Nach einem schnell ausgeführten Freistoss bleibt Thun dran und setzt nach. Der Ball kommt zu Valmir Imeri, der sich einen Moment Zeit nimmt, den Kopf hebt und die Kugel mit Gefühl ins Netz zirkelt. Kein wuchtiger Abschluss, sondern ein überlegter, präziser Schuss. Loretz streckt sich vergeblich. 1:0 für die Berner Oberländer.
Und Thun legt nach. In der 29. Minute spielt Luzerns Abe einen katastrophalen Rückpass. Zu kurz, zu ungenau, sprich eine Einladung. Elmin Rastoder sagt Danke, schnappt sich den Ball, läuft allein auf FCL-Goalie Loretz zu. Der Stürmer bleibt eiskalt und schiebt zum 2:0 ein. Rastoder reisst die Arme hoch, wir Fans feiern. Der Leader scheint alles im Griff zu haben.
Doch Luzern bleibt gefährlich. Und kurz vor der Pause wird die Thuner Defensive einmal nicht ihrer Dominanz gerecht. In der 43. Minute stimmt die Zuordnung nicht, der Ball kommt in den Strafraum – und Kabwit steht goldrichtig. Er reagiert am schnellsten und verkürzt auf 2:1. Ein Treffer aus dem Nichts, der die Gäste zurück ins Spiel bringt.
Zur Pause führt Thun und ein Blick in die Ostschweiz sorgt zusätzlich für gute Laune: Der erste Verfolger St. Gallen liegt gegen Winterthur tatsächlich 0:1 zurück. Selbst ein Penalty bringt den Ausgleich nicht zustande. Es läuft alles für die Thuner.
In der Pause verzichte ich ausnahmsweise auf eine Runde Bier. Viel zu lang die Warteschlange am Verpflegungsstand. Ich nutze die Zeit, um mir einen besseren Platz in der Kurve zu suchen. Der Kollege hinter mir hat mir die ganze erste Hälfte Luzern-Beleidigungen ins Ohr geschrien. Irgendwann ist auch mal gut. Stattdessen reihe ich mich in eine Reihe mit Frauen ein. Die haben mehr Fussballverstand, sind euphorischer und bei allen Liedern textsicher. Ich dagegen benötige den verteilten Spickzettel, um beim neuen Rotwiss-Kurvenlied mithalten zu können.
Nach dem Seitenwechsel wird es hektischer. Luzern erhöht den Druck. In der 50. Minute gibt es eine knifflige Szene im Thuner Strafraum nach einem Eckball, der VAR prüft ein mögliches Handspiel von Matoshi, doch es geht ohne Strafstoss weiter. In der 54. Minute verhindert Steffen mit einem starken Reflex gegen Di Giusto den Ausgleich. Thun kontert immer wieder, kommt durch Rastoder und Labeau zu Möglichkeiten, doch das dritte Tor will nicht fallen.
In der 64. Minute hat Thun Glück, als Di Giusto eine flache Hereingabe nur knapp verpasst. In der 81. Minute der ganz grosse Schreckmoment. Di Giusto zieht ab und trifft nur den Querbalken. Steffen wäre chancenlos gewesen. Luzern glaubt weiterhin an den Punktgewinn.
Die Schlussphase wird für uns zur Nervenprobe. Steffen sieht Gelb wegen Spielverzögerung, Luzern-Spieler Vasovic wird ebenfalls verwarnt, weil er ein Gedrangel startet, als sich ein Thuner nach einem Foul Zeit lässt beim Aufstehen. Luzern rennt an und wirft nun alles nach vorne. In der 93. Minute verteidigt Bürki herausragend und verhindert mit letztem Einsatz, dass ein Luzerner allein auf Steffen zustürmen kann. Fünf Minuten Nachspielzeit sind angezeigt. Noch einmal fliegt ein Ball in den Thuner Strafraum. Dann ertönt der Pfiff von Nico Gianforte. Stürmerfoul. Abpfiff. Der FC Thun gewinnt 2:1.
Ganz perfekt wird der Abend dennoch nicht. Denn während Thun lange auf einen Ausrutscher des Verfolgers hoffen konnte, dreht St. Gallen die Partie gegen Winterthur spät. Nach dem zwischenzeitlichen 1:1 erzielen die Ostschweizer in der 94. Minute doch noch das 2:1. Damit bleibt es bei 14 Punkten Vorsprung für den Leader.
Wir feiern dennoch ausgiebig, machen uns aber Sorgen wegen dem nächsten Donnerstag. Da kommt der FCSG in die Stockhorn Arena. Wo finden wir bloss genug stabile Bierdosen, damit wir den nächsten Spieltag in vollen Zügen und mit vollen Dosen geniessen können.

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