Vinkigur Reykavik – Thun

Vinkigur Reykavik – Thun

Während ich diesen Spielbericht schreibe, läuft mir die Nase. Das isländische Wetter hat mich erwischt. Knapp über zehn Grad, das ist schlicht nichts für einen hitzeerprobten Thuner. Und dabei bin ich nicht einmal jener Thuner, der das ganze Spiel über mit dem Doppelhalter in den Händen oben ohne auf der Haupttribüne steht. Wobei Haupttribüne etwas hoch gegriffen ist: Es ist die einzige Tribüne, die dieses kleine Stadion überhaupt hat. Nein, ich bin jener Thuner, der zusammen mit Party-Kernen so lange am heiss ersehnten Island-Trip herumgetüftelt hat, bis uns das involvierte Ferieninsel-Reisebüro einen Einzahlungsschein schickte, verbunden mit der unmissverständlichen Ansage, dass jede weitere Abklärung 100 Franken kostet. Kurzum: Die Reisepläne sind gescheitert, aber das Island-Wetter hat mich trotzdem erwischt. Shit happens.
So erlebe ich aus der Ferne mit, wie 50 andere Thunfans nonstop alles dafür geben, dass der FC Thun den Sprung in eine europäische Gruppenphase schafft. Die Ausgangslage, um heute als Zwischenziel schon mal sechs Conference League-Spiele zu sichern, könnte für die Thuner kaum komfortabler sein. Mit einem 3:0-Polster aus dem Hinspiel reist der aktuelle Schweizer Meister nach Island. Doch von Ergebnisverwaltung ist zu Beginn nichts zu sehen. Die Oberländer übernehmen sofort die Initiative, drücken Víkingur tief in die eigene Platzhälfte und belohnen sich bereits in der 9. Minute. Nils Reichmuth erhält den Ball an der Strafraumgrenze und leitet ihn zu Fabio Fehr weiter. Die Isländer verlieren den Thuner völlig aus den Augen. Fehr hat Zeit, sich die Ecke auszusuchen, und schiebt überlegt unten links zum 1:0 ein. Thun bleibt danach am Drücker. In der 12. Minute verpasst der heute klar beste Thuner Brighton Labeau den zweiten Treffer nur knapp, drei Minuten später schiesst er erneut am Tor vorbei. Alles deutet darauf hin, dass die Berner Oberländer den Vorsprung aus dem Hinspiel problemlos verwalten können. Doch Víkingur meldet sich mit einem Paukenschlag zurück. In der 16. Minute kommt Gylfi Sigurdsson rund 18 Meter vor dem Tor an den Ball. Der ehemalige Premier-League-Spieler zieht mit links ab und hämmert den Ball herrlich in die linke obere Ecke. Thun-Goalie Justin Steffen bleibt ohne Abwehrchance. Es steht 1:1.
Der Ausgleich verändert die Partie. Die Isländer gewinnen an Selbstvertrauen, die Thuner verlieren etwas von ihrer anfänglichen Dominanz. Reichmuth prüft Víkingur-Keeper Ingvar Jónsson in der 21. Minute aus 17 Metern, doch der Abschluss bereitet keine Probleme. Danach spielt sich vieles im Mittelfeld ab. In der 35. Minute schlagen die Thuner erneut zu. Nach einem Eckball führt Reichmuth kurz aus und überlässt Fehr. Dieser bringt die Flanke auf den zweiten Pfosten, wo Labeau am höchsten steigt. Der Stürmer setzt seinen Kopfball präzise an den rechten Innenpfosten, von dort springt der Ball ins Tor. Thun führt wieder mit 2:1 und stellt den Vier-Tore-Vorsprung im Gesamtergebnis wieder her. Doch die Freude hält kaum eine Minute. Bereits in der 36. Minute fällt bereits wieder der Ausgleichtreffer. Víkingur kombiniert sich auf die Seite durch und bringt den Ball in den Thuner Strafraum. Dort kommt Thordarson in der Mitte völlig frei zum Kopfball. Die Zuordnung in der Thuner Defensive stimmt nicht, und der Isländer nickt unbedrängt in die linke Ecke ein. Wieder kommt Víkingur praktisch postwendend zurück. Kurz vor der Pause wird es nochmals gefährlich. In der 42. Minute startet Thun einen Konter über Michi Heule, der ab der Mittellinie alleine in Richtung Tor zieht. Doch der Angriff verliert an Tempo und die isländischen Verteidiger können aufschliessen. Zwei Minuten später verhindert Steffen auf der Gegenseite eine Grosschance, indem er knapp vor Ingimundarson an den Ball kommt. Mit dem 2:2 geht es in die Pause.
Zeit, per WhatsApp auch den Spätmerkern mitzuteilen, dass ich heute nicht in Island bin. «Möchte nächste Woche auf die Faröer. Aber das wird organisatorisch schwierig, wenn der Gegner erst morgen Abend fix ist.» Denn nicht nur das Island-Wetter treibt mir heute die Schweisstropfen auf die Stirn, sondern auch das Faröer-Wetter. Dort hatte es seit gestern so viel Nebel, dass sich die Anreise von Lech Posen immer weiter verzögert hat und das Gästeteam heute im ersten Anlauf in Norwegen statt auf den Faröer Inseln gelandet ist. Die Uefa hat deshalb erst entschieden, die Partie auf den späten Abend und später gleich auf Freitag zu verschieben. Wie soll man da bloss eine Reise für nächste Woche organisieren. Ich sehe die Ferieinsle-Crew schon vor mir, wie sie mit dem ersten Einzahlungsschein wedelt, bevor sie überhaupt die erste Flugverbindung heraussucht.
Aber zuerst muss Thun in Island den Sack zumachen. Und in der zweiten Halbzeit kommen plötzlich Zweifel auf. In der 55. Minute spaziert Finnbogason viel zu einfach durch die Thuner Defensive und kommt aus kurzer Distanz zum Abschluss. Steffen kann zunächst abwehren, lässt den Ball aber nach vorne prallen. Ingimundarson reagiert am schnellsten und schiebt zum 3:2 für Víkingur ein. Der Treffer wird noch auf eine mögliche Abseitsposition überprüft, zählt aber. Erstmals an diesem Abend liegt Thun zurück. Noch zwei Tore Vorsprung. Víkingur spürt, dass an diesem Abend noch etwas möglich sein könnte, während Thun nun stärker auf Sicherheit bedacht ist. In der 61. Minute sieht Jan Bamert wegen Zeitspiels die Gelbe Karte. Trotzdem bleibt der Schweizer Meister offensiv gefährlich. Einen Freistoss von Marco Bürki aus aussichtsreicher Position kann der isländische Torhüter in der 66. Minute parieren. Vier Minuten später legt Matoshi für Fehr auf, dessen Abschluss jedoch in der Abwehr hängen bleibt. In der 72. Minute fehlt wenig zum Thuner Ausgleich. Reichmuth scheint bereits durch zu sein, doch Gudjonsson spitzelt ihm den Ball im letzten Moment vom Fuss. Kurz darauf fordert Víkingur auf der Gegenseite einen Penalty, doch der Schiedsrichter lässt weiterspielen. Glück gehabt. Das gilt auch für die Szene in der 76. Minute. Ein Abschluss von Sigurdsson wird von einem eigenen Mitspieler geblockt und verfehlt dadurch das Ziel. Víkingur setzt nun alles auf die Offensive. In der 84. Minute schiesst Atlason nur knapp am rechten Pfosten vorbei. Drei Minuten später muss Steffen nochmals entscheidend eingreifen: Gudjonsson kommt aus kürzester Distanz zum Abschluss, doch der Thuner Goalie reagiert stark und verhindert das 4:2. Auch ein Eckball der Isländer sorgt in der 88. Minute nochmals für ein grosses Durcheinander im Thuner Strafraum, bevor Matoshi klären kann. In der vierminütigen Nachspielzeit wirft Víkingur endgültig alles nach vorne. Doch Thun hält stand und bringt den Zwei-Tore-Vorsprung über die Zeit.
Mit dem Gesamtskore von 5:3 ziehen die Berner Oberländer in die Playoffs zur Europa League ein. Dort wartet entweder Lech Posen oder KÍ Klaksvík. Das Hinspiel findet am Donnerstag, 20. August, auswärts statt – wo auch immer die Reise dann hingeht. Ich hoffe derweil, dass ich Island bis dahin auch gesundheitlich vollständig hinter mir gelassen habe. Ein Gruss geht raus an den Oben-ohne-Thuner in Reykjavik.

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