Winterthur – Thun

Winterthur – Thun

Ich bin ein alter Mann. Deshalb habe ich beim Chef für heute Home Office beantragt. Will mich schonen für den zweiten Versuch, in Winterthur Fussball zu spielen. Heute sollte es klappen, die Tage der Narren, sprich die Fasnacht ist vorbei. Da sollten die Stadtangestellten endlich genug Zeit haben, den Kartoffelacker Schützenwiese zu verpflegen. Doch was passiert? Ich laufe in den Socken direkt ins Metallteil meines Sofas und hole mir zwei blaue Zehen. Ich fühle mich wie Lindsey Vonn. Gut habe ich den Dafalgan-Tipp von Party-Kernen intus und rette mich so durch den Tag. Etwa 20 Minuten vor Anpfiff bin ich im Stadion, als einer der ersten Thunfans. Heute ist Mittwoch und das Spiel beginnt bereits um 19 Uhr. Die Fankurve kümmert sich vorbildlich um mich. Ich erhalte gleich drei Bier in die Hand gedrückt für meine Genesung. Offiziell ist es eine Geste, weil ich für einen Kollegen auf Ricardo ein Rama-Trikot ersteigert habe. There’s only one Milaim Rama.
Ich stehe absichtlich ausnahmsweise etwas abseits von der Kurve. Ich will meinen Fuss schonen bei den angekündigten drei bis fünf Thun-Toren. Und vor allem will ich die Tore überhaupt sehen. Die Schützenwiese ist bekanntlich sehr flach und die Sicht entsprechend eingeschränkt. Nur ist das in der ersten Halbzeit ein typisches 0:0-Spiel.
Die Startphase gehört überraschend dem Schlusslicht. Winterthur hat etwas mehr Ballbesitz, ohne jedoch wirklich gefährlich zu werden. Die Berner Oberländer brauchen eine Viertelstunde, um sich an Platz und Gegner zu gewöhnen, übernehmen dann aber klar das Zepter.
In der 15. Minute setzt Ethan Meichtry ein erstes Ausrufezeichen. Sein Distanzschuss wird von Kapino mit den Fingerspitzen über die Latte gelenkt. Danach häufen sich die Standardsituationen. Fabio Fehr bringt mehrere Ecken scharf zur Mitte, noch fehlt die Präzision im Abschluss.
Mit dem Pausenpfiff dann die Riesenchance für den Leader: Fehr flankt punktgenau in den Strafraum, Brighton Labeau steigt völlig freistehend hoch, doch der Kopfball des Stürmers geht knapp neben das Tor. Statt Führung bleibt es beim torlosen Remis nach 45 Minuten.
In der Pause sind trotzdem unverändert optimistisch wie es sich für Fans des Leaders gehört. Und wir werden mit einer guten zweiten Hälfte belohnt.
Nach dem Seitenwechsel machen die Thuner Ernst und belohnen sich. In der 55. Minute bricht Ethan Meichtry den Bann. Valmir Matoshi setzt sich im Mittelfeld resolut im Zweikampf durch und spielt den Ball im richtigen Moment auf die rechte Seite. Meichtry startet perfekt in den freien Raum, zieht mit Tempo in den Strafraum und bleibt vor Kapino eiskalt. Mit einem präzisen Abschluss ins lange Eck bringt das Thuner Eigengewächs den Leader verdient in Führung. 1:0. Wir hüpfen alle. Ich wegen meinem Fuss so ungelenkt, dass mir das Handy aus den Hosen fällt. Ein Thunfan drückt es mir umgehend in die Hände. Das ist sportlich, vielen Dank. Nur vier Minuten später, in der 59. Minute, folgt der Doppelschlag. Käit erobert im Mittelfeld energisch den Ball und leitet sofort weiter zu Bürki. Dessen Hereingabe wird über Matoshi zentral abgelegt, wo Elmin Rastoder goldrichtig steht. Aus zentraler Position zieht der Stürmer flach ab und versenkt den Ball unhaltbar zum 2:0. Die Effizienz der Berner Oberländer ist in dieser Phase beeindruckend, aus Kontrolle wird klare Führung.
Winterthur bäumt sich danach kurz auf. Hunziker tankt sich über rechts durch, doch Steffen ist mit den Fingerspitzen zur Stelle. Bei einem Eckball von Sidler klärt die Thuner Defensive in höchster Konzentration.
Einziger Wermutstropfen für den unangefochtenen Leader: In der 63. Minute wird Torschütze Meichtry am rechten Fuss getroffen und muss verletzt ausgewechselt werden.
Die Entscheidung fällt in der 83. Minute. Kryeziu vertändelt im Spielaufbau leichtfertig den Ball. Der eingewechselte Dursun reagiert blitzschnell und spielt quer auf Mitjoker Imeri. Dieser hat zentral zu viel Platz und schiebt überlegt zum 3:0 ein. Ein einfacher Ballverlust des Heimteams, eiskalt bestraft vom Leader. Nun haben wir die drei angekündigten Tore. Wir singen entsprechend laut, vor allem unser neues Lied. FC Thun, mir si immer für di da. Rot-Wiss! In der Schlussphase verwalten die Thuner das Resultat souverän. Während Winterthur die vierte Niederlage in Serie kassiert, ziehen die Berner Oberländer an der Spitze weiter davon.
Nach Schlusspfiff verweilen wir im Stadion und feiern das Team. Wir sind echt die Nummer 1. Und so humple ich im Kollektiv mit Richtung Bahnhof Winterthur. Morgen hat der Chef kein Home Office erlaubt. Egal, mit dem Siegesgrinsen eines Leaders lache ich sicher alle Schmerzen weg.

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