Lugano – Thun

Lugano – Thun

Heute steht die lange Reise ins Tessin an. Die Abfahrt erfolgt mit dem Extrazug um 12:40 Uhr, die Rückkehr ist für 23:50 Uhr geplant, allfällige Stunden im Osterstau nicht eingerechnet. Doch was nimmt man nicht alles auf sich auf dem Weg zum Meistertitel, der zumindest punktemässig zum Greifen nah ist. Zumal wir auch für Unterhaltung an Bord vorgesorgt haben. Gemeint ist damit nicht nur das Bier und die Berliner Luft von Party-Kernen, sondern auch Podcasts fürs Bordprogramm. Party-Kernen liefert in seinem WhatsApp-Status eine siebeneinhalbminütige Matchprognose. Das fünfteilige Video weist aufgrund etwas holprigen Schnitts allerdings einige Wiederholungen auf. Noch redseliger zeigt sich Mattäng: Im Kanal-K-Studio in Aarau hat er gleich einen 70-minütigen Podcast aufgenommen, in dem er aus der Perspektive der Thun-Fans ausführlich die Stimmungsschwankungen rund rund um den FC Thun beleuchtet. Auch sein Gastauftritt beim MVP-Meister-Vogler-Podcast hat einiges an Kultpotenzial.
Einige Lacher später kommen wir in Lugano an. Für einmal kommt der Fanmarsch gelegen, ist doch im Tessin schönstes Frühlingswetter. Die Vorzeichen stehen gut für einen tollen Fussballnachmittag. Dass der Tag ähnlich punktelos enden könnte wie zuletzt im Letzigrund, glaubt so wirklich niemand der zahlreich mitgereisten Fans. Der Leader aus dem Berner Oberland startet im Cornaredo engagiert in die Partie, wird aber früh gefordert. In der 6. Minute sieht Montolio nach einem harten Einsteigen gegen Dos Santos die Gelbe Karte. Kurz darauf hat Lugano die grosse Chance zur Führung, doch Lugano-Steffen trifft nach idealer Vorarbeit von Dos Santos nur den Pfosten. In der 25. Minute sorgt ein Zusammenprall im Thuner Strafraum für Aufregung, ein Penaltypfiff bleibt jedoch aus. Wenig später folgt die bis dahin spektakulärste Szene aus Thuner Sicht: Imeri setzt zu einem starken Lauf an, überläuft seinen Gegenspieler und lupft den Ball von der Strafraumgrenze sehenswert über den Torhüter, doch die Kugel landet nur auf der Latte. Das Spiel bleibt intensiv. In der 32. Minute prüft Meichtry Lugano-Goalie Saipi aus der Distanz, der Ball springt gefährlich nach vorne, doch die Defensive klärt in letzter Sekunde. Auf der Gegenseite muss Thun-Steffen im Tor mehrfach eingreifen, unter anderem in der 42. Minute, als er einen Abschluss von Cimignani stark pariert. Zur Pause steht es trotz Chancenplus für Lugano 0:0. Zeit, unsere Italienischkenntnisse zu testen und ein Birra zu holen. Oder auch zwei, dann muss man nicht wissen, ob das werte Bier hier in Lugano männlich oder weiblich gegendert wird.
Direkt nach Wiederanpfiff haben die Thuner die grosse Möglichkeit zur Führung. In der 46. Minute wird Meichtry nach einem Fehler der Tessiner lanciert, seine Hereingabe verpasst aber gleich zweimal knapp den Mitspieler. In der Folge erhöht der Leader den Druck, ohne jedoch zwingend zu werden. Dann folgt in der 60. Minute der entscheidende Moment der Partie. Lugano kommt zu seiner ersten Offensivaktion nach der Pause. Der Ball gelangt an die Strafraumgrenze zu Dos Santos. Der ehemalige Thuner nimmt den Ball kurz an, hebt den Kopf und zirkelt ihn mit viel Gefühl und Präzision in Richtung Tor. Die Flugbahn ist perfekt, der Ball steigt leicht an, dreht sich vom Torhüter weg und schlägt unhaltbar im Lattenkreuz ein. Thun-Steffen streckt sich vergeblich, kann den Einschlag nicht verhindern. Dos Santos verzichtet aus Respekt vor seinem Ausbildungsverein auf den Torjubel, aber die Tessiner Führung ist trotzdem Tatsache. Die Berner Oberländer reagieren und werfen in der 67. Minute mit einem Dreifachwechsel neue Kräfte ins Spiel. In der 69. Minute verhindert Lugano-Verteidiger Papadopoulos in höchster Not eine Hereingabe von Dursun. Die Partie wird zunehmend ruppiger, Reichmuth muss nach einem harten Zweikampf gar mit einer blutigen Wunde behandelt werden. Die Chancen für Thun wären da: In der 78. Minute kommt Rastoder nach einer Hereingabe einen Schritt zu spät, wenig später prüft Reichmuth aus der Distanz Saipi. In der 86. Minute liegt der Ausgleich erst recht in der Luft, doch Dursun spitzelt den Ball knapp am Pfosten vorbei. Die Thuner drücken weiter, während Lugano auf Konter lauert. In der Nachspielzeit bietet sich dem Leader nochmals die grosse Chance. Reichmuth setzt sich durch, legt sich den Ball per Kopf vor und zieht aus kurzer Distanz ab, doch Lugano-Goalie Saipi lenkt den Ball in extremis um den Pfosten. In der 93. Minute fordert Gutbub nach einem Dribbling einen Penalty, doch der Schiedsrichter lässt weiterspielen. Wir fluchen. Aber der Tamedia-Liveticker-Schreiberling meint: Das war kein Foul und viel zu theatralisch, kein Penalty. In der 94. Minute holen die Thuner noch einen Eckball heraus, die letzte Möglichkeit der Partie. Doch Bottani klärt entschlossen, unmittelbar danach pfeift Schiedsrichter von Mandach ab.
Der FC Thun verliert mit 0:1 gegen Lugano und muss die zweite Niederlage in Serie hinnehmen. Es geht tatsächlich punktelos zurück ins Berner Oberland. Auf der Rückfahrt schlägt deshalb die Stunde der Mathematiker. Sie rechnen uns ausführlich vor, wann den Thun nun Meister werden kann. Was auch vom Spiel des FCSG vom Ostermontag abhängt. Schreibe Null und behalte Drei. Wer die Mensa-Berechnungen nach all dem Bier und all der Berliner Luft nicht kapiert hat, bekommt sie sicher schon bald in siebeneinhalb Minuten von Party-Kernen erklärt. Oder in siebzig Minuten von Mattäng.

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