Luzern-Thun

Luzern-Thun

Heute hätte ich die Chance, fünffache Ultrapunkte zu holen. Ich müsste dafür nur von Zürich nach Thun fahren und dort in den Extrazug der Thunfans einsteigen. Grund für den Punktebonus: Das kleine GC hat keinen Extrazug der SBB zugeteilt bekommen. Stattdessen nehmen die Niederhasler einen regulären Zug ab Zürich HB. Und obwohl es zweimal pro Stunde einen Direktzug von Zürich an ihren Spielort Lausanne gibt, entscheiden sie sich für den IC 81-Zug Richtung Thun und sorgen für eine regelrechte Chaotenfahrt mit dreimaligem Notbremseziehen, viel Rauchzeichen und Rekordmeister-Flugblättern. GC-Fans sind schon eine missverstandene Gruppe. Aber man kann es auch positiv sehen: Der Rekordmeister will seinen Respekt vor dem aktuellen Schweizer Meister unter Beweis stellen und führt sein Fussballtheater deshalb ausgerechnet im Zug von Zürich nach Thun auf. Ja das wäre ein richtiger Kindergeburtstag, wenn ich in meinem Thun-Outfit auch an Bord wäre. Aber weil ich den ganzen Nachmittag mit Packen fürs Champions-League-Spiel in Zagreb beschäftigt bin, verzichte ich auf den Umweg über Thun. Ich fahre stattdessen direkt von Zürich nach Luzern und von dort weiter mit der S-Bahn zum Stadion. Eine gesellige Reise ohne Zwischenfälle. Es gibt auch sehr viele intelligente Fussballfans.
Im Stadion treffe ich die Kollegen. Wir holen uns erst mal unser Bier. Und das stimmt gleich doppelt, denn in Thun wir ja seit der neuen Saison auch Eichhof ausgeschenkt. Wir haben also bereits Übung mit solchem harten Alkohol.
Um 20.30 Uhr gehts los. Der FC Thun gerät beim Auftakt der neuen Super League-Saison früh unter Druck. Kaum rollt der Ball, setzt Saiz mit einem Foul nach wenigen Sekunden das erste Zeichen. In der 2. Minute folgt die kalte Dusche. Nach einem hohen Ball in den Strafraum herrscht Unordnung in der Thuner Defensive, mehrere Luzerner kommen frei zum Abschluss, ehe Stefan Knezevic den Ball aus kurzer Distanz über die Linie drückt. Weil der Verdacht auf eine Abseitsposition besteht, greift der VAR ein und überprüft die Szene ausführlich. Nach langer Wartezeit bestätigt das Videoteam den Treffer in der 4. Minute. Das Tor zählt und der Meister liegt früh mit 0:1 zurück. Die Antwort lässt jedoch nicht lange auf sich warten. In der 8. Minute sorgt ein weiter Einwurf von Nicolas Bürgy für Verwirrung im Luzerner Strafraum. Gutbub verlängert den Ball per Hinterkopf und Nico Maier reagiert blitzschnell. Aus der Drehung nimmt er den Ball volley und trifft über den Innenpfosten unhaltbar zum verdienten Ausgleich. 1:1, Thun ist wieder auf Kurs.
Luzern hat in der Folge mehr Ballbesitz, doch Thun verteidigt kompakt und setzt immer wieder gefährliche Nadelstiche. Stewart wird in der 12. Minute gerade noch von Torhüter Simoni gestoppt. Nach 22 Minuten zeichnet sich Thun-Goalie Steffen erstmals mit einer starken Parade gegen Ferreira aus. Auf der Gegenseite scheitert Derbaci in der 25. Minute mit einem sehenswerten Schlenzer an Simoni. Drei Minuten später fehlt dem Meister nur wenig zur Führung. Zoukit zirkelt einen Freistoss herrlich über die Mauer, doch der Ball klatscht an die Latte. Auch Stewart verzieht in der 30. Minute knapp. Kurz vor der Pause steigt Gutbub nach einem Eckball am höchsten, bringt seinen Kopfball aber nicht aufs Tor. So bleibt es trotz der besseren Chancen des Meisters bis zur Halbzeit beim 1:1.
Nach dem Seitenwechsel drängt Luzern zunächst auf die erneute Führung. In der 47. Minute übersteht Thun eine unübersichtliche Szene im eigenen Strafraum mit etwas Glück. Zwei Minuten später verhindert Steffen mit einer überragenden Parade gegen Ferreira den Rückstand. Nur wenig später schlägt der Meister erneut zu. In der 50. Minute holt Balaruban, der legendäre Lieblingsspieler von Party-Kernen, einen Freistoss heraus, nachdem Luzerns Captain Dorn für ein Foul die Gelbe Karte sieht. Zoukit bringt den ruhenden Ball gefährlich vors Tor. Luzern-Goalie Simoni scheint den Ball bereits sicher in den Händen zu halten, lässt ihn aber wieder los. Thun-Neuzugang Nicolas Bürgy setzt entschlossen nach und stochert den Ball aus kurzer Distanz über die Linie. Erneut schaltet sich der VAR ein und überprüft die Entstehung des Treffers ganz genau. Nach bangen Momenten folgt in der 53. Minute die Erlösung. Das Tor wird bestätigt, der Meister hat offiziell die Partie gedreht. Später wird der Treffer offiziell Gutbub gutgeschrieben, weil der Stürmer den Ball am Boden liegend noch entscheidend berührt hat.
Thun bleibt gefährlich. In der 55. Minute vergibt Gutbub das mögliche dritte Tor, als er eine perfekte Flanke am zweiten Pfosten nicht richtig trifft. Zehn Minuten später scheitert er nach einem Sololauf erneut an Simoni.  Thun-Trainer Privitelli bringt mit Michi Heule, Roth und Matoshi frische Stammkräfte. Michi Heule muss schon kurz darauf nach einem harten Zweikampf kurz behandelt werden, kann aber zu unserer Erleichterung weiterspielen. Stewart verpasst in der 68. Minute mit einem Schuss knapp am Pfosten die Vorentscheidung. Diese fällt schliesslich in der 84. Minute. Dähler schlägt einen Freistoss von der rechten Seite präzise in den Strafraum. Nicolas Bürgy steigt am höchsten und köpft den Ball wuchtig ins Netz. 1:3!
In der Nachspielzeit verteidigt der Meister, der von uns mit dem Meisterlied passend gefeiert wird, konzentriert. Bamert kommt nach einer Ecke noch zu einer guten Kopfballchance, ehe Luzern mit zwei Eckbällen den Anschlusstreffer sucht. Die Thuner Abwehr hält jedoch stand. Ein letzter Konter über Saiz versandet zwar, doch wenig später beendet der Schiedsrichter die Partie. Gross ist der Jubel, auch weil ein Blick auf die Blitztabelle Schönes zeigt. Thun ist bereits wieder Leader. Es ist also ganz logisch, dass die vielen Thuner Auswärtsfans mit einem Extrazug durch die Schweiz reisen dürfen und die GC-Fans nicht. Ein Gruss geht raus an Niederhasli mit dem vergessenen Rekordmeister.

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