Was für eine tolle Überraschung. Kollege Uttiger drückt mir heute im Letzigrund ein schwarzes Old School-T-Shirt in die Hände. Mit grosser Abbildung des alten FC Thun-Logos und mit einem braunen Lederball drauf. Dazu erhalte ich eine Handvoll Kleber mit gleichem Sujet. Eine echt coole Idee. Auch weil die Bise mal wieder alle im Letzigrund zum Zittern bringt. Logo, dass ich mir das T-Shirt gleich über die Jacke ziehe. Zum Glück heizt auch die Kurve ordentlich ein. Es gibt viele Pyros zum Anpfiff, besonders die Zuckerstöcke sind sehr schön anzusehen.
Die Partie beginnt ganz nach dem Geschmack der vielen Gäste aus dem Berner Oberland. Bereits in der 1. Minute kommt Rastoder im Strafraum zum Abschluss, scheitert aber an FCZ-Goalie Huber. Nicht verwandt mit der Gemeinderätin Huber aus dem Kreis 9. In der 2. Minute prüft Bertone den Zürcher Keeper aus der Distanz. Thun macht enorm Druck. In der 5. Minute lenkt Vujevic eine Hereingabe an den eigenen Pfosten. In der 6. Minute verpasst Labeau per Volley nur knapp, und in der 9. Minute ist er nach einer flachen Hereingabe einen Schritt zu spät. Die Berner Oberländer dominieren die Anfangsphase klar, einzig der Führungstreffer fehlt.
Dieser fällt stattdessen auf der Gegenseite. In der 15. Minute bringt Berisha den Ball nach einem geklärten Eckball erneut in den Strafraum. Reverson steigt hoch und trifft per Kopf zum 1:0. Ein Tor, das sich überhaupt nicht abgezeichnet hat. Die Thuner zeigen sich unbeeindruckt. In der 18. Minute setzt sich Meichtry stark durch, scheitert aber knapp an Huber. Die Gäste bleiben am Drücker und werden in der 38. Minute belohnt. Nach einem Einwurf schaut Bertone kurz auf und trifft per Volley aus der Distanz sehenswert zum 1:1. Ein Traumtor und der verdiente Ausgleich für den Leader. Kurz vor der Pause verhindert Steffen in der 44. Minute gegen Kény einen erneuten Rückstand. Mit dem Stand von 1:1 geht es in die Halbzeit.
Also sofort los an den Bierstand. Denn Fussballkenner wissen, dass das Cateringteam im Letzigrund ähnlich langsam sind wie in der Stockhorn Arena. Ich erhalte immerhin nach ein paar Minuten Anstehen mein Cahshless-Bier. Zufrieden bin ich allerdings nicht wirklich. Im Becher gibt es noch viel Luft nach oben. Ich reklamiere im besten Züridütsch mehrmals, bis der Becher doch noch bis an den Rand aufgefüllt wird. Gut ist Party-Kernen heute an einem Anlass in der Zentralschweiz und somit nicht mit dabei. Der hätte sich wohl kaum so diplomatisch ausgedrückt. Verbesserungswürdig ist auch die WC-Anlage. Zwar hängt ein Plakat mit QR-Code an der Wand, der einen kostenlosen Test der mitgebrachten Drogen anbietet. Das Angebot würde sicher auch einen Snus-Check beinhalten. Dafür halte ich aber den brüchigen WC-Deckel in den Händen, als ich ihn runterklappen will. Eine links-grüne regierte Stadt setzt halt die Prioritäten anders, als es der gesunde Menschenverstand erwarten würde.
Mit dieser Erkenntnis bin ich pünktlich zurück in der gut gefüllten Kurve. Auch nach dem Seitenwechsel bleibt Thun gefährlich. In der 52. Minute versucht es Bertone erneut aus der Distanz, Huber kann abwehren. In der 56. Minute zwingt Meichtry den Zürcher Torhüter mit einem Schuss in die nahe Ecke zu einer Parade. Dann sorgt der VAR für Aufregung. In der 63. Minute wird ein mögliches Handspiel von Walker im Strafraum überprüft. Der Ball trifft den Arm des Zürchers, und vieles deutet auf einen Penalty hin. Nach kurzer Unterbrechung entscheidet Schiedsrichter Fähndrich in der 66. Minute jedoch gegen einen Strafstoss. Eine äusserst knifflige Szene, bei der unklar bleibt, ob Reichmuth den Ball zuvor noch entscheidend ablenkt. Für die Thuner ist dieser Entscheid schwer nachvollziehbar. In der 77. Minute folgt der nächste Rückschlag. Wieder ist es eine Flanke von Berisha, wieder fällt das Tor per Kopf. Cavaleiro steigt am höchsten und trifft zum 2:1 für den FCZ. Steffen bleibt ohne Abwehrchance.
In der Schlussphase versucht der Leader zu reagieren, doch der FCZ verteidigt kompakt und lässt kaum noch klare Chancen zu. In der 90. Minute rettet Kény im eigenen Strafraum in letzter Sekunde vor mehreren heranstürmenden Thunern. Sechs Minuten werden nachgespielt, doch der Spielfluss ist geprägt von vielen Unterbrüchen. Die letzte Möglichkeit gehört nochmals den Gästen. In der 97. Minute kommt Dähler zum Kopfball, setzt diesen aber neben das Tor.
Danach ist Schluss. Die Thuner zeigten heute eine engagierte Leistung, was allein schon die 9:1-Eckballbilanz für das Gästeteam unterstreicht. Am Ende stehen wir jedoch ohne Punkte da, weil ausnahmsweise die Effizienz gefehlt hat und entscheidende Szenen nicht zu Gunsten des Leaders ausgefallen sind. Und doch trage ich auf dem Heimweg mein schwarzes Old School-T-Shirt voller Stolz durch die Strassen von Zürich. Der Titel ist in Greifweite.