Heute Abend spielt Thun gegen Servette. Party-Kernen und ich treffen uns, um das Spiel gemeinsam zu verfolgen. Er kommt direkt von einer Fussballspritztour. Im Wankdorf hat YB, die Zweite, gegen Cham 1:1 gespielt. Ich komme vom Bundesligaschauen vor dem Fernseher, wo Bayern und der HSV mal wieder bewiesen haben, dass sich im Fussball das Fighten bis ganz zum Schluss lohnt. Unser Treffpunkt ist nicht das Stade de Genève, sondern das Hallenstadion, das sich fürs Wochenende den Namen «Heubode» gegeben hat. Trauffer ist on tour und Party-Kernen und ich mittendrin im Musikspektakel. Die Verbindung nach Genf ist durch unsere Handys sichergestellt. Und während Trauffer zu singen beginnt über idyllische Orte am Brienzersee oder unter Zwetschgenbäumen, passt das Verfolgen des Spiels am Bildschirm perfekt. Denn auch in Genf wird in der Startviertelstunde vor allem auf den Bildschirm gestarrt. Dem VAR sei Dank.
In der 10. Minute erobert sich Roth den Ball und zieht direkt auf das Tor von Servette los. Douline bringt den Thuner zu Fall – und Schiedsrichterin Blanco zeigt auf den Punkt! Penalty? Oder doch Freistoss? Die Entscheidung dauert lange. Weil sich der VAR einschaltet, gibt es schlussendlich doch nur einen Freistoss für Thun.
Nur drei Minuten später, in der 13. Minute, wiederholt sich das Ganze beinahe eins zu eins: Nach einem weiten Einwurf von Heule springt der Ball an die Hand von Servette-Verteidiger Bronn – und erneut zeigt Schiedsrichterin Blanco auf den Punkt! Penalty? Oder wieder nicht? Die Entscheidung dauert lange. Der VAR meldet sich und nimmt auch diesen Penalty für Thun zurück: Unabsichtliche Handberührung, also doch Abstoss.
Zum Glück stimmt Trauffer ein Gute-Laune-Feuerwerk an, sonst würden sich Party-Kernen und ich uns wohl nur noch mehr ärgern. Und wie passend: Ein ganzer 15-Minuten-Block Italosongs! Wer, wenn nicht die Italiener, weiss besser, wie es ist, vom Schiri-Team übervorteilt zu werden?
Bis zur Pause übernimmt mit Servette vor allem das Heimteam zunehmend die Kontrolle. Das Spiel wird körperbetonter, doch zwingende Torchancen bleiben aus.
Während sich unsere Jungs in Genf verpflegen können, ist für uns in Zürich der Weg zum Bier zu weit. Pausen? Fehlanzeige. Nur zwei Mal scheint das Konzert vorzeitig zu enden, doch das Publikum hebt in bester VAR-Manier den Entscheid auf und erzwingt mit lautem «Zugabe, Zugabe!» die Fortsetzung. Und noch eine Szene im Konzertsaal, der ans Fussballstadion erinnert. Plötzlich springt ein junger Mann oben ohne auf die Bühne. Ganz wie bei den Ultras gehört die Sixpack-Show offenbar dazu, sie ist das Startsignal für den nächsten Fangesang. «Das chuunt eus spanisch vor.» Mit Ehrengast Maja Brunner in ganz breitem Züridütsch. Kurz habe ich als Stadtzürcher meinen Heimatmoment, doch schon folgt für Party-Kernen die nächste Hymne aufs Berner Oberland. Die Stimmung ist ausgelassen, wird aber plötzlich getrübt. «1:0 für Servette» wird aus Genf gemeldet.
Über Stevanovic kommt der Ball zu Antunes, der sich dreht und abschliesst. Bamert fälscht noch entscheidend ab und so zappelt nach rund einer Stunde der Ball im Netz. Doch es ist nicht die Führung für Servette: Wieder meldet sich der VAR und pocht darauf, dass Stevanovic rund 30 Sekunden zuvor im Abseits stand. Es bleibt beim 0:0.
In Zürich werden für die zweite Konzertzugabe Plastikkühe verteilt. Und das ganze Stadion singt: «Doch Sie het Müeh mit de Chüeh, Müeh mit de Chüeh, Müeh mit de Chüeh, Müeh mit de Chüeh.»
Zugleich könnte man in Genf singen: «Doch er het Müeh mit däm Ball, Müeh mit däm Ball, Müeh mit däm Ball, Müeh mit däm Ball.» Mit Fingerzeig auf Servette-Goalie Mall. Kurz vor Ablauf der regulären Spielzeit wird der aufgerückte Bürki in Strafraumnähe gefoult. Bertone legt sich den Ball zurecht, er tut das nur, weil Imeri, Freistoss-Spezialist Nummer eins, kurz zuvor ausgewechselt worden ist. Rund 23 Meter beträgt die Distanz. Bertone nimmt nur kurzen Anlauf, der Ball steigt über die Mauer und senkt sich im richtigen Moment oben links ins Netz. Servette-Goalie Mall zuckt nicht mal und schaut ziemlich verdutzt in die Genfer Nacht.
Die Thuner Fankurve bejubelt zur 90. Minute die Führung und ist in diesem Moment wohl noch lauter als die Trauffersche Fankurve im Hallenstadion. Und dann enden um 22:23 Uhr beide Spektakel nahezu zeitgleich. Hier das tolle Konzert, dort das tolle Spiel. Was beiden Veranstaltungen zugleich ist: In Zürich, wie in Genf gehen Berner Oberländer als viel umjubelte Sieger vom Platz.