Nach 60 gespielten Minuten klingelt mein Handy. Mein Kumpel ist dran und redet in entsetztem Tonfall auf mich ein: «Was ist denn in der Arena los? Da hat es ja überall Rauch?!» fragt mich Kevin. Kevin war früher Fussballfan. Jetzt hat er aber nochmals die Kurve gekriegt und ist zu einem braven Bürger geworden. So ist er schon um 21 Uhr unterwegs ins Kreuz Allmendingen, wo er brav den ganzen Abend lang Bier und Musik konsumieren wird. Natürlich ganz ohne Ausschweifungen, denn schliesslich ist so ein Oktoberfest topseriös. Wenn dort mal eine kleine Rauchwolke aufsteigt, dann nur im Fumoir. Wie soll ich bloss einem Vorzeigebürger wie Kevin erklären, warum die eine Fankurve sich entschlossen hat, das ganze Stadion gleich dreimal mit Pyros einzuräuchern (beim Wiederanpfiff, beim 1:1 und beim 1:2, mangels «Munition» aber nicht mehr beim 1:3) und die andere Fankurve die eigenen Verteidiger zum Teufel wünscht (nur nicht den Dauersünder Ghezal, der dummerweise schon in der Pause ausgewechselt worden ist)? Ich entscheide mich für die kurze Variante: «Die GC-Fans zünden, weil sie gerade drei Tore geschossen haben.» Wie viel Ärger in meiner Antwort durchschimmert, kann ich nicht abschätzen. Mein Kumpel aber bleibt locker: «Okay, ich geh ans Oktoberfest. Schreibst du mir dann bitte das Schlussresultat?» Wenig später hängt er ab. Ob er die «Wir sind Thuner, was seid ihr»-Rufe einiger besonders frustrierter Fans noch mitgekriegt hat?
Der Frust in unserer Kurve ist wirklich gross. In nicht einmal zehn Minuten hat sich Thun abschiessen lassen. Klar ist GC Leader, aber muss man sich deswegen gleich so passiv verhalten? In der 50. Minute beim 1:1 von Zuber, in der 56. Minute beim 1:2 von Ben Kalifa (nach einem an sich harmlosen Freistoss) und in der 58. Minute beim 1:3 von Toko? Vergessen ist die gelungene erste Halbzeit, in der Thun die Hoppers im Griff hatte und verdient in Führung gegangen war. Sehenswert der Treffer von Steffen. Und sehenswert natürlich auch, dass Bürki ausgerechnet in Thun endlich wieder hinter sich greifen muss. 3:0 hätte Thun in Halbzeit 1 in Führung gehen müssen, stattdessen liegt man nach einer Stunde 1:3 zurück.
Doch Thun gibt sich nicht auf. In der 65. Minute kann sich Schneuxty bei einem Befreiungsversuch von Pavlovic den Ball schnappen und ihn mit einem satten Schuss ins Tor befördern. 2:3. Bürki, Bürki, ha ha ha. Und ja, ab diesem Moment ist Thun wieder die dominierende Mannschaft auf dem Feld. Angriff um Angriff lancieren die Oberländer, doch der Ausgleich will und will nicht fallen. Auch weil GC nun mauert und die Zeit runter spielt. Da können die Thunfans ihr Team mit noch so lauten Rufen nach vorne peitschen (BTW, Freiheit für alle Schlagzeuger), dieses Spiel ist verloren. Ein Neun Minuten-Blackout hat nun mal selbst in einer Gurkenliga schlimme Folgen. So lacht am Ende des Spiels Bürki. Und ich tippe für Oktoberfest-Besucher Kevin ins Handy: «Thun-GC 2:3, Thun-Tore: Steffen und Schneuxty.»
