Wer hätte das gedacht: Es gibt Städte, da fühlt man sich als Fussballfan noch willkommen: Da wird man als Fan in einem topmodernen Doppelstockzug zum Stadion transportiert, zahlt mit 25 Franken weniger Eintritt als noch vor 10 Jahren (das 160 Franken-Upgrade, um gleich noch das Spiel gegen Chelsea schauen zu können, lehnen wir aber ab) und im Stadioninnern finden wir tatsächlich einen Stampel mit Stadionmagazinen vor. Hat mir nicht mal ein Sicherheitsguru in Aarau zwei Tageszeitungen abgenommen mit dem Verweis darauf, dass Fussballfans Printprodukte nur anzünden, aber sicher nicht lesen würden?
Nun ja, ich lese das Rotblau dann tatsächlich. Umso mehr stehen mir die Haare schon vor Spielbeginn zu Berge. Wie schreibt doch der Josef Zindel so reisserisch von ?Thuner Themen, die für Nicht-Thuner allesamt zur Millionenfragen bei Günter Jauch taugen würden?. Dann sollte dann aber auch der Inhalt stimmen. Wenn der grösste kreative Kopf in unserer Fankurve – nein, nicht Feuerwerkskünstler und Minnesänger Kevä, sondern Heinrich Gartentor ? als ?der junge Künstler? bezeichnet wird, kann ich das ja noch knapp als Statement gegen den Mainstream-Jugendwahn durchgehen lassen. Auch wenn unser Gartentor herbstliche 49 Jahre jung ist. Aber schon zu behaupten, dass ?Thun neben der Aare noch einen zweiten Fluss hat, der Zulg heisst?, ist schon um einiges ?mutiger?. Wüsste jedenfalls nicht, dass es sich bei Steffisburg neuerdings um eine Thuner Pferdekrankheit, sprich einen Thuner Quartierleist handelt. Definitiv zum Satireheft wird das Rotblau aber auf Seite 10, wo ein Fussballexperte namens Jordi Küng sich die Geschichte des ?typischen Landclubs? ausdenkt, der ?momentan den 7. Rang? belege ? eine Momentaufnahme, die nicht mal bei einer Niederlage gegen Basel umgehend eintreffen kann. Wie schreibt doch der Küng: ?Es gab eine Zeit Ende der 80er- und Anfang der 90er-Jahre, da spielte der FC Thun in der regionalen 2. Liga und kämpfte mit den Lokalrivalen FC Allmendingen und FC Dürrenast um die Vorherrschaft in der elftgrössten Stadt.? Mal davon abgesehen, dass Thun damals noch die zehntgrösste Stadt und der FC Lerchenfeld in jener Zeit eine Liga höher spielte als Allmendingen, würde ich um eine Jauch-Million wetten, dass ich im Frühling 1990 ein Spiel gegen Concordia/Folgore Lausanne gesehen: um den Aufstieg in die NLB. Ja, ab heute glaube ich dem Aarauer Sicherheitsguru tatsächlich, dass Fans solche Printprodukte immer mal wieder gerne anzünden.
Heute lässt es die Muttenzerkurve aber lieber mit hochwertigerem Material so richtig krachen: Bei Spielbeginn wird vor dem Stadion ein riesiges Feuerwerk gestartet, dass das Neujahrsfeuerwerk mancher Berner Gemeinde locker übertrifft. Auch in der Kurve selber fliegen in allen Ecken die Funken gen Himmel. Sieht geil aus. Wobei auch die Choreo zuvor top war: Eine Basler Strassenszene in Grossformat samt Fanmarsch und grünem Trämmli mittendrin. Gefeiert werden übrigens 120 Jahre FC Basel, wie uns Nicht-Basler mit zahlreichen Spruchbändern beigebracht wird.
Auf dem Spielfeld aber starten die Thuner wie eine Rakete. Wobei das erste Offensivduell noch verloren geht, da halt Sadik als letzter Thuner am Ball war. Dann aber ein Eckball, der ebenfalls geschichtsträchtig ist: Christian Schneuwly trifft den Ball von links ? und zwar direkt auf einen Thuner Mitspieler, was bei Thuner Eckbällen wirklich eine Seltenheit ist. Der so perfekt lancierte Thuner heisst Fulmioni, der zum 0:1 einschiesst. Und das Thuner Offensivfeuerwerk hält weiter an. Selbst das Duo Ferreira/Sadik kommt zu Chancen. Nach 20 Minuten lautet das Fazit: Thun ist das klar bessere Team. Und nach 21 Minuten lautet das Fazit: Basel spielt intelligenter und effizienter. Denn kaum hat Wittwer den Ball vertändelt, liegt der auch schon im Netz. Stocker hat den Ausgleich erzielt.
Thun spielt weiter gut und geht in der Corner-Statistik bis zur Pause gleich 5:0 in Führung. Aber wie die Thuner Wahrscheinlichkeitsrechnung nun mal so ist, geht keiner der weiteren Cornerbälle mehr rein. Und da auch die Schüsse aus dem Spiel heraus ebenfalls nicht passen, heisst es zur Pause immer noch 1:1. Für Thun ist es eine gefühlte Niederlage.
Denn der FCB ist nun mal kein typischer Landclub ? oder eine Comedytruppe wie die Young Boys ? und gibt sich nicht mit Minimalzielen zufrieden. Wenn Not am Mann ist, schiesst schon mal ein Team-Mitläufer sein erstes Meisterschaftstor seit fünf Jahren: In der 51. Minute schiesst Voser zum 2:1 ein. Selbstverständlich handelt es sich um die erste Basler Chance in der zweiten Halbzeit.
Thun spielt weiter gut mit – fast zu gut. Könnte man sich nicht mal auf die Defensivarbeit konzentrieren und das Torglück halt mit Kontern suchen? Die 8:2-Bilanz in der Cornerstatistik ist zwar eindrücklich, die starken Basler Gegenangriffe aber auch. Und dann passiert es eben: In der 75. Minute legt derselbe Voser ideal für Streller vor, der das 3:1 erzielt. Ausgerechnet Streller, der nach seiner Schiedsrichterbeleidigung eigentlich gesperrt sein sollte. Entsprechend buhe ich ihn aus, als er ausgewechselt wird. Zu meiner Überraschung macht fast die ganze Kurve mit ? und tobt auch noch weiter, als Streller längst auf der Bank sitzt. Erst als das Basler Publikum den Namen des eingewechselten Spielers skandiert, bemerke ich meinen Irrtum: Die aggressive Anti-Andrist-Fraktion macht sich mal wieder bemerkbar. Ich dagegen finde ihn nach wie vor sympathisch. Bis in die 93. Minute hinein jedenfalls ? da schiesst Andrist das 4:1. Verdammt, ich habe doch ein 3:1 getippt. Ja, da Andris tisch doch würklech e Löu.
Wer hätte das gedacht: Es gibt Städte, da fühlt man sich als Fussballfan noch willkommen: Im topmodernen Doppelstockzug geht?s zurück Richtung Hauptbahnhof. Absolut entspannte Stimmung. In meinem 8er-Abteil bin ich der einzige Thuner, ja der einzige Mann, unter 6 Baslerinnen. An solche Mitfahrgelegenheiten könnte ich mich gewöhnen. Nur ein Platz bleibt frei: Derjenige unseres Schlagzeugers. ?BTW: Freiheit für alle Schlagzeuger? bin ich versucht zu sagen, doch munkelt man, dass der Thun-Schlagzeuger (nicht zu verwechseln mit Greenpeace-Piraten) diese Woche freigelassen worden ist. Warten wir mal ab, ob er in Wien endlich wieder auftaucht. Hopp Thun!
