«Meischter, Schwitzer Meischter, scha la la la la la la…» Das ganze Stadion singt und jubelt, als Budi Latour den Meisterpokal ins Stadion trägt. Spötter lästern, dass der resultsmässig doch nur der achtbeste Trainer der Klubgeschichte war. Für Nostalgiker ist es dagegen ein sehr emotionaler Moment und eine späte Genugtuung. Thun hätte schon zwei Jahrzehnte früher Meister werden können, wenn Latour den Verein nicht an Weihnachten 2004 im Stich gelassen hätte und zu GC gewechselt wäre. Damals lagen wir knapp hinter Basel auf Meisterkurs, einundzwanzigeinhalb Jahre später ist der Meisterpokal unser. Die Namen des ganzen Betreuerstabs werden aufgerufen und dann auch jeder einzelne Spielername. Und dann ist der grossartige Moment da. Captain Bürki stemmt den Pokal nach oben. Konfettiregen, der We are the Champions-Song von Queen und tausende Fans, die lauthals schreien. Was für ein tolles Gefühl. Und dann die Ehrenrunde der Spieler und gleich noch eine zweite, die vor dem Block Süd endet. Alle aus dem Betreuerteam und alle Spieler stemmen nacheinander den Pokal in die Höhe. Etwas, dass wir letzten Frühling schon mit dem Aufstiegspokal zelebriert haben. Aber hier und jetzt mit dem Meisterpokal hat die Feier eine ganz andere Grössenordnung. Wir werden uns noch auf dem Totenbett daran erinnern. Und wie wir so an unsere hoffentlich ganz ferne Zukunft denken, kommt die Trauer über uns, dass ein grosser Thuner heute nicht unter uns ist. Der langjährige Präsident Kurt Weder ist diese Woche 82-jährig verstorben. Es war ein Schockmoment, als vor Spielbeginn ein schwarzweisses Porträtbild von ihm für eine Trauerminute eingeblendet wurde. Das wäre heute auch sein grosser Tag gewesen. YB-Fans sind bei all diesen emotionalen Szenen keine mehr im Stadion. Das ist schwach, wir Gottéron-Fans sind damals auch im Stadion geblieben, als der SCB 2013 Meister wurde gegen uns. Und es liegt auch an den YB-Fans, dass der Tag vorzeitig endet. Die Kantonspolizei hat keine Erlaubnis erteilt, heute die offizielle Meisterfeier durchzuführen. Das sei zu gefährlich mit all den Gelb-Schwarzen in der Stadt. Ja dann kehren wir halt morgen zum Stadion zurück, um den FC Thun und uns alle nochmals hochleben zu lassen.
Doch weil hier sicher auch viele Fussballexperten aus dem 1898-Forum mitlesen, wollen wir den Spielbericht nicht mit YB-Bashing beenden, sondern noch ein paar Worte zum Spiel verlieren. Die Thunfans klinken sich hier besser aus dem Text aus, denn die zweite Partie von Ersatztrainer Zahnd war spielerisch ein Debakel. Etwa so wie an jenem Tag weit weg in der Vergangenheit, als Thun im Wankdorf in Unterzahl 2:8 verloren hat. Damals war ich mit Fanclublegende, dem legendären Initiator von thunfans.ch, unterwegs. Wie auch heute wieder. Manchmal schliesst sich der Kreis.
Der Meister erlebt bei der Einweihung der neu Visana Stadion benannten Arena einen Nachmittag, den im Berner Oberland nicht nur wegen dem Pokal niemand so schnell vergisst. Der FC Thun verliert ein wildes Berner Derby gegen die YB zwar mit 3:8, liefert dem eigenen Anhang aber trotz Unterzahl und mehreren umstrittenen Schiedsrichterentscheiden ein Spektakel voller Emotionen, Tore und Diskussionen. Dabei beginnt der Match denkbar schlecht für die Berner Oberländer. Bereits in der 1. Minute profitiert YB-Stürmer Essende von einem Missverständnis zwischen Bürki und Goalie Steffen. Essende stösst Bürki weg, spitzelt den Ball unter Steffen hindurch und trifft nach nur 50 Sekunden zur Führung. Aus Thuner Sicht bleibt dabei ein bitterer Nachgeschmack, weil der Körpereinsatz gegen Bürki durchaus als Foul hätte taxiert werden können. Die Antwort des Meisters folgt eindrücklich. In der 12. Minute lanciert Ibayi seinen Sturmpartner Rastoder perfekt hinter die YB-Abwehr. Rastoder bleibt cool, spaziert an Lauper vorbei und schiebt souverän zum 1:1 ein. Nur eine Minute später steht das Visana Stadion Kopf: Nach einer Flanke steigt Rastoder völlig frei hoch und köpft den Ball zum 2:1 in die Maschen. Der Meister spielt mutig nach vorne und drückt YB in dieser Phase regelrecht zurück.
Doch die Gelb-Schwarzen profitieren danach erneut von einem umstrittenen Entscheid. In der 24. Minute sucht Males im Strafraum den Kontakt mit Imeri und geht zu Boden. Schiedsrichter Kanagasingam zeigt sofort auf den Punkt. Eine harte Entscheidung gegen die Thuner, denn der Kontakt wirkt minimal. Essende nimmt das Geschenk dankend an und verwandelt den Penalty in der 26. Minute flach zum 2:2. Die Partie bleibt völlig offen und entwickelt sich zu einem wilden Schlagabtausch. In der 43. Minute spielt Fernandes einen Traumpass aus dem Mittelfeld hinter die Thuner Abwehr. Sanches nimmt den Ball stark mit und trifft zum 2:3 für YB. Kurz vor der Pause eskaliert die Partie dann endgültig. In der 45. Minute räumt Bürki Sanches mit einem Ellenbogencheck ab und trifft ihn am Kopf. Danach steht der Thuner Captain seinem Gegenspieler noch auf den Bauch. Zunächst zeigt Kanagasingam nur Gelb. Erst nach Intervention des VAR schaut sich der Schiedsrichter die Szene nochmals an und zückt Rot. Die Simmung ist zur Pause entsprechend getrübt. Auch weil es im Block Süd so viele Fans hat, dass kein Durchkommen ist Richtung Bier. Ja selbst die Füsse schmerzen, weil man im Dichtestress kaum richtig stehen kann. So einen Meisterpokal muss man sich auch als Fan mit vollem Körpereinsatz verdienen.
Trotz Unterzahl gibt sich der Meister nach dem Seitenwechsel nicht auf. Doch erneut greift der Schiedsrichter entscheidend ein. In der 48. Minute fällt Essende nach einem Kontakt von Käit im Strafraum. Kanagasingam zeigt erneut auf den Punkt. Auch dieser Entscheid wirkt streng. Essende verwandelt zum 2:4 und schnürt seinen Hattrick. Nur wenige Minuten später erhöht Virginius in der 52. Minute mit einem sehenswerten Schlenzer gar auf 2:5. Dennoch stemmt sich Thun weiter gegen die Niederlage. Der eingewechselte Labeau zwingt Keller in der 57. Minute zu einer Glanzparade. Auf der anderen Seite verhindert Heule in der 67. Minute mit einer Rettungstat auf der Linie einen weiteren Gegentreffer. In der 68. Minute fällt das 2:6. Thun verliert im Umschaltspiel den Ball, Virginius lanciert Fassnacht und dieser schiebt am chancenlosen Steffen vorbei ein. Das Spiel ist damit aber noch längst nicht beruhigt. In der 76. Minute folgt die nächste bittere Szene für die Thuner. Bamert spielt einen katastrophalen Rückpass direkt in die Füsse von Essende. Als der YB-Stürmer alleine aufs Tor zieht, reisst ihn Bamert zu Boden. Kanagasingam zeigt Rot und gibt Penalty. Die Entscheidung ist korrekt, doch aus Thuner Sicht besonders bitter, weil die Mannschaft damit nur noch zu neunt weiterspielen muss. Bedia verwandelt den Elfmeter in der 77. Minute souverän zum 2:7. Der Meister zeigt aber nochmals Moral. In der 80. Minute zirkelt Bertone in doppelter Unterzahl einen Freistoss herrlich unter die Latte zum 3:7. Nur eine Minute später fällt bereits wieder ein Treffer. Nach einem Corner von Gigovic hält Fassnacht den Fuss hin und trifft zum unglaublichen 3:8.
Selbst in den Schlussminuten reisst die Diskussion um den Schiedsrichter nicht ab. In der 85. Minute sieht Essende Gelb wegen einer klaren Schwalbe, nachdem er seinem Gegenspieler zuvor selbst auf den Fuss getreten ist. Vier Minuten später wird Steffen im eigenen Strafraum von einem YB-Spieler umgerannt. Der fällige Foulpfiff bleibt jedoch aus. Stattdessen kassiert der Thuner Goalie wegen Reklamierens auch noch Gelb und fehlt damit im letzten Saisonspiel.
So endet ein völlig verrückter Abend ohne Nachspielzeit. Der Meister verliert zwar deutlich, liefert uns Fans aber trotz doppelter Unterzahl, acht Gegentoren und mehreren fragwürdigen Schiedsrichterentscheiden einen kämpferischen und emotionalen Auftritt. Mehr Spass als damals im Jahr 2000 das 2:8 hat das 3:8 des Jahres 2026 auf alle Fälle Fanclublegende, mir und allen anderen Thunfans gemacht. Denn…
«Meischter, Schwitzer Meischter, scha la la la la la la…»