Zürich ist doch eine Fussballstadt. An der Bushaltestelle Zürich-Enge-Bahnhof/Bederstrasse (Abkürzungen sind in Downtown Zürich nur was für Velofahrer mit Stalldrang) treffe ich prompt auf zwei Thunfans. Und das an einem hundsgewöhnlichen Mittwoch. Aber so ein Erstligist mit dem klangvollen Namen Wettswil-Bonstetten ist natürlich auch viel der attraktivere Achtelfinalgegner als ziemlich genau vor einem Jahr der FC St. Gallen. Und so nehmen hier nicht viel weniger Thunfans das Postauto Nummer 220 in Beschlag als damals überhaupt den Weg in die Ostschweiz fanden. Also auf Richtung Säuliamt. Wobei wir unterwegs zu unserer Enttäuschung gar keine ländliche Idylle mit quietschenden Säulis sehen, sondern minutenlang bloss die ewig gleich grauen Autobahntunnelwände. Umso grösser unsere Freude, als wir am Strassenrand plötzlich einen winzigen Fussballplatz erblicken. Wir blicken uns gegenseitig ratlos an: «Das kann nicht das Moos von Wettswil sein, oder?» Doch eine Einheimische klärt uns auf: «Doch, das ist der Fussballplatz.» Worauf wir am Platz vorbei satte fünf Minuten weiter fahren, ehe das Postauto endlich an der nächstgelegenen Haltestelle stoppt. Notgedrungen kommen wir halt auch noch in den Genuss eines Fanmarschs. Wenigstens verläuft die Route bergab.
Unterwegs zeigt sich, weshalb Bonstetten vom Tagi kürzlich als GLP-Hochburg auserkoren wurde. Hier wir nicht einfach nur von Energiewende gesprochen, hier wird Energiewende gelebt. Bonstetten entpuppt sich als wahre 2000-Watt-Gesellschaft. So wird hier nicht nur auf Strassenlaternen verzichtet, sondern auch auf eine durchgehende Beleuchtung rund ums Stadion. So sitzen vor dem Gästesektor zwei Damen des FCWB im Halbdunkel an einem Tisch und versuchen mit einer kleinen Taschenlampe herauszutüfeln, was für eine Geldnote ihnen jeder Thunfan entgegenstreckt. Ein Glück für die beiden, dass sich rund 80 Thunfans ihre Tickets schon im Vorverkauf gesichert haben. Arbeit fällt dennoch an, kommen doch spontan drei Dutzend weitere Thunfans an Spiel. Über 100 Thunfans an einem Mittwochabend in irgendeiner Cupprovinz – der Thuner Aufmarsch heute ist wirklich nicht schlecht.
Und die Thuner packen gleich mal mit an. Die kleine Holztribüne, die aus jeweils drei Reihen Holzbänken besteht, sieht zwar nett aus. Doch sie steht direkt hinter dem Tor und damit ausgerechnet dort, wo der Zaun zum Spielfeldrand mit Abstand am Höchsten ist. Also werden die Thunfans gleich selber zu fleissigen Stadionbauern und bauen die Tribüne erst ab und dann bei der Eckfahne wieder auf. Bei jener Eckfahne treffen wir zu unserer Überraschung auf die Sektion Stadionverbot, die sich dort entlang der Seitenlinie hinter dem Zaun in einem Maisfeld versammelt haben. Gute Voraussetzung für lautstarken Wechselgesang.
Und laut wird es schnell mal in diesem Spiel. In der 18. Minute lässt sich Munsy nicht zweimal bitten, als ihm Wittwer den Ball zuspielt, und schiesst zum 0:1 ein. So etwas muss gefeiert werden. Nun pflegt aber ein jeder seine Glücksmomente etwas anders zu zelebrieren, weshalb denn auch das Entfachen eines grünes und eines roten Glückstrahls längst nicht bei jedem Thunfans mehr Freude als Ärger auslöst. Klar also, dass man sich für eine solche Kunstdarbietung am besten vermummt. Fraglich ist, ob man zugleich wirklich eine falsche Fährte legen muss, indem man einem Teil des Zaunschmucks ein Brandloch verpasst. Zumal nicht etwa das Wankdorf-Spruchband in Mitleidenschaft gezogen wird. Also wer mich fragt: Nein zum modernen Fussball. Aber auch nein zur Idee, Fussballspiele in Bern stattfinden zu lassen, welche die Young Boys sowieso nicht gewinnen.
Bevor wir hier aber ernsthaft über den Austragungsort des Cupfinals diskutieren können, sollte vielleicht erst mal Thun dieses Spiel gewinnen. Denn das ist gar nicht so einfach. In der 34. Minute scheitert zwar erst ein FCWB-Spieler an der Latte, doch dann verwertet Kalyon den Abpraller zum Ausgleich. Kein Wunder, kreischt die FCWB darauf umso greller und lauter. Doch Thun hat zum Glück Munsy in seinen Reihen. Der steht in der 42. Minute bereits wieder goldrichtig, als in der Säuliamt-Abwehr ein Rückpass misslingt. Ein kleiner Zwischenspurt von Munsy und schon führt Thun wieder.
Viel mehr schöne Fussballaktionen werden den 1450 Zuschauern heute aber nicht mehr präsentiert. In der zweiten Halbzeit hat Thun das Spiel gut unter Kontrolle, wobei aber doch Wettswil-Bonstetten die leicht besseren Torchancen hat. Wir Thunfans zählen bzw. singen die Minuten dennoch einigermassen relaxt herunter. Das grösste Gefahrenpotenzial geht ohnehin von unserer provisorischen Holztribüne aus, die unserem Herumgehüpfe mehr schlecht als recht standhält. Und daneben wird nicht etwa gerätselt, ob der stark spielende Ruberto im Thuner Tor dicht hält, sondern, ob es Petrus ihm im Himmel gleichtut. In der Schlussviertelstunde tröpfelt es zwar immer wieder, doch wirklicher Regen setzt nicht ein. Ein weiterer Höhepunkt dieses Ausflugs ins Säuliamt.
Schliesslich ist das Spiel aus und vorbei und Thun im Cupviertelfinale. Anlass genug, um mit Wurst und Getränk darauf anzustossen. Dafür braucht es aber einigen Einsatz meinerseits. Bis ich eine Bratwurst zu meinem Wunschpreis von 2 Franken bekomme, muss ich über zehn Minuten lang diskutieren und erst den Ruf «Alle Carfahrer bitte vors Stadion» abwarten – obwohl einerseits ich nicht mit dem Car angereist bin und andererseits die zwei Cars auch eine Viertelstunde nach Abpfiff sicher irgendwo im Säuliamt sind, nur bloss nicht vor dem Stadion. Und um das Ganze noch mit einem Kafi Lutz nachzuspülen, muss ich mich erst noch inkognito in den Heimsektor schleichen. Ich hoffe ja mal, dass es kein schlechtes Fussballomen für Thun ist, dass ich dort ausgerechnet von einer Holländerin (Lebensmotto: «Eine Cervelat ist besser ohne Brot, da spürt man den Fleischgeschmack besser») bedient werde. Aber grundsätzlich kann man sagen: So wenig Licht es hier auch hat, Wettswil-Bonstetten ist eine Fussballstadt. Wie heisst es doch in einem SMS, das ich während dem Kafi-Lutz-Umtrunk erhalte: «Schlimm, dass tapfer spielende Zürcher Amateure das bessere Ergebnis erzielen als hochbezahlte Zürcher Profis.
