Vor dem Match sagt Bruno: Ich find’s irgendwie richtig geil, ein Flutlichtspiel zum ins Weekend starten.
Es wird tatsächlich ein schönes Fussballfest an diesem Abend. Nach dem 4:2 liegen sich alle in den Armen. Das muss jetzt der Sieg sein. Das 4:2 ist zwar nicht ganz so schön herausgespielt wie beispielsweise das 1:0 von Zuffi, aber umso wichtiger. 230 Fans feiern den Beweis, dass YB die Nummer 1 im Kanton Bern ist. Dass man sich dafür im Kino ABC treffen musste, um sich nochmals den ganzen (!) Cupfinal von 1987 (!!!) anzusehen, ist nur ein kleiner Miechsch?-Schönheitsfehler.
Ein paar Kilometer weiter südlich verstecken wir uns an diesem schönen Frühlingsabend nicht wie YB im Kino, sondern stellen uns der Fussballrealität. In der Anfangsformation steht Luca Zuffi, dessen Papi einst zu YBs letzten Kübel beigetragen hat. Mit dabei ist aber auch Renato Steffen, der erst wenige Stunden zuvor für die neueste YB-Peinlichkeit gesorgt hat. Typisch Jungbuben, dem Kantonsrivalen nach nur 15 Einsätzen einen auf und neben dem Platz unbeholfenen Nachwuchsspieler abzukaufen und diesen dann an einer Pressekonferenz gleich in ein YB-Dress zu stecken ? zwei Wochen vor dem wichtigen Spiel Thun-YB. Geht mehr Provokation bei einem Transfer überhaupt noch? Eine Szene in der 48. Minute zeigt dann jedenfalls, dass ein paar Minuten in Gelb-Schwarz schon genügen, um sich mit dem YB-Losergen anzustecken. Im Duell der Deppen kämpfen Steffen und Heulsuse Pa Modou (wäre auch noch so ein Kandidat für YB) gegeneinander. Pa Modou dreckelt, Steffen hebt zur plumpen Schwalbe ab. Schiedsrichter Bieri zeigt die Gelbe Karte wegen Unsportlichkeit. Und die Kurve pfeift und stimmt ein Lied gegen Steffen an.
Das Spiel ist aber auch vom farbigen Steffen-Auftritt abgesehen reich an Höhepunkten. Besonders die Startviertelstunde ist das Beste, das DIE ARENA seit Jahrzehnten zu sehen bekommt. In der 4. Minute wuchtet Schirinzi durch die St. Galler Abwehr und passt dann auf den im Offisde stehenden Scheuwly, der den Ball ins Netz knallt. Die Fahne bleibt ausnahmsweise unten, das Tor zählt. 1:0.
Und Thun drückt sogleich aufs 2:0. In der 6. Minute gelingts noch nicht. Steffen drückt aus 25 Metern ab, Lopar kommt im Nachfassen aber an den Ball.
Und in der 12. Minute herrscht ein regelrechtes Tohuwabohu im St. Galler Strafraum. Gemäss Liveticker spielt sich die Szene folgendermassen ab: «Zuffi spielt die Flanke links in den Strafraum, Wittwer haut volley voll drauf, Lopar wehrt nach vorne ab, Siegfried mit dem Kopfball, wieder ist Lopar zur Stelle, wieder landet der Abpraller bei einem Thuner. Schneuwly behält wenige Meter vor dem Tor die Übersicht und bedient Wittwer, der die Kugel über Umwege im Tor unter bringt. Ein ganz kurioser Treffer!»
Wir dagegen wissen nicht recht, ob wir jubeln sollen. Schliesslich maxt auf dem Match vor allem Steffen herum. Das Gerücht geht um in der Kurve, nicht ein St. Galler, sondern Steffen habe als Letzter den Fuss am Ball gehabt. Wir atmen erst auf, als Wittwer als Torschütze verkündet wird. Oder haben sie etwa aus Sicherheitsgründen die Nummer des Torschützen von 11 auf 28 aufgerundet? Bei den Zuschauerzahlen nimmt man es jedenfalls auch nicht immer so genau.
Noch längst ist alles möglich in diesem Spiel. Schliesslich brennt St. Gallen auf die Champions League. Mit rund 500 Fans plus einem übergrossen Scarione sind sie nach Thun gepilgert. Die Ostschweizer zeigen viel Laufbereitschaft und kommen zu neun Eckbällen. Doch sind die nur gefährlich, wenn sie von links kommen, also von Scarione getreten werden. Eckbälle von rechts sind wie das ganze St. Galler Offensivspiel: Irgendwie beliebig und berechenbar. Ein so starkes Team, wie es Thun heute ist, lässt sich so nicht bezwingen. Und die Thuner Fans (oder besser gesagt die beschalten Feuerwerkskörper) machen den St. Gallern sicher nicht noch ein zweites Mal die Freude, den Thuner Strafraum 15 Sekunden lang in rosaroten plus 5 Minuten in grauen Rauch einzunebeln. Um kurz darauf einzugehen: Ultrapunkte würde das ja höchstens geben, wenn das Team nach Eindunkeln mit Rundschau-Utensilien angefeuert würde (BTW: Freiheit für alle Schlagzeuger). Und seien wir mal ehrlich: Das richtige Abendrot am Himmel würde in der ersten Halbzeit als glanzvolle Kulisse für dieses grandiose Spiel durchaus genügen.
In der Pause bleibt genügend Zeit für Generationenkonflikt. Zu unserer Zeit hätte es das nicht gegeben. Als wir jung waren, damals in den 90er Jahren kurz nach dem Krieg hatten wir ja nichts. Thun war das Armenhaus der Schweiz und konnte sich nur ein 1.Liga-Team leisten, das mindestens zweimal pro Saison gegen Münsingen verlor. Und doch ist auch aus uns Kindern von damals was geworden. So treffe ich eine Schulkollegin aus dem Strättligenschulhaus, welche die Dialogwoche des Bundesamts für Gesundheit seriös aufgreift und unter die Leute bringt. «Ich spreche über Alkohol», appelliert sie auch an mich und hält mir ein A4-Werbeplakat (nur echt mit kaputtem Weinglas!) entgegen. Sie ist gemäss Tonlage schon leicht angetrunken ? und hat das Plakat im Bus abgerissen. So diskutieren wir angeregt darüber, wo die BAG-Internetseite www.ich-spreche-ueber-alkohol.ch eigentlich als Schnäppchen-Portal von Alkoholika gemeint ist. Man sollte ja als verantwortungsbewusster Schweiz Bier, Schnaps und Wein in der Schweiz und nicht im Ausland kaufen. Ja, wenn man erst mal Mitte 30 geworden ist, macht man keinen Blödsinn mehr, liebe jungen Fans. Und selbst einer wie Mätthu spricht heute ganz nüchtern über Alkohol: «Weisch no, denn in St.Galle mit dere Wärbetafele?» Ja, ich war schon damals sehr seriös.
Nur so guten Fussball wie heute haben wir leider nur selten gesehen. Umso mehr geniessen wir das Spiel. Auch in der zweiten Halbzeit spielt Thun erneut grossartig. Einzig die Chancenauswertung könnte besser sein: Schneuwly vergibt mutterseelenallein vor Lopar. Schindelholz schiesst seinen Freistoss klar übers Tor. Zuffi scheitert aus gut 25 Metern. Und Siegfried bringt es fertig, den Ball aus wenigen Metern und völlig freistehend nebens Tor zu köpfeln. Aber: Auch Scarione vergibt eine 100-prozentige. Und als Cavusevic die Hand zu Hilfe nimmt ? der Pfiff bleibt aus ? kommt tatsächlich auch mal ein anderer Grüner zu einer guten Chance. Doch als der Slowene alleine vor Faivre auftaucht, lobt er den Ball irgendwie nebens Tors.
Als die Nachspielzeit beginnt, steht der Sieg fest. Wir feiern den FCT und ? ja liebe 1898.ch-Gutmenschen ? wir verhöhnen YB. Nach dieser Transferprovokation mit Steffen könnt ihr froh sein, wenn ihr ihn ganz und nur mit einem Anti-YB-Tinnitus verziert bekommt. Und dann macht sich Thun nochmals bemerkbar. Oder wie es der Liveticker-Mensch im «Besoffen vor Glück»-Slang so schön ausdrückt: «Thun setzt seiner Leistung die Kirsche auf!» Schirinzi flankt von links zu Siegfried, der zum 3:0-Schlussstand trifft.
Nach dem Match sagt Bruno: Überragend, wie sie heute gespielt haben.

