Regierungsstatthalter Marc Fritschi kann die Aufregung um den Alkoholkonsum nicht gänzlich nachvollziehen: «Angesprochene Fans sollen sich nicht schikaniert fühlen. Die momentane Situation zeugt von einer künstlichen Aufregung.» So lese ich es jedenfalls im Thuner Tagblatt, Mails mag der Herr FDP-Politiker ja nicht beantworten.
Ja, ich bin heute wirklich künstlich aufgeregt. Da ist man jahrelang als Fan mehr als brav und lässt sich selbst von den grössten Schikanen nicht provozieren. Mal zieht man auf Befehl bei der Sicherheitskontrolle die Brille mit den korrigierten Gläser ab, mal lässt man den festen Griff an die Eier zu, mal fährt man einfach im Bus am Stadion vorbei, weil man als Fussballfan ohnehin Kunde letzter Klasse ist. Als Dank, das man sich selbst in den nervigsten Situationen als Thunfan wie ein Opfer benimmt, gibt?s heute kein Bier im Stadion, sondern je nach Sektor nur 0,1- oder 2,4-Bierimitationen. Ach, wieso sollte ich mich dadurch provoziert fühlen, dass mich ein ach so liberaler Politiker bevormunden will!? Der Gegner, der heute in Thun antritt, hat uns durch all seine Cupsiege ja nur mehrere unvergessliche Momente beschert ? Europa League-Tour inbegriffen. Klar, dass ein Spiel Thu-Sion deshalb ein Hochsicherheitsspiel ist.
So trinken wir halt ab 13 Uhr auf den weisen Herr Fritschi. Nicht im Stadion zwar, sondern bei der Kleist-Insel. Bier um Bier kippen wir hier. Was für ein Sündenpfuhl. Und es geht noch schlimmer: Hier gibt?s tatsächlich junge Leute, die sich in aller Öffentlichkeit küssen. Schreiten Sie bitte ein, Herr Fritschi, solche Zustände sind in einer Vorzeigestadt, wie es Thun ist, nicht tolerierbar. Bitte seien Sie so richtig freisinnig-liberal und sprechen Sie Verbot um Verbot um Verbot aus?
Im Stadion scheint es so, als hätte Fritschi noch ein weiteres Verbot ausgesprochen: das Verbot, als Thunspieler heute ein Tor zu schiessen. Thun spielt zwar gut, ja gefühlsmässig sogar überlegen. 12:2 lautet beispielsweise die Eckballbilanz. Aber statt dem erhofften Zu-Null-Sieg (ich tippe extra noch 4:0, um mich von einem allfälligen Forfaitsieg abzugrenzen) sehen wir bei viel Wind und einer regelmässigen Dusche durch die Sprinkleranlage eine Zu-Null-Niederlage. In der 13. Minute lanciert Obradovic Sions Sio, welcher mit einem trockenen Schuss in die weite Ecke erfolgreich ist. Und in der 45. Minute nimmt erneut Sions Sio einen langen Ball mustergültig an und schiesst den Ball volley unter die Latte. 0:2. Es ist die allerletzte Aktion der ersten Halbzeit.
Auch in Halbzeit 2 ist Thun dominierende Mannschaft ? mit Chancen noch und noch. Aber kann der FC Thun auch als besser bezeichnet werden, wenn doch Topchance um Topchance von Mauro und Co. kläglich vergeben wird? Einziger Lichtblick ist die verbesserte Grossleinwand. Ja, wir können die Matchuhr nun endlich entziffern. Und ja, es ist tatsächlich ein Fortschritt, dass der Totomat neuerdings auch eingeblendet wird. Wer wohl diese bahnbrechende Idee hatte? Das Spiel dagegen wäre wohl auch angetrunken keine Augenweide. Thun rennt dem Rückstand so unglücklich und ineffizient hinterher, dass der dritte Sion-Treffer eher Erleichterung als Ärgernis ist. Sions Sio lanciert in der 90. Minute den eingewechselten Mutsch, welcher mit einem Heber aus 20 Metern den Konter (natürlich!) gekonnt abschliesst. 0:3. Womit der FC Thun nun gleich viel Saisonniederlagen auf dem Konto hat wie das Eishockeytopteam HC Fribourg-Gottéron.
Mit Gottéron-Fans, die zugleich mit Sion mitfiebern, treffe ich mich kurz darauf im Bahnhofbuffet. Wir analysieren den Match bei einem richtigen 5,0-Bier. Wenn das nur der Herr Fritschi wüsste? er würde bestimmt auch hier den Bierausschank verbieten.
