9. Juli. Als fünfter italienischer Penaltyschütze tritt Grosso an den Elfmeterpunkt. Eiskalt kickt er den Ball rechts ins Netz, Italien ist Weltmeister! Für mich eines der schönsten Erlebnisse meines Lebens, endlich wieder ein Titel für Italia.
Nicht gewusst habe ich in jenem Moment, dass mich der Fussballgott in jenem Moment mit einem Penaltyfluch belegt hat. Bemerkbar gemacht hat er sich erstmals während der Hockeymeisterschaft. Zu Beginn der Saison musste Fribourg-Gotteron gleich viermal zum Penaltyschiessen antreten. Alle vier gingen samt dem angestrebten Bonus-Punkt verloren.
Und nun also hat der Schiedsrichter im Match Thun-GC nach einem Foul von Coltorti an Rama auf Penalty entschieden. Es ist die 52. Minute. Um mich herum jubelt die ganze Kurve. Ich jedoch ahne Böses. ?Warum jubelt ihr, wenn noch 0-0 ist?, zeige ich mich als Spassverderber. Deumi bereitet sich derweil auf den Schuss vor. Ein Tor würde nicht gerade den Weltmeistertitel zur Folge haben, doch zumindest den Weg zu drei Punkten und gleichzeitig den Weg aus der Thun-Krise heraus erheblich erleichtern. Ich falte die Hände zusammen, setze alle Hoffnung auf den Fussballgott ? und erlebe doch nur die Fortsetzung des Penaltyfluches. Deumi setzt den Ball an die Latte, der Abpraller landet bei einem GC-Spieler.
Immerhin, es ist kein Penaltyschiessen. Der Gegner kommt heute also nicht automatisch zur eigenen grossen Penaltychance. Aber die mentalen Vorteile liegen nun definitiv bei GC. Und 10 Minuten später ist es soweit: Ein Eckball für GC. Dos Santos tritt ihn Richtung Mitte, wo Ristic am Schnellsten ? oder je nach Auslegung als einziger ? zum Ball hochspringt. Per Kopf erzielt er das 1-0.
Bettoni ist keinen Vorwurf zu machen. Und auch der Verteidigung mag ich trotz dem Aussetzer nicht wirklich kritisieren. Die Leistung der Abwehrkette ist im Vergleich zum YB-Desaster heute gut. Dabei spielen hinten: Deumi (klar), Hämmerli (!), Galli (!!) und Zahnd (sein erstes NLA-Spiel überhaupt!!!). Fehlende Routine machen sie durch Kampfgeist weg.
Doch in einem Spiel fast ohne Torchance ist jeder Abwehrfehler doppelt bitter. Besonders Thun hat vom Penalty abgesehen wieder kaum eine Torchance. Die Ratlosigkeit zeigt sich bei Peischls vergeblicher Suche nach einem Tapia-Ersatz. Als der in der 26. Minute von einem Ball getroffen wird und verletzt aus dem Spiel muss, schickt Peischl Senaya aufs Spielfeld. In der 82. Minute kommt für ihn wiederum Bühler ins Spiel. Dass Rama trotz seiner Nicht-Form der beste Thunstürmer ist, ist auch vielsagend. Die Thuner Torausbeute ist dementsprechend: Null, das Spiel geht 0-1 verloren.
Es ist ein Abend, an dem man als Fan das Positive mit der Lupe suchen muss: Die knapp genügende Leistung der Thun-Jungs ist so ein Punkt. Das Einsetzen von Nachwuchs-Talenten statt Faulenzer-Stammspieler ein anderer. Und schliesslich: Zumindest in der Fankurve war heute – nach dem deutlichen und gewiss auch nötigen Choreo-Fingerzeig Richtung Mannschaft bei Spielbeginn – während 90 Minuten der weiterhin vorhandene Glauben an Team und Trainer deutlich spür- und hörbar. Trotz oder wegen dem musikalisch eher gewöhnungsbedürftigen neuen Trommlerduo.
Übrigens: Wisst ihr noch, wie viele Italienfans nach dem WM-Vorrundenspiel gegen die USA die Entlassung des Trainers gefordert haben?
