Thun – GC

Thun – GC

Wir alle kennen die Situation. Oder doch nur die Frauen? Da hat man einen wichtigen Termin und steht ratlos vor dem überfüllten Kleiderschrank, weil man nicht weiss, was man anziehen soll. So geht es mir heute vor dem GC-Spiel. Als GC-Fan hätte ich es einfacher, dort scheint der Dresscode jedes Mal «Oben ohne» zu lauten. Als Thunfan dagegen muss ich doch einen Hauch «Le chic» überstreifen. Ich entscheide mich daher für ein elegant-weisses Langarm-Shirt, dass der Designer mit einem prägnanten «Rama» verziert hat. Und da die Temperaturen eher an den Herbst als an Sommerferienwochen erinnern, ergänze ich das Shirt mit einem Wollschal. Der gibt zwar warm, aber ob der Spruch «We Tröim wahr wärde: Vizemeister FC Thun» nicht etwas gar überheblich tönt? Wobei man ja in der Stadt der Gäste auch auf markige Sprüche setzt: «Zurich ? World Class. Swiss made.» Das steht nicht nur auf Shirts, sondern ist gleich der offizielle Werbeslogan der Stadt. Ja dann Prost bzw. Cheers.

Im Stadion schwelgen beide Fangruppen in der Vergangenheit. Die zahlreich angereisten GC-Fans feiern mit ihrer Choreo «125 Jahre Grasshopper Club Zürich». Dabei handelt es sich weniger um eine Bastelchoreo, als an eine Tanzchoreo. Wie sie ihre Blätter mit der Zahl «125» synchron hin und her und rauf und runter schwingen, erinnert an einen Bligg junior-Flashmob. Oder wer eher selten in Unterhaltungssendungen des Zürcher Fernsehens einschaltet, dem sei gesagt: Es wirkt ein bisschen so, als würden 500 GC-Fans den Kultsong «Ramseiers wei ga grase» nachspielen.

Wir Thuner breiten derweil im Fanblock eine riesige Schriftrolle in Form einer Blockfahne aus. Sie zeigt die letzten zehn Klubjahre im Zeitraffer: «Aufstieg ? Champions League ? Sexskandal ? Abstieg ? Wettskandal ? Aufstieg ? Stadion Lachen?» Coole Sache, fehlt irgendwie nur ein YB- und Georgierdiss.

In den Startminuten unterziehen wir die Videowürfel einer ersten Kritik. Die wirken zwar topmodern. Aber 1. ist die Uhr kaum lesbar, 2. ist es eher peinlich, bei der Totomateinblendung nur den Sponsorennamen einzublenden, die Spielstände aber vorzulesen und 3. werden Rote Karten überhaupt nicht angezeigt. Und so eine Rote Karte gibt es schon früh im Spiel: In der 10. Minute grätscht Hediger Daniel De Ridder. De Ridder fällt schreiend zu Bode, hat aber genug Kraft, um sogleich wieder aufzuspringen und Andrist am Bein zu packen und umzustossen. Eine Tätlichkeit? Andrist steht wieder auf. Da wuchtet De Ridder Andrist mit einem Kopfstoss gegen die Nase erneut zu Boden. Eine Tätlichkeit! Schiedsrichter Kever zeigt folgerichtig die Rote Karte ? und Gelb gegen Andrist- und Gelb gegen Emeghara. Nur Hediger kommt ohne Karte weg? und erhält sie kurz darauf gleich für die nächste Grätsche. Sind Fussballer ein bisschen dumm?

Thun also in Überzahl. Und doch will nicht so richtig «Spassfussball» aufkommen. Die Zürcher stehen hinten gut ? und kommen gar selber zu zwei Chancen. Lustrinelli dagegen ist blass und findet nie richtig ins Spiel. Und ich merke, dass ich mir im Kleiderschrank zumindest ein Fehlgriff unterlaufen ist: Rama spielt wegen einer Verletzung gar nicht. Wer will da auch die Thuner Tore schiessen!?

Nun ja, wie wäre es mit Stevie Andrist: In der 43. Minute findet eine 25-Meter-Flanke von Lüthi zu Andrist. Dieser steht ganz alleine an der 5-Meter Ecke und kann zum 1:0 einschiessen. Kurz vor der Pause, ein idealer Moment. Zumal spätestens jetzt aufbrechen muss, wer in der überlangen Warteschlange ein Bier ergattern will. Ich lasse mich auf das Geduldspiel gar nicht erst ein und habe mich stattdessen vor dem Match bereits mit einer ordentlichen Portion Felsenau-Bier, einem «Traditionsprodukt der ältesten selbständigen Brauerei in der Stadt Bern» verpflegt. Ist ja nicht alles schlecht an der Stadt Bern. Allerdings ärgere auch ich mich, dass in den Werbedurchsagen in der Arena stets vom «Flughafen Bern-Belp» die Rede ist. Wo bitte schön soll dort Bern sein? Da wäre ja die Bezeichnung «Flughafen Belp-Münsingen» weniger gelogen. Wenigstens ist das Aaretal beim Ansagen der Auswechslungen prominent vertreten. So präsentiert «Aaretal Reisen«, dass Sforza in der Pause mit Emeghara den besten Blauweissen vom Platz genommen hat. Fehlt eigentlich nur noch eine Durchsage wie «Kosmos 642815 – Mein erstes Kosmos-Chemielabor präsentiert» als offizieller Partner der Pausen-Pyroshow. Ist ja unglaublich, dieser grässliche hellblaue Rauch, mit dem die GC-Kurve den Wiederanpfiff der zweiten Halbzeit verzögert.

Viele, die noch für ihr Bier anstehen, verpassen auch folgende Szene. Wir sind in der 50. Minute: Schneuxty profitiert von einem komplett misslungenen Abspiel von Bürki und versuchts mit einem Distanzschuss, der jedoch gegen den Pfosten knallt. Doch der wuchtige Abpraller landet auf der anderen Strafraumseite beim einmal mehr frei stehenden Andrist, der zum 2:0 einschiessen kann. Doch Achtung: Es soll Teams geben, die innert sieben Minute einen 2:0-Vorsprung verspielen. Nicht jedoch Thun: In der 58. Minute dürfen wir bereits wieder jubeln. Lüthi profitiert von einem katastrophalen Fehlpass von Menezes im Mittelfeld und legt nach schönem Doppelpass für Schneuxty auf, der auf Höhe des Elfmeterpunktes zum 3:0 einschieben kann.

Ab jetzt kann wirklich von Thuner Spassfussball gesprochen werden. Wie sehr sich GC aufgeben hat, zeigt die Auswechslung von Paiva wenig später. Er schleicht so sehr im Schneckentempo vom Platz, dass wir schon eine Gelbe Karte wegen Zeitschindens fordern. Doch Kever zeigt sich nachsichtig. Nicht aber in der 70. Minute, als die GC-Elf bzw. GC-Zehn bzw. GC-Neun wieder ihr hässliches Gesicht zeigt: Abrashi kommt im Laufduell mit Leczano deutlich zu spät und trifft seinen Gegner mit gestrecktem Bein und voller Wucht am Schienbein. Rote Karte!

Hektisch ist dann auch noch die Schlussphase. Erst erzielt Andrist nach einem Doppelpassspiel das vermeintliche 4:0, dann holt sich Toko nach einer Tätlichkeit gegen Lüthi im Strafraum die vermeintlich nächste Rote Karte. Doch weder zählt das Tor, noch gibt es weitere Karten. Dabei hätte sie zumindest der beim «Blick» als «Münsinger Mann» und bei uns als «Arschloch» bekannte Bürki die Rote Karte Nummer 3 verdient. Der geht einfach mal so während dem laufenden Spiel zu Lüthi hin und umklammert ihn mehrere Sekunden lang. Ja geits no?

Entsprechend wird Bürki von uns ausgebuht und beschimpft. Aber schon bald wenden wir uns wieder positivem Liedgut zu. Auch wenns mit der Welle trotz mehreren Versuchen nicht ganz klappt, herrscht im mit 6839 Zuschauern gut gefüllten Stadion tolle Stimmung. Besonders gefällig ist das Lied «Die Nummer 1 der Schweiz sind wir.» Mit Abpfiff, der gleichbedeutend mit der Übernahme der Tabellenspitze durch die Thuner ist, ist mein Vizemeisterschal zum Understatement geworden. Doch Challandes hat an der Pressekonferenz natürlich Recht: «Wir geniessen die Tabellenführung, aber eigentlich ist es wichtiger, haben wir schon 6 von den 40 Punkten gewonnen, die es am Ende der Saison wohl im Minimum braucht, um den Ligaerhalt zu schaffen.»

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