Es ist der Tag der vielen Spruchbänder. Schliesslich will die Fankurve zeigen, dass die Thuner Gemeinderäte «nur» die zweitgrössten Latourfans im Oberland sind. Deshalb sind in den vergangenen Tagen in fleissigen Fanprojektstunden jede Menge «Latour bleib doch in Thun»-Verse entstanden – die zu unserer Freude sogar vom Berichterstatter im Schweizer Fernsehen vorgelesen wurden. Hoffen wir mal, Latour hat seinen Videorecorder richtig programmiert.
Doch unsere Aufmerksamkeit gilt heute abend nicht nur Latour, sondern auch unserem Hassspieler Petrosjan. Es ist ein besonderes Spiel für ihn, uns und besonders Deumi, zum ersten Mal seit jenem brutalen Foul im Letziground spielen Deumi und Brutalo-Petrosjan wieder im selben Match. Keine Frage, dass wir den Petrosjan einmal mehr mit Schmährufen eindecken und sogar ein kleines Grusswort-Transparent für ihn gebastelt haben: «Armand, hau ihn weg!»
Und tatsächlich. Deumi ist der einzige Thuner Spieler, der sich an diesem Abend eine Gelbe Karte holt. Doch dies ist das Ergebnis eines taktischen Fouls und nicht etwa die Strafe für eine unzärtliche Begegnung mit Petrosjan.
Deumi hat wie alle Thuner Spieler seine Nerven unter Kontrolle, ein so schmales Kader darf sich nicht allzu viele Karten erlauben. Derweil spielen die Zürcher heute überaus unsauber, die Fouls sind zahlreich und das FCZ-Team holt sich zurecht fünf gelbe Karten.
Und nicht nur das. Nach rund einer halben Stunde wird Lustrinelli im Strafraum so unsauber von den Beinen geholt, dass der Schiri einfach Penalty pfeifen muss. Raimondi läuft an, zielt gut – und muss mitansehen, wie Taini den Ball ablenken kann.
Eine Schlüsselszene in einem Spiel, das Thun bisher dominiert hat und nach einigen guten Chancen längst in Führung liegen sollte? Das 0-0 zur Pause ist gewiss eine leise Enttäuschung.
Für den Negativpunkt in der Fanszene sorgt derweil Rüpel-Alain. Ich finde eine Fanfahrt Herzogenbuchsee-Schaffhausen-Thun absolut eine geniale Idee und wäre gewiss auch gerne mitgefahren. Dass er bei ordentlich viel Wein- und Bier-Reiseproviant im Stadion entsprechend schlapp auf den Beinen ist, will ich auch nicht beurteilen. Doch dass er sich in der Pause ausgerechnet an einem weiteren Latour-Spruchband festhält und dieses zerreisst, ist natürlich dämlich. Entsprechend sauer stürzt sich da Laura auf ihn.
Doch nach der Pause ist der kleine Zwischenfall vergessen, das gemeinsame Thun-Supporten ist wieder Pflicht. Weder vom einsetzenden Regen, noch vom enttäuschenden Spielstand (0-0) lassen wir uns beeindrucken.
Nach rund einer Stunde stimmen wir auch zum ersten Mal an diesem Abend so richtig laut «Ds Vogellisi» an. Doch das eigentlich obligatorische «Wiiihuuu» ist nicht zu hören, denn mitten im Gesang erzielt Di Jorio das überraschende und eher unverdiente 1-0 für die Gäste. Mischt!
Und fortan rennen die Thuner gegen die erste Heimniederlage seit Mai an. Die Schlussphase ist turbulent. Auf Thuner Angriffe folgen immer wieder gefährliche Zürcher Konter. Zudem liegen öfters Zürcher Spieler am Boden. Marc «Judas» Schneider fliegt gar in die Eckfahne vor unserer Kurve hinein, was ihn sogleich zu einem minutenlangen «Ich wälz mich mal am Boden»-Schauspiel verleitet. Und wenig später hätte Keita wohl gerne nach einem Foul von Deumi an ihm das selbe gemacht. Doch Deumi zieht ihn sofort hilfsbereit hoch. Daraufhin zeigt Keita sein eigenes Schauspieltalent – er zeigt eine Kampfsporteinlage und sieht für seine Tätlichkeit zurecht die Rote Karte.
Da beim Keita-Raus aber schon 90 Minuten gespielt sind, bringt die Überzahl den Thunern nicht mehr viel. Da kann auch Coltorti noch so energisch im gegnerischen Strafraum herumspringen, der Ausgleich fällt nicht mehr. Thun verliert 0-1 und wir Thunfans merken alle, wie ungewöhnlich das Gefühl einer Heimniederlage doch für uns geworden ist. Wir hoffen nun alle, dass diese Heimniederlage dank Latours Erfolgsrezepten für lange Zeit eine Einmaligkeit bleiben wird. Latour wird in Thun noch lange gebraucht!
Matthias Engel

