St. Gallen – Thun

St. Gallen – Thun

Meine Vorfreude auf ein hochstehendes Fussball-Wochenende wird schon 48 Stunden vor dem geplanten Anpfiff in St. Gallen von einem SMS erheblich gedämpft: ?Wetteralarm ? ergiebiger Schneefall ? schneebedeckte Fahrbahnen ? Sa 15 Uhr ? So 20 Uhr? teilt mir SF Meteo am Freitagmittag mit. Ich habe zwar nicht vor, mit Auto oder Car ans Spiel zu fahren. Doch ist es altbekannt, dass an Schneetagen Fussballfelder längst nicht so schnell geräumt werden wie Autobahnen. Immer wieder gibt es Fussballvereine, die ihre Schneeräumaufträge vermasseln.

Entsprechend mulmig ist es mir zumute, als ich um 9 Uhr morgens Richtung Ostschweiz aufbreche. Zum selben Zeitpunkt meldet nämlich in St. Gallen Radio aktuell, dass das Spiel St. Gallen ? Thun auf der Kippe steht. Ich organisiere mir deshalb bei mehreren Kumpels Spielausfall-Liveticker, um allenfalls die stundenlange Reise durch all die neuen Skigebiete der Schweiz noch vor dem Stadioneingang abbrechen zu können. Und in der Tat ertönt das SMS-Signal gleich mehrfach, als der Zug aus dem Bahnhof Winterthur rausfährt: «Match Abpfiff neu 14.30 Uhr» lautet die Botschaft.

Die doppelte Überraschung, dass zwar der Zug Bern-St. Gallen pünktlich ist, aber nicht die St. Galler Schneeräumer, führt dazu, dass ich fast drei Stunden vor dem neu angesetzten Anpfiff in Gossau eintreffe. So vertreibe ich meine Zeit wieder mal im Restaurant Quellenhof (wo übrigens der Service tiptop ist, wenn man die Biere bezahlt, lieber Haschwilli). Ich trinke aber nicht nur, sondern nehme als Beilage zum grossen Bier auch noch das Menu 1. Tiptop würzige Gulaschsuppe, die man hier im Osten Europas kriegt. Auch Salat, Braten und Kartoffelstock sind erstklassig. Und die Tatsache, dass man vom Sitzplatz am Fenster rechtzeitig mitkriegt, wann der Extrabus Richtung ABC-Arena den Motor startet, ist ein weiteres Plus.

Zwar muss sich der Bus durch all die Schneeablagerungen am Strassenrand kämpfen, doch schneit es jetzt wenigstens nicht mehr. Die Chancen, dass das Spiel wirklich stattfindet, steigen. Fragt sich nur, um welche Uhrzeit. Denn kaum haben die St. Galler den Platz bestens geräumt, drohen uns Berner Faulpelze zum Verhängnis zu werden. Ausgerechnet das TV-Spiel YB-Luzern fällt nämlich ins (Schnee-) Wasser, weshalb das Schweizer Fernsehen auf ein neues 16 Uhr-Livespiel angewesen ist. Prompt macht in unserem Sektor das Gerücht die Runde, dass die Wahl auf St. Gallen-Thun gefallen sei. Das erweist sich dann auch als wahr ? halbwegs jedenfalls. Der Anpfiff findet schliesslich doch um 14.30 Uhr statt, da das Spiel (oder zumindest Teile davon) zeitversetzt auf SF zwei ausgestrahlt wird.

Was da noch niemand weiss: Das Spiel entscheidet sich bereits um 14.40 Uhr. Nachdem Thun schon mehrere gute Angriff hatte, kann nun Anatole Ngamukol gar alleine auf Lopar losziehen. Eine Top-Chance, doch einmal mehr verstolpert sich unsere Nummer 9, verliert erst an Tempo und dann in einem Zeitkampf mit Mutsch auch gleich noch den Ball. Schwer zu sagen, ob dabei der St. Galler den Thuner am Fuss tritt. Aber wie Ngamukol in bester Eddie Murpy-Schauspielmanier zu Boden stürzt, ist einfach nur peinlich. Zumal er noch minutenlang liegen bleibt. Im Eishockey gäbe es für eine solche Löffel-Einlage 500 Franken Busse. Im Fussball dagegen sind wir schon überrascht, dass das Spiel überhaupt weiterläuft. Dem sind sich zumindest die St. Galler bewusst, währenddessen sich die Thunspieler wahlweise über den Konter wundern oder ärgern. Scarione macht das Spiel schnell, flankt ins Zentrum, wo Eintages-Nationalspieler Marco Mathys den Ball direkt abnimmt. Der Schuss landet im Tor. 1:0. Im anderen Strafraum wälzt sich Anatole dagegen immer noch ? länger als Eddie Murphy bei allen seiner Beverly Hills Cop-Scherzen.

Ngamukol fällt in diesem Spiel noch weitere Male auf ? durch Schwalben. Für eine davon sieht er dann endlich(!) auch die Gelbe Karte. ?Wir sind Thuner, was bist du!? rufe ich ihm zu. Doch ich werde durch laute Fangesänge überstimmt, ein Grossteil der 70 bis 80 mitgereisten Thunfans will den Schnee richtiggehend mit lauten Lieder vertreiben (BTW, Freiheit für alle Schlagzeuger). Doch als wir mehrmals wild umher hüpfen, glaubt Petrus wohl, dass es sich bei unserem Auftritt um einen Regentanz handelt. Die Folge: In der zweiten Halbzeit beginnt es heftig zu schneiden. Doch immerhin locken die wilden Gesänge auch Frauen an ? oder zumindest die wichtige Frau im Gästesektor: Jasmin. Die Bierverkäuferin bringt den lautesten Sängern die Bierbecher tatsächlich jeweils an den Platz. Und ja, beim heutigen Schützengartenbier handelt es sich nur deshalb phasenweise um Light-Bier, weil es die ganze Zeit in den Becher schneit. Aber in St. Gallen wird tatsächlich Bier mit richtig viel Alkohol angezapft. Besten Dank. Kein Wunder, lassen wir Jasmin mit einem Lied hochleben.

In der zweiten Halbzeit werden wir richtig eingeschneit. Nicht nur je drei Spieler werden ausgewechselt, auch das weisse Leder macht einem orangen Ball Platz. Und einmal wird sogar das Spiel unterbrochen, damit die Linien freigeschaufelt werden können. Obwohl das verbissen und mit viel Engagement kämpfende Thun weiterhin 0:1 hinten liegt (warum gehen all die Chancen bloss nicht rein!?!) wird der Wunsch nach einem Thuner Treffer immer vom Wunsch nach einem warmen Plätzchen verdrängt. Konsequent ist da Challandes, der so lange herumschreit, bis er auf die Tribüne verwiesen lässt. Wolldecke wohl inbegriffen!?

Sechs Nachspielminuten müssen wir noch über uns ergehen lassen, dann ist Schluss. Zwar 0:1 verloren, aber die Fussballreise hat doch Spass gemacht. Das nächste Mal brauche ich aber gar kein Wetteralarm-SMS, sondern einen Chancentodalarm.

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