Manchmal bin ich einfach ein Besserwisser. Selten zu recht. Aber was Thuner Fanreisen ins Wallis anbelangt, habe ich eine schier grenzlose Erfahrung. Ich bin schon zwei Mal mit einem Thunschal im Tourbillon gewesen ? ein vermeintlicher Vereinsrekord. Und so bleibe ich in den Tagen vor dem Spiel ganz gelassen, während sich Hunderte Thuner auf ihre Tourbillon-Premiere freuen. Ja, die Atmosphäre im Tourbillon ist laut, aber doch nicht so mythisch-beeindruckend, wie viele denken. Und nein, Thun hat gegen Sion sicher keine Chance. Der FCT wird auch bei seinem dritten Spiel im Tourbillon 3-0 verlieren. Wie gesagt, ich bin ein Besserwisser.
Was ich hingegen nicht mehr so genau weiss, wie weit es vom Bahnhof ins Stadion ist. Ich behaupte wage: Erst geradeaus, dann links. Das sind 15 Minuten Fussweg ? behauptet jedenfalls die Fan Forum-Homepage. Ersteres stimmt einigermassen. Zweiteres (falls es denn dieses Wort gibt?) dagegen gilt wohl nur für gut trainierte Walliser. Aber nicht für uns: So viel Fendant hatten wir dann doch nicht auf unser feucht-fröhlichen Anreise über Brig. Aber wie will man auch die Marschzeit korrekt messen, wenn man schon beim Kreisel hinter dem Bahnhof mal besser abwartet, weil weiter vorne einige Mitreisende mit Kinderspielzeug jonglieren. Ja, ja, es ist ein heisser Novemberföhn?Eine halbe Stunde später sind wir beim Stadion.
Die Thuner Kurve ist sehr gut gefüllt. 300, vielleicht 400 Fans. Stadiontourismus wie einst in Basel. Wobei: Erstaunlich viele Oberländer Zuschauer singen lautstark mit. Bravo für so viel Einsatz! Einsatz zeigt auch Tom an der Trommel. Wild schlägt er um sich, während seine Finger nur so blutig tropfen. Ein wahrer Fan kennt keinen Schmerz. Als schliesslich die Trommeloberseite halb blutgetränkt ist, lässt er sich doch noch ablösen.
Wenn ihr jetzt gedacht habt, dies sei ein grosser Schockmoment, dann lest euch erst einmal durch die nächste Tourbillon-Anekdote: Kurz nach dem Lattenschuss von Kuljic (nur damit die Sion-Überlegenheit auch noch kurz erwähnt ist), steht plötzlich eine Dame neben mir, die etwa die Altersklasse von Lydia hat. In der Hand hält sie ein weisses Spitzenhöschen. Der Skandal dabei ist nicht etwa, dass sie dieses Höschen wohl tatsächlich trägt. Sondern, dass auf der Vorderseite das Sion-Logo aufgenäht ist. Oh mein Gott: Ist dies ein Utensil eines ganz versauten Bett-Rollenspiels? Oder hat sie es etwa bei einem neckischen Techtelmechtel mit Kuljic erobert. Jedenfalls ist an diesem Nachmittag ?Er steht im Tor, im Tor, im Tor und ich dahinter?-Christine nur das zweitgrösste Groupie in der Kurve.
Kuljic schiesst derweil wie befürchtet sein Tor, das 1-0 für Sion in der 38. Minute.
Ganz nach dem Motto ?Ich habs euch doch gesagt? kann ich den weiteren Spielverlauf abkürzen. Nachdem auch Carlitos in der 66. und Reset in der 90. Minute treffen, gewinnt Sion tatsächlich wieder 3-0. Während aber in der Saison 1999/2000 nicht ?Bregy raus? gesungen wurde, stimmt heute ein Teil der Kurve topinformiert ein ?Peischl raus? an. Ich bin also doch nicht der einzige Besserwisser?
