Sion – Thun

Sion – Thun

«Kein Thuner Torschütze: In der letzten Saison konnte kein Thuner gegen Sitten einen Treffer erzielen. Beim 1:1 unterlief dem Sittener Aislan ein Eigentor. Seit Sommer 2010 und der Rückkehr von Thun in die Super League sieht die Bilanz der Berner Oberländer gegen Sitten wie folgt aus: 2 Siege (beide zu Hause), 2 Unentschieden, 4 Niederlagen.»

Das Durchblättern des Walliser Boten stärkt unsere Siegeshoffnung vor dem heutigen Spiel nicht gerade. Zudem kann sich weder Fanclublegende, noch ich erinnern, dass Thun im Tourbillon je drei Punkte abgeholt hat ? bei den acht Besuchen der Fussballneuzeit reichte es jedenfalls nur gerade einmal für einen Punktgewinn. Die Chancen, dass uns heute der Fussballgott gnädig ist, schätzen wir nicht allzu hoch sein. Immerhin lässt uns der Wettergott im Süden nicht im Stich, statt Regenwetter herrscht heiterer Sonnenschein. Fanclublegende und ich sind heute aber nicht einfach als Thuner Nörglerduo à la Statler und Waldorf unterwegs, sondern haben einen inkognito reisenden dritten Passagier mit an Bord: Mit Kollege Raschle hat es heute in unserem Auto mehr Walliser als in der ganzen Nordtribüne. Auch wenn Raschle prophezeit, dass dutzende Sion-Fans im Thunblock stehen werden, wird er doch der einzige Stehkurvensperre-Umgeher im Gästesektor sein. Wobei nicht etwa er der einzige Stadionbesucher ist, der mit einem Sion-Schal um den Hals an der Kasse ein Stehplatzticket löst: Als ich nämlich am Sion-Fanstand einen Gattuso-Schal entdecke, bricht la mentalità italiana mit mir durch. Ich kaufe mir auf der Stelle den edlen 20 Franken-Echarpe.

Um ein Haar dürfen wir dann aber nicht in den Gästesektor. «Vous êtes Sédunois où Thunois?» ruft uns ein Polizist zu und überlegt sich schon, uns gemeinsam mit seinen Kollegen den Weg zu versperren. Sein Misstrauen ausgelöst hat aber nicht etwa mein Gattuso-Schal, sondern die Sion-Gesänge von Kollege Raschle. Da Fanclublegende und ich aber in breitem Berndeutsch antworten, dürfen wir gleichwohl rein in den Thunblock ? samt Raschle. Seine Anwesenheit ist zumindest optisch auch dringend notwendig, ist doch die Gästekurve auch nicht viel besser gefüllt als die Nordtribüne. Vielleicht 50, 60 Thuner haben sich ins Tourbillon verirrt. Das ist wohl gleichbedeutend mit einem Fulehung-Minusrekord. (BTW, Freiheit für alle Schlagzeuger). Umso lauter stimmen wir aber all die Fulehung- und Zappenstreich-Melodien an: «Tira, tira, tira, tira, sie het scho mänge düregla u wird no mänge dürela?»

Damit meinen wir aber eigentlich nicht die Thuner Abwehr samt Goalie Faivre. Die Thuner Hinterleute haben schon in der 14. Minute das erste Mal das Nachsehen. Wüthrich schiesst, Matic spingt dazwischen, doch landet der Abpraller dummerweise bei Leo Itaperuna. Und der erzielt per Kopf das 1:0. Wesentlich nerviger ist der zweite Sion-Treffer in der 61. Minute. Oder wie es der Sportal-Liveticker ähnlich diplomatisch wie jeweils Red Fanatic ausdrückt: «Selten blöd, ist man versucht zu sagen, wie der FC Thun das verteidigt: Léo Itaperuna nimmt einen Ball in 20 Metern Torentfernung an und spaziert los. Vorbei an Bättig, Ghezal, Matic, Faivre und rein ins Tor! Itaperuna dampft durchs Thuner Abwehrmassiv wie der Cisalpino durch den Gotthard…» Oder wie es die SonntagsZeitung auf den Punkt bringt: «Nach gut einer Stunde preschte Itaperina in den Strafraum vor, wo er auf fünf Spalier stehende Thuner traf statt auf Gegenwehr?.» Nein Fanclublegende, dieses Tor ist nicht nur dem Goalie zuzuschreiben.

Von unserer Diskussion darüber, wie gut beziehungsweise wie schwach Faivre ist, bekommt Raschle nicht viel mit. Nicht zu Unrecht ist er der Ansicht, dass das Spiel mit dem zweiten Sion-Treffer definitiv gelaufen ist. So konzentriert er sich darauf, im ganzen Gästesektor die YB- und Servettekleber abzureissen und abzukratzen. Dabei verpasst er ? übrigens genau so wie ich – die grösste Überraschung des Spiels: Mit Eddie Murphy alias Anatole Ngamukol erzielt doch tatsächlich 1. wieder mal ein Thuner ein Tor gegen Sion und 2. das doch tatsächlich nach einem Eckball. Nur eben: Thun konnte dieses zwischenzeitliche 1:1 nur von der 42. bis zur 61. Minute halten, so dass wir einmal mehr ohne Punkte zurück ins Bernbiet reisen ? dafür aber in der Gesellschaft eines gut gelaunten Sion-Fan, der traditionsgemäss auf dem Rückweg eine Fendant-Flasche leer trinkt.

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