?Mattäng, i ha kener Gfüehl für di?. Das hat mir mehrmals eine gute Kollegin gesagt, als wir noch gemeinsam in Thun ins Stadion durften. ?FC Thun, i ha kener Gfüehl für di.? Das möchte ich jenem Klub sagen, der mir diese Woche einen Brief mit einem roten Herzchen auf dem Kuvert geschickt hat. Wenigstens ist der Brief an sich keine Liebeserklärung, sondern ein passiv-aggressives Schreiben mit der klaren Botschaft, dass wir den FCT nicht ausnutzen sollen. Letzte Saison haben wir Abobesitzer sechs Heimspiele verpasst, diese Saison werden es – Barrage-Teilnahme einmal vorausgesetzt – 17 verpasste Heimspiele sein. Ganz böse und egoistisch, wer da denkt, der Härzbluet-Klub würde uns Fans irgendwie dafür entschädigen. Lieber zum 3. Mal in Folge ein Abo kaufen, mit dem wir pro Spiel (viel) mehr bezahlen als Einzelticketkäufer. Immerhin gibts dann ein Abo geschenkt, das man jemandem in die Hand drücken darf, der oder die mindestens vor zwei Jahren Thun den Rücken zugekehrt hat. Ist doch fair, so in einer groooooosssen Familie wie wir es sind in Thun. Gut, ich habe dazu so meine eigene Meinung, die ich eigentlich gerne dem Gerber Andres direkt ins Gesicht sagen möchte. Doch ich sehe ihn heute nur von weitem vor dem Stadion. Vielleicht besser so.
Die grosse Überraschung ist ja nicht, dass Gerber heute ohne Maske im Gesicht vor dem Stadion herumläuft, sondern dass ich dort zugegen bin. Erstmals seit Oktober 2020 habe ich mal wieder ein Matchticket. Ja, das kann schon von der Wahrscheinlichkeitsrechnung her nicht in Thun sein. Aber in Kriens. Ich sehe diese Saison genau so viele Meisterschaftsspiele von Thun in Kriens wie in Thun, nämlich Zwei. Bin ich deswegen sauer? Auf meine Kollegin nicht. Mit viel Bier intus – die Matchbeiz hat von 18 bis 23 Uhr geöffnet – setze ich mich in Tribünenreihe Zwei. Direkt vor mir tigert Trainerlegende Berner herum. Von Bernegger ist dagegen erst nichts zu sehen. Das ändert sich, als Berisha in der 10. Minute das 1:0 schiesst. Kriens geht 1:0 in Führung. Standesgemäss sagt nur, wer Thun diese Saison schon mehr als zweimal hat spielen sehen. Havenaar spielt gut und gewinnt alle seiner zehn Zweikämpfe in dieser ersten Halbzeit. Vom Rest vom Team kommt herzlich wenig. Ein Lattenknaller kurz vor dem Pausenpfiff ist das höchste der nicht vorhandenen Gefühle.
In der Pause gibt es Bier, coronabedingt nur gegen Schreibarbeit. Selbst auf den Holzbänken vor dem Bierstand muss man sich in Namenslisten eintragen. Immerhin Block Süd-Kleber darf man noch anonym im WC hinkleben. Mir ist jedenfalls keine andere Regel bekannt.
Nach Wiederanpfiff geht Thun dann etwas beherzter an die Sache. Und als Chihadeh in der 55. Minute einen Fehler von Kriens-Goalie Brügger ausnützt (es ist ein zehnter Saisontreffer), steht es tatsächlich 1:1. Ja, ziemlich entgegen dem Spielverlauf. Thun diktiert nun das Spiel und hat mehr Ballbesitz als der Gegner, aber ein zweites Tor will nicht fallen. Kriens ist gar den Sieg näher, aber nach 90 Minuten und drei Minuten Nachspielzeit ist das Unentschieden besiegelt. Thun bleibt so auf dem zweiten Platz – und auf Aufstiegskurs, wie mir Partykernen in x Sprachnachrichten weismachten will. Ich bestelle da lieber noch einen Hot Dog und ein Bier. Und warte vor dem Stadion auf Gerber. Doch ich sehe ihn nirgends mehr. Egal, nächsten Oktober oder so werde ich sicher mal wieder ein Thunspiel sehen. Und irgendwann landet sicher mal wieder ein Kuvert mit einem Herzchen in meinem Briefkasten. Wenn ich Glück habe, ist es ein Brief von meiner Kollegin.
