GC – Thun

GC – Thun

Für Touristen aus dem krisengebeutelten Bernbiet (ich spreche jetzt ausnahmsweise vor der wirtschaftlichen Schwäche des Kantons, nicht von der sportlichen der Young Boys) hat es etwas beruhigendes, dass auch im Millionen-Zürich nicht alles perfekt ist. Statt dem im Fahrplan angekündigten Tram fährt bloss ein Busshuttle, statt in einem Fussballstadion findet die Parte auf einem weitläufigen Leichtathletikplatz statt, der von einem halben Dutzend Zahnbürsten umringt wird. Da wäre eigentlich zu erwarten, dass im 30 Franken-Ticket ein Feldstecher inbegriffen ist. Stattdessen gibt?s ein im Hooligankonkordat-Pauschalangebot inbegriffenes Meet&Greet mit den Deltajungs, dem sich gegen 100 Thuner unterziehen müssen. BTW: Freiheit für Schlagzeuger.

Immerhin scheinen sie in dieser Kleinstadt hier die Bäckerkunst zu beherrschen. Minutenlang wird auf dem Stadionbildschirm eine bunte Torte gelobt und analysiert, die je nach Blickwinkel wie ein Parkhaus oder ein Fitnesscenter aussieht. Erst glauben wir, die Torte sei ein Geschenk für Geburtstagskind Hediger. Doch Stadionguru Fetscherin glaubt fest daran, dass seine Heimatstadt heute nicht nur das Spiel, sondern auch ein Stadion gewinnt.

Sportlich startet GC gut in den Nachmittag. Torchance folgt um Torchance. Und Trainer Skibbe hat seinen Jungs auch sonst viel bei gebracht: Das Schauspieltalent der Zürcher lässt sich sehen, praktisch auf jeden Zweikampf folgt eine herrlich kitschige Sterbeszene. Und so darf gewettet werden, mit welcher der beiden parallel geführten Strategien GC zuerst zum Torerfolg kommt.

Thun sichert sich hinten mit der Abseitsfalle ab. GC tappt immer mal wieder rein. Allerdings auch der Fändlima. In der 42. Minute ignorieren GC und das Schiritrio gleichermassen eine Abseitssituation, Hajrovic darf den Ball an den rechten Pfosten knallen, ohne zurückgepfiffen zu werden. Beim Abpraller kommt es zum Duell zwischen Ben Khalifa und Sulmoni, wobei der Tessiner überhart einsteigt ? und Big Ben natürlich den vermeintlichen Heldentod stirbt. Nun ertöntder Pfiff: Penalty und Gelb gegen Sulmoni.

Es kommt zum Duell Hajrovic vs. Faire. Der Top-Nationalspieler läuft an ? und trifft in die rechte Ecke. 1:0. Das Spiel ist jetzt richtig lanciert ? jedoch nur, was die Schauspielszenen anbelangt. Vor der Pause wälzt sich erst ein Zürcher (Gelb gegen Secku), dann ein Thuner (Gelb gegen Salatic). Wie erklärte mir doch gestern eine Passantin, warum sie sich nicht um Lokalpolitik kümmere: ?Ich schau mir lieber einen guten Film an.? Sie hätte Freude an diesem Spiel.

In der Pause steht dann aber tatsächlich die Lokalpolitik im Mitelpunkt. Der ?Canepa und Fetscherin, die Baumeister?-Liveticker sagt ein Nein zum Stadionprojekt voraus. Die Torte ist jedenfalls nicht mehr auf dem Stadionbildschirm zu sehen. Dafür aber bald wieder ein GC-Treffer: In der 55. Minute tritt Hajrovic einen Eckball, bei dem die Thuner Abwehr ganz einfach Vilotic vergisst. Er kann unbedrängt zum 2:0 einköpfeln. An diesem Nachmittag scheint kurz vor 3 alles optimal für GC zu laufen.

Dann ist 15 Uhr ? und Friedhofsstille im Stadion. Die GC-Fanclubs räumen ihre Banner zusammen, ein Teil der Kurve verlässt das Stadion. Sie wollen lieber bei einem Marsch rund ums Stadion ihren Ärger über das jetzt definitive Stadion-Nein verarbeiten, als ihr Team weiter zu unterstützen. Was vor uns mit dem passenden Schlachtruf kommentiert wird: ?GC im Letzi! GC im Letzi! GC im Letzi!? Oder mit dem Spruch: ?Göit mau ga boue!? Wären unsere Züridüüütsch-Kenntnisse besser, würden wir wohl sogar Nöggis Refrain ?Doch es nützt ne nöööd, doch es nützt ne nööööd? anstimmen.

Die GC-Spieler sind nun auch nicht mehr ganz bei der Sache, Thun kommt immer besser ins Spiel. Die Einwechslung von Sadik sorgt für zusätzlichen Schwung. Und tatsächlich: In der 83. Minute spielt Reinmann einen flachen, weiten Pass zu Martinez, der den Ball umgehend Sadik überlässt. Unser Suomi-Albaner schiesst zum 1:2 ein.

Die übrig gebliebenen GC-Fans reiben sich die Augen. Und es ist gar noch mehr möglich. In der Nachspielzeit darf Zuffi nochmals einen Freistoss treten. Sadik kämpft sich zum Ball durch, doch Toko hat gerade ein Nyon-Déjà-vu und sieht sich erneut dazu berufen, die Rolle des GC-Behüters zu übernehmen. So schlägt er den Ball weg ? und sichert GC den Sieg. 2:1. Und doch besingt heute nach Abpfiff Nöggi nicht die angebliche Unschlagbarkeit der Hoppers. An was das wohl liegen mag, Herr Fetscherin? P.S. Bou mau eine!

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