Der Fan ist ein unergründliches Wesen. Ich habe es heute nicht geschafft, einem Ultraskeptiker zu erklären, was ein Ultra ist. Nein, ein (meist nie gewaschenes) Fanutensil überzustreifen, bringt ebensowenig automatisch das Ultra-Gütesiegel ein wie 90 Minuten-Dauersupport. (BTW: Freiheit für alle Schlagzeuger.) Ich habe nun selber eine Fan-Frage, die nicht so einfach zu beantworten ist. Welche Eigenschaften muss jemand mit sich bringen, um das Recht zu haben, «Wir sind Thuner, was seid ihr!?» zu singen und Spieler Auge in Auge durch den Zaun hindurch zu beschimpfen? Genügt da bereits das heutige 30 Franken-Eintrittsticket? Muss man seit Jahren Allesfahrer sein? Oder ist es sowieso ungerecht ? wie heute ein anderer Fan meint ? über eigene Spieler zu fluchen? Ja, Thun hat im heutigen Regen-Duell gegen GC schlecht ausgesehen. Wenn Journalisten schreiben, GC habe dank einem «hervorragenden Pressing» zahlreiche Bälle erobert, stimmt das nur halb. Langsame und auf den ersten Blick unmotivierte Spieler wie Ghezal haben ihren Teil zur GC-Überlegenheit beigetragen. Das 1:0 ist sicher eine Augenweide – Hajrovic wird in der 43. Minute von Zuber herrlich in die Tiefe lanciert und schiebt souverän zum 1:0 ein ? aber aus Thuner Sicht dennoch peinlich.
Dennoch: War das heute wieder ein «Wir sind Thuner, was seid ihr!?»-Spiel? Schliesslich hat GC «nur» 80 Minuten lang dominiert und in den Schlussminuten klar geschwächelt. Und ja: Thun hat auch seine Chancen gehabt. Allein das 6:1-Eckballverhältnis spricht für sich. Böse Zungen behaupten nun, die wahren halben Thuner sind die Transferverantwortlichen, die dem FC Thun keinen (zugegebenermassen teuren) Standardspezialisten gönnen möchten. Ja, Thun hätte heute mit nur zwei gut getretenen Eckbällen gewinnen können. Zumal Bürki ziemlich zappelhaft wirkte.
Doch die einzige Rechnung, die heute zählt, lautet: 1 Gegentreffer bei gleichzeitiger Torflaute bedeutet 0 Punkte. Okay, Tüpflischisser wie ich bin, möchte ich noch eine andere Rechnung platzieren: Mit dem heutigen FC Thun stand sicher nicht das teuerste Team der Vereinsgeschichte auf dem Platz, wie im Fanblock hermgeschrien wurde. Da war nämlich mal eine Saison, als Thun mit dem Millionen-Fehleinkauf Nyman und anderen Abkassierern abgestiegen ist. Ja, die heutigen Verteidiger sind trotz all heutiger Häme besser als ihre damaligen Ahnen. Und verdienen eindeutig weniger. Und ? ich wage auch diese Behauptung ? zeigen auch mehr Kampfherz und führen den FC Thun bestimmt nicht in die NLB. «Wir sind Thuner ? Ihr auch!»
