Wollen wir wirklich weiter Thunfan sein, wenn doch unser Verein in der zweiten Tabellenhälfte herumdümpelt? Schliesslich ist so ein Abstiegskampf schlecht für Herz, Lunge und Leber. Kevä und ich fahren heute trotzdem (oder genau aus diesem Grund?) schon am frühen Nachmittag nach Basel. Mit Paddy Reilly?s wählen wir aber ein Pub, wo wir auf den Bildschirmen nicht mit gutem Fussball konfrontiert werden. Sonst wäre der anschliessende Besuch im Joggeli noch schmerzhafter. Stattdessen sehen wir uns an, welche Sportarten die Welt sonst noch zu bieten hat: Irish Rugby, Hurling und ? das ist jetzt aber wirklich exotisch ? Damenbasketball. Angesichts der temporeichen Spielen und den vollen Fankurven könnte sich doch das Umsteigen auf eine andere Sportart wirklich lohnen. Bei ein paar Pints Guinness, Kilkenny und Magners diskutieren wir unsere Zukunftschancen im Sport etwas genauer, auch mit dem Barkeeper. Ob er uns deswegen schon für echte Iren hält ? Keväs Englisch ist in etwa so unverständlich wie bei einem typischen Iren nach dem 15. Pint ? oder ob er einfach Mitleid mit uns hat, dass wir gleich auf das grosse Basel treffen? Die Rechnung fällt jedenfalls irgendwie viel tiefer aus als die Getränkekarte hat vermuten lassen. Und als dann Kevä an der Tramhaltestelle bei einer Frau um Süssigkeiten bettelt, erhält er tatsächlich eine Handvoll. Nun ist klar: Ja, es muss sich um allgemeines Mitleid mit uns Thunern handeln.
Ins Stadion haben es etwa 50 Thuner geschafft. Im Zweifelsfall nimmt man beim Chef halt schon für eine Europacup-Fanfahrt frei und nicht für einen Ausflug ins Joggeli. Oder haben wir uns etwa von der Walliser Arroganz anstecken lassen: Fanfahrten nach Basel nur noch, wenn man einen Titel gewinnen kann? So sind wir wenigstens unter uns und können die Kleidervorschriften etwas lockern. Wobei es dennoch Kampfansagen gibt wie «Ich behalte mein T-Shirt an, weil ich die Boys nicht mit meinen Brusthaaren neidisch machen will». Die Frauen dagegen belassen es dabei, mit dem Matchprogamm wild herum zu fächern und sich so ein wenig Abkühlung zu verschaffen. Auf diese Art werden sie der Vorzeige-Lektüre «Rotblau» nun wirklich nicht gerecht! Wie immer kann die Rubrik «Unser Salizäme» in Sachen wirre Geschichten locker mit thunfans.ch mithalten. Folgende Stilblüte von Herrn Zindel ist wieder mal herrlich. «Doch zurück nach England, wo sie Weisswürste vermutlich an einer Pfefferminz-Sauce und mit Tee servieren?» (Anmerkung von thunfans.ch: Dieses Menu würde sicher besser munden als die FCB-Currywurst). Nett ist aber auch, dass Thun-Präsi Markus Lüthi ähnlichen Stuss rauslassen darf: «Bei uns werden keine Spieler und Trainer entlassen. Sie werden vielmehr von den Besten abgeworben, was legitim ist und für unsere Auswahl und Arbeit spricht». Eine Szene in der 5. Minute ist (nicht) gerade das beste Beispiel dafür: Der Ex-Thuner Zuffi spielt einen wunderschönen Pass auf Janko, der zum erwartet frühen 1:0 einschiesst. Nur wurde dieses Gegentor erst durch einen katastrophalen Fehlpass von Wittwer ermöglicht.
Sicherheitshalber schalte ich mal mein Handy ab. Auf Wutbürger-SMS von Zuhausegebliebenen habe ich nun wirklich keine Lust. So komme ich erst nach dem Spiel in den Genuss von tiefgründigen Analysen wie «Schiessbude FC Thun», «Abfahre Sforza», «Sforza Raus» oder «Himmutrurig die Abwehr». Keinen einzigen Kommentar erhalte ich aber zur Thuner Aktion nach 28 Minuten. Klar, dazu müsste man ja mal die Thuner loben. Der schnelle Rapp kann von Lang nur mit einem Foul gestoppt werden. Eine so ungewohnte Szene, dass selbst Schiri Bieri auf dem falschen Fuss erwischt wird. Er pfeift Penalty, obwohl sich die Szene eher vor als hinter der Strafraumlinie abgespielt hat. Frontino kümmert das aber nicht gross. Er setzt sich den Ball und versenkt ihn eiskalt unter der Latte. 1:1! Wieder mal einen Rückstand aufgeholt. Auch das ist der FC Thun Jahrgang 2015/2016. Und es kommt noch?
Um an dieser Stelle die Spannung hochzuhalten, unterbrechen wir den Spielbericht für ein wenig Werbung. In einem modernen Stadion wie dem Joggeli wird selbst die Gelbe Karte von Michael Lang werbetechnisch mehr oder weniger gekonnt bzw. rassistisch mit einem Besuch beim Asiaten verknüpft. Da sagt doch thunfans.ch JA ZUM MODERNEN FUSSBALL und präsentiert hier erstmals selber einen Werbeblock:
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Zurück ins Stadion. Nach dem 1:1 kommt es wie erwartet. In der ersten Halbzeit ist das Spiel ziemlich ausgeglichen, wobei Thun bei einem Pfostenschuss für Lang und einem Nicht-Penaltypfiff für Embolo auch ein wenig Glück hat. Direkt nach der Pause lässt sich Thun dann aber wieder überrennen. In den fünf Minuten nach Wiederanpfiff muss Basel einfach drei Tore schiessen. Unverständlich, wie Xhaka sein Duell gegen Faivre verliert. Unverständlich, wie Samuel seinen Ball an den Pfosten hämmert. Geradezu kinderleicht sieht es dagegen aus, wie in der 49. Minute Janko eine Reingabe von Emobolo verwertet. Thuner Sündenbock bei diesem Tor ist Reinmann, der vergessen hat, Janko zu decken. Warum ausgerechnet dieser Janko nach seinen beiden Toren plötzlich hart auf hart spielt, ist ein grösseres Rätsel als das der Thuner Krise seit der Sommerpause. In der 54. Minute foult er Reinmann völlig unmotiviert. Und in der 60. Minute gönnt er im Thuner Strafraum Bigler keinen Millimeter. Die beiden knallen mit den Köpfen ineinander, wobei (natürlich!) Bigler benommen liegen bleibt. Bigler muss verletzt raus und wird durch Schindelholz ersetzt. Nette Geste von Speaker, dass er beim Verkünden der Auswechslung Bigler gute Besserung wünscht.
Zwischen der 76. Minute und der 80. Minute macht sich bei Thun nochmals so richtig die aktuelle Pechsträhne bemerkbar, welche die äusserst durchschnittlichen Leistungen nochmals negativ verstärkt. Erst schafft es Vaclik mit einer Traumparade, einen Gewaltschuss von Ferreira abzuwehren. Dann landet auf der Gegenseite ein Schuss von Embolo zwar nicht im Tor, prallt aber so gefährlich in den Thuner Strafraum zurück, dass Schindelholz nur noch mit einem Hands das dritte Basler Tor verhindern kann. Sein Arbeitstag endet somit nach einer Viertelstunde bereits wieder: Rote Karte ? die hoffentlich nur eine Sperre im Cup nach sich zieht ? und Penalty. Der eben eingewechselte Gashi schiesst ? und scheitert an Faivre! Doch auch dieser Ball fliegt zurück in den Strafraum, wo Gashi am Schnellsten reagiert. Und so landet der Ball doch noch im Tor. 3:1. Soll also keiner behaupten, dass die Fussballgötter noch auf Seiten der Thuner agieren würden.
In den Schlussminuten wirbelt Munsy trotz Unterzahl noch ein wenig auf dem Platz herum. Wobei das mit der Unterzahl nicht so ganz stimmt. Basel spielt jetzt nämlich auch nur noch zu zehnt, der ebenfalls nur kurz zuvor eingewechselte Kuzmanovic hat sich bereits wieder mit schmerzverzerrtem Gesicht vom Spielfeld verabschiedet. Und Basels Auswechselkontingent ist bereits aufgebraucht. Thuns Chance, hier nochmals ein positives Zeichen zu setzen? Tatsächlich wagt in der Nachspielzeit nochmals Ferreira einen Angriff und kann erst im letzten Moment von Traoré unsanft gestoppt werden. Was jenem dann Gelb einbringt und nicht etwa Rot. Uns bringt das Spiel derweil vor allem die Erkenntnis, dass Thun derzeit unabhängig vom Spielerbestand auswärts 1:3 verliert ? egal ob in Überzahl oder in Unterzahl und egal ob gegen einen geschwätzigen Titelanwärter (Gratulation noch zum Beinahe-Punkt gegen Lugano) oder gegen den künftigen Meister. Thunfan bleiben wir trotzdem.
