Biel – Thun

Biel – Thun

Wenn eine Reise tun, da will er was erleben… oder zumindest unabhängig vom Reiseziel viel Zeit für den Alkoholkonsum haben. In dieser Hinsicht stehen wie schon im vergangenen Jahr vor dem ersten Cupmatch vor einem Problem: Was machen, wenn wir ganz viel Reisespass haben wollen, obwohl wir nicht weit von Thun entfernt spielen. Letztes Jahr haben wir ja bekanntlich einen Kastenlauf nach Allmendingen gemacht (was wir übrigens demnächst beim Cupfinale Richtung Basel wiederholen werden), dieses Mal entscheiden sich die sportlichen Thunfans (ganze drei: Simu, Mr. Schneewittchen und sein Kumpel) für eine Radtour Thun-Biel, während wir Geniesser uns auf eine extralange Zugfahrt einigen: Man nehme die S3 Thun-Belp-Biel und halte an 25 Stationen.

Ausgerechnet diese irrwitzige Fanfahrt sorgt für den Zugfahrerrekord in der bisherigen Saison, selbst Lydia und Willy schliessen sich nach einigen Diskussionen (Ehepaare halt) uns an. Und so geht die Reise 15.21 (mit traditioneller S3-Verspätung) in Thun los und das Festen beginnt.

Gut durchdacht ist die Musikwahl des DJ Duos Dirty Beni und Master Santoso. Erst dröhnt über die Lautsprecher Ska P, weil diese Band ja an jedem Gurtenfestival spielt und wir natürlich auch in Wabern halten. Und dann erzählt Polo Hofer singend seine Lebens- und Liebesgeschichten. Infolge mangelndem Timing fahren wir dann aber in Bern Weissebühl vorbei, ohne das Polo an das Meitschi vom Wysebühl hätte erinnern können. Aber es gibt ohnehin auch Musikbanausen, die sich lieber über die Kopfhörer Hip Hop-Sound reinziehen. sisch also vou dernäbe, Chrige!

Und so fahren wir vergnügt langsam durch die Landschaft. Dabei erküre ich auch eine Gemeinde als «Erinnerungswürdigste Station der Swisscomcup-Fahrt». Die Bekanntgabe dieser Wahl nach der kurzen Erinnerung an alle 25 Haltestellen:

1. Lerchenfeld

2. Uetendorf Allmend

3. Uetendorf

4. Seftigen

5. Burgistein-Wattenwil

6. Thurnen

7. Kaufdorf

8. Toffen

9. Belp

10. Belp Steinbach

11. Kehrsatz

12. Kehrsatz Nord

13. Wabern bei Bern

14. Bern Weissenbühl

15. Bern Ausserholligen

16. Bern

17. Zollikofen

18. Münchenbuchsee

19. Schüpfen

20. Suberg-Grossaffoltern

21. Lyss

22. Busswil

23. Studen BE

24. Brügg BE

25. Biel/Bienne

Die Wahl fällt auf Kaufdorf. Das ganze Bahnhofgelände ist eine einzige Frutigerhaltestelle. Die Frutiger-Absperrung geht so weit das Auge reicht und entlang der Gleise stehen jede Menge Frutiger-Baumaschinen. Besonders der Kleinbagger sieht ganz hübsch aus. Vielleicht eine Mitnahmidee für die Rückreise?

Schliesslich treffen wir aber in Biel ein. Eine Multi-Kulti-Stadt mit eigenem Charme!? Aus Nostalgiegründen marschieren wir jedenfalls zum Stadion, damit die langjährigen Bielfahrer in dreifach-übertriebenen Geschichten von der denkwürdigen Schlacht gegen die Albaner berichten können. Wobei wir trotz genauen Hinschauen nirgends mehr den Mülleimer entdecken können, in dem einst Mätthu gelandet ist. Aber aus Sicherheitsgründen ist der ja sowieso nicht mit an den Match gekommen.

Apropos Sicherheit. Zwei Securitys sorgen beim Stadioneingang für Ordnung. So werde ich nett darauf hingewiesen, doch das Bierfläschchen in meiner Hand gleich hier auszutrinken und nicht etwa mit hinein zu nehmen. «Wir wollen ja keine Probleme.» Ich bin genau der selben Meinung und befolge seine Aufforderung. Anschliessend darf ich den Eingang passieren. All die Bierflaschen und der Wodka in meinem (unkontrollieren) Rucksack wollen wir mal nicht erwähnen.

Ganz energisch sind die Bieler Stadionwächter, wenn es die Ehre der Sponsoren zu verteidigen gilt. Schliesslich haben die ja nicht regelmässig Fernsehpräsenz. Das gibt aber Probleme mit uns Thunfans, wollen wir doch unsere Fahnen und Transparente irgendwo aufhängen. Daher machen wir mit zwei Securiys einen Deal: Wir dürfen die Transparente aufhängen, der «wichtigste Sponsor», Swiss Military soll aber sichtbar bleiben. So weit, so gut. Bloss ein paar Minuten später mischt sich der Präsident des FC Biel auch in die Diskussion ein. Er will wieder alle Transparente verbannen, doch fehlt ihm dazu irgendwie das Durchsetzungvermögen. So trottelt er wieder ab, nicht aber ohne eine massive Drohung auszusprechen: «Wenn einer der Sponsoren reklamiert, komme ich wieder zurück!»

Doch von ihm ist an diesem Abend nichts mehr zu sehen und so können wir uns bei der einsetzenden Dämmerung dem Spiel zuwenden. 19.00 ist Anpfiff. Zu meiner Freude mit dabei: Luca Zanni, anders als gewohnt spielt er von Anfang an. Und die Nummer 8 ist überaus motiviert, anders als bei Münsingen-Biel vor einigen Wochen zeigt er ein kämpferisches und schnelles Spiel. Überhaupt scheinen die Bieler besser drauf zu sein als die Thuner, in der ersten Halbzeit sind sie weitaus mehr im Ballbesitz. Und auch zu ein paar nennenswerten Chancen kommen sie, wobei sich bei all den missratenen Schüssen halt doch der Klassenunterschied aufzeigt.

Unter den Thunfans beginnen die ersten Diskussionen über die schlechte Leistung des eigenen Teams. Ist das «typisch Cup» oder «schlechte Vorbereitung»? Sollten die Thuner härter in die Zweikämpfe einsteigen oder doch weiter auf abwarten spielen? Zur Pause steht es immer noch 0-0.

In der 2. Halbzeit ist es immer noch das selbe Spiel: Offensive und aggressive Bieler, erschreckend ruhige Thuner. Und immer noch wiet und breit keine Thuner Torchance. Droht wie vor zwei Jahren eine Verlängerung?

Unbemerkt von vielen Fans kommen die Thuner nach rund einer Stunde doch immer besser ins Spiel. Jetzt, wo die Kräfte der Bieler langsam schwinden, kommen die Thuner innert wenigen Minuten zu zwei Torchancen. Eiskalt nutzen sie beide: In der 70. Spielminute erzielt Baykal das 1-0 und in der 78. Minute Dos Santos das 2-0. Das Spiel ist gelaufen. Typisch Cup!

Und so können wir bei Spielschluss laut und frenetisch jubeln. Seltsam nur, dass sich ein junger Typ mit Augsburg-Trikot bei der Verabschiedung unter die Spieler geschlichen hat und bei der Abschiedswelle unseren Cuphelden die Hände reicht. Röbi Renfer als Neuverpflichtung? Cool ist aber auch Deumi, der zum Hip Hop Sound munter mittanzt.

Nach einem kleineren Handgemenge beim Verlassen des Stadions (typisch Biel?!) machen wir uns schliesslich auf den Heimweg – übrigens in der Schnellreisevariante Biel-Lyss-Münchenbuchsee-Bern-Thun. Gefeiert wird natürlich auch da.

Matthias Engel

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