Wil – Thun

Wil – Thun

Wiu ig di liebe, bini hüt hie.

Du bisch aues für mi, z Läbe teili mit dir.

Vor erschde Sekunde, isch für mi klar.

Oh i schlächte Zyt, wirdi hie für di stah.

Lalalalalala lalalalalala?

Der Block Süd hat sich hohe Ziele gesetzt für das Auswärtsspiel in Wil. Ausgerechnet beim Spiel im weit entfernten Osten und entsprechend süffiger Anreiserouten wollen der Capo und seine Leute uns einen neuen Fangesang ins Gedächtnis brennen. Immerhin werden Zettel mit dem Liedertext verteilt. Doch so wirklich klappen will es mit dem textlastigen Lied in den ersten zwei, drei Anläufen nicht. Dabei ist der Fanblock mit deutlich über 100 stimmstarken Thunern und auch einem dutzend Thunerinnen weit besser gefüllt, als es diese Kehrauspartie (Gesamtzuschauerzahl 810) eigentlich verdient hätte. Also die Liederzeile «Oh i schlächte Zyt, wirdi hie für di stah» haben wir zumindest mit unser reinen Anwesenheit im Griff. Etwas überrascht bin ich dagegen über die Liederzeile «Am FCZ fouge, isch üsi Passion». Sind das Sado-Maso-Gedanken oder ein Gruss an Mattäng, dessen Quartierverein endlich mal wieder Meister geworden ist? Doch ich merke dann, dass ich den «Z» beim Singen dieser Liederzeile falsch platziert habe: «Am FC z fouge, isch üsi Passion.» Alles klar. Stossen wir darauf an ? und zünden wir zu Feier des Tages einige Pyros.

Die feurige Begrüssungschoreo zu Spielbeginn ist echt stark. Nur schade, haben unsere Fans keine Insiderinformationen zur Wiler Wetterlage eingeholt. Denn was nicht jeder wissen kann: Bei so einer Abendpartie, die um 20.15 Uhr beginnt, wird es während der zweiten Halbzeit finster. Weshalb die Wiler Fankurve ihr pryotechnisches Material erst in der 75. Minute losfeuert. Und ich muss zugeben, im Halbdunkel sehen Pyros einfach noch geiler aus.

Geil sind dafür aber mal die Startminuten der Thuner. Sie kassieren in der Startphase für einmal keinen Gegentreffer, sondern schiessen zur Abwechslung selbst ein frühes Tor. Beim ersten Thuner Angriff überhaupt hat Schwizer viel Platz und spielt von links flach in die Mitte. Auf Höhe des Elfmeterpunkts kann Gerndt nach 130 Sekunden zur Thuner Führung einschieben. 0:1. Und Thun müsste wenige Minuten auf 2:0 erhöhen, findet sich doch Dorn beim nächsten nennenswerten Thuner Angriff alleine vor Wil-Goalie Keller wieder. Aber er schafft es irgendwie, aus fünf Meter Distanz den Ball neben das Tor zu schiessen. Und dann ist Schluss für Gerndt, in der 25. Minute unser Schütze verletzt raus. So kommt Mattäng (also der Fussballer mit der Nummer 19) doch noch in der ersten Halbzeit zum Einsatz. Viel von ihm bekommen wir aber vorderhand nicht zu sehen, weil nun bis zur Pause der FC Wil die stärkere Mannschaft ist. Wir sind dankbar dafür, dass Zinswiler heute eine gute Partie zeigt. So gehen die Thuner etwas glücklich mit einer 0:1-Führung in die Pause.

Und wir gehen an den Bierstand- und Wurststand. Ohne dem FC Wil zu nahe zu treten: Es ist schon übel, wenn der einige Verpflegungsstand im Gästesektor von einer einzigen Dame in Schwung gehalten werden muss. Zum Vergleich: Selbst beim Hobbyverein SC Kriens stehen und wirbeln hinter jedem Verpflegungsstand mindestens drei Personen. Dass es hier in Wil schon in der Pause keine Bratwurst mehr gibt ? der Burger von Anfang an nicht verkauft ? passt auch zum erbärmlichen Bild, den die Wiler Gastronomie hier abgibt. Denn eigentlich hätten wir Thuner nicht Hunger auf Auswärtspunkte, sondern auch auf etwas zu Essen. Im Angebot bleiben Pommes-frites, Bier und Cola. Na ja?

In der 51. Minute müsste dann Josué alleine vor dem Tor das 0:2 schiessen. Er macht es nicht. Anders dann in der 69. Minute die Wiler bei einem Eckball, den Fazliu tritt. Muntwiler köpft zum 1:1 ein. Und wir lernen durch den Liveticker des Wiler Tagblatts: «Dritter Saisontreffer für Muntwiler. Und vor allem 26. Skorerpunkt für Fazliu, der den Corner getreten hat. Dieser zementiert seine Position als Topskorer der diesjährigen Challenge-League-Saison.» Sollten wir diesen Fazilu vielleicht nach Thun holen?

Aber Thun hat zum Glück nach Mattäng (also den Fussballer). Und der bringt uns in der 85. Minute so richtig zum Jubeln. Nach einem schönen Spurt an der Wiler Abwehr vorbei, schiesst er frei zum 1:2 ein. Wie hat Mattäng (also der Fan) kurz vorher gesungen: «Mattäng vor, noch ein Tor.» Was zu beweisen war. Und vergessen macht, dass Wil bis zu diesem Schuss eigentlich näher am Siegestreffer war. Aber hätte hätte Fahrradkette, Thun verteidigt die Führung nun bis zum Schlusspfiff.

Nach Abpfiff scheint die Kurve happy zu sein. Die Spieler werden gefeiert ? böse Zungen behaupten zwar, dass trotz Team vor dem Zaun die Kurve einfach das gleiche Lied lauthals weitersingt ? und es ertönen laute «Carlos, Carlos»-Rufe für Fast-Ex-Trainer Bernegger. Ich würde da höchstens mitsingen, wenn ich einen Zettel samt A4-Begründung, wieso wir so etwas rufen sollten, in die Finger bekommen würde.

Auf der Rückreise vom Match bin ich dann für einmal nicht mit Winterthurern oder Schaffhausern unterwegs, sondern mit legendären Thuner Kuttenfans. Gut, legendär war einst vor allem der Zusammenhalt zwischen uns. Schon seit Herbst 2019 und jenem Vorfall der Xamax-Rückreise sind wir nicht mehr wirklich gemeinsam unterwegs. Was inzwischen auch allgemein fürs Leben gilt. Bei der Auflistung von Kevä, wer wen inzwischen auf WhatsApp blockiert hat, möchte ich am liebsten sagen «Wo fäuts, Alte?!» Stattdessen versuche ich ihm klar zu machen, dass es Leute gibt, die ihr Leben nicht nur mit ihrer Beziehung teilen wollen und doch auf mit Kollegen Zeit verbringen möchten. Worauf Kevä einen legendären Satz raushaut darüber, warum er mit einem langjährigen Kollegen von uns keinen Kontakt mehr will: «Ich will doch nicht zuhören, wie er mir von seinen Problemen erzählt.»

Bingo, genauso erlebe ich Thun seit der Corona-Zeit. Vom Fan bis zum Vereinspräsidenten ist man Ich-bezogen, die Sorgen des Gegenübers interessieren nicht. Und so sehr auch ich es Scheisse finde, dass der FC Thun inzwischen 2,8 Millionen Franken Schulden hat, erwarte ich von einem angeblichen Härzbluet-Verein einfach mehr Gespür dazu, dass die Corona-Pandemie und inzwischen auch der Ukraine-Krieg und seine Folgen auch uns Fans und unsere Familien trifft ? und nicht nur die gut verdienende FC Thun-Crew. Passend dazu ein aktueller Einwurf von der Thuner Tägu-Kommentarspalte: «Und die Schulden sollen wieder nur die Saisonkartenbesitzer zahlen? Stichwort 0% Entschädigung für 95% Geisterspiele – übrigens auch für die am Special Day gefeierten Behinderten und Kinder. Sollen wir zur Abwechslung mal wieder zum Aktienkauf überschnurret werden? Oder werden endlich mal bei Spielern und Trainern Kosten eingespart? Thun hat aktuell ein höheres Budget als Aarau und Winterthur.»

Und so leert sich halt das Stadion munter fort ? weil sich Verein und Fans entfremden und (das tut mir noch mehr weh) die Fans untereinander. Wie wenig Rücksicht aufeinander genommen wird, beweist uns in dieser Nacht als (fast) alle längst wieder Zuhause sind die selbsternannte Party-Fankutte. Bis halb Fünf morgens deckt er mich und andere «Kollegen» oder wie er uns nennt «Fans» nahezu nonstop mit Text- und Sprachnachrichten ein. Ich und auch andere haben ihm schon mehrmals gesagt «nid, nid, nid». Aber das ist ein hoffnungsvoller Fall ? wie derzeit so vieles rund um den FC Thun.

Ich wünsche euch einen schönen Sommer, nächstes Wochenende habe ich Besseres zu tun als in die bizarre FC Thun-Welt einzutauchen.

Am FC z fouge, isch üsi Passion.

Was o immer passiert, mir si im Stadion.

Ob mir gwinne, oder oh nid.

Spielt üs ke Roue, für üs gits nume di.

Ohohohohohohoh ohohohohohohoh?

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