Thun – Hajduk Split

Thun – Hajduk Split

Der Montagmorgen nach Polizei-Kessel in Enschede und Cup-Krimi in Schaffhausen wird für mich zur Sinnfrage. Der FC Thun stellt mir nach dem Kauf eines Conference League-Ticketpakets (notabene mit Saisonaborabatt) per E-Mail die Frage, ob ich mich als Thun-Fan oder als Hajduk-Fan lese. Liegts daran, dass ich in Zürich wohne oder dass ich Ausländer bin? Ich muss innerhalb weniger Stunden ein Formular ausfüllen, damit mein Ticket nicht annulliert wird. Ich bin perplex: Trotz einiger Meinungsverschiedenheiten in den vergangenen Jahren habe ich mich in den letzten 30 Jahren doch irgendwie immer zu Thun bekannt. Also fülle ich zähneknirschend ein Formular aus, in dem ich mich unter anderem dazu verpflichten muss, 90 Minuten lang in keiner Form für Hajduk zu jubeln. Das schliesst wohl auch ironisches Klatschen bei einem Treffer zum 0:5 (recht wahrscheinlich) oder bei einer Roten Karte gegen Bürki (noch wahrscheinlicher) ein. Noch vor Mitternacht schicke ich das Formular von Zürich nach Thun – allerdings nicht, ohne dazu einen bissigen Tweet abzusetzen. Als Reaktion erhalte ich eine schriftliche Bestätigung des FC Thun, dass ich nun doch ins Stadion darf. Und meine 15 Minuten Ruhm in einem Blick-Artikel mit dem Titel «Brisante Partie gegen Split: Der FC Thun muss die eigenen Fans überprüfen» und in ähnlichen Artikeln auf Kroatisch mit Titeln wie «Stroge mjere zbog Hajduka: Švicarci navijačima šalju posebne upite, priprema se i policija».
Klar ist: Am Donnerstag gehe ich emotional aufgeladen zum Stadion und markiere auf der Geschäftsstelle Präsenz. Dort erklärt man mir, es handle sich um ein Hochrisikospiel. Angesichts der vielen Kroaten in Zürich solle ich Verständnis dafür aufbringen, dass man sämtliche Ticketkäufer aus Zürich nach ihrem Herzensklub gefragt habe. Schliesslich gehe es auch um meine eigene Sicherheit. Ich gebe mich halbherzig mit dieser Erklärung zufrieden, auch weil mir der Verantwortliche des FC Thun versichert, dass wir Zürcher bei den weiteren Conference-League-Spielen keine Formulare mehr ausfüllen müssen. Wegen dieser Aussprache verpasse ich es prompt, mir rechtzeitig im Block Süd einen Europapokau-Schal zu sichern. Als ich endlich am Verkaufsstand ankomme, sind die Schals bereits ausverkauft.
Im Stadion sind wir Thuner im G18 unter uns. Die Ticketdealer auf Ricardo sind ihre überteuert angebotenen G18-Karten offenbar doch nicht losgeworden, und die wenigen Kroaten, die es trotzdem in unseren Sektor versuchen, werden von den Block-Süd-Aufpassern weggeschickt. Tatsache ist aber auch: Ausserhalb der G- und H-Sektoren sind die Kroaten heute klar in der Überzahl. Unserem Enthusiasmus tut das keinen Abbruch. Wir zeigen eine schöne Choreo, zünden Pyros und singen das ganze Spiel über lautstark.
Die Thuner starten mutig, und wir merken sofort, dass sie sich vor den favorisierten Kroaten nicht verstecken wollen. Mambwa macht auf der linken Seite dicht, Bürki räumt im Strafraum auf. Jeder gewonnene Zweikampf wird im Block gefeiert. Doch mit zunehmender Spieldauer übernimmt Hajduk das Kommando. In der 18. Minute fällt das 0:1 auf besonders ärgerliche Weise. Maier spielt den Ball zu kurz zurück. Dalisson erkennt die Gelegenheit, geht entschlossen dazwischen und schliesst sofort ab. Sein erster Versuch wird noch geblockt, und für einen kurzen Moment atmen wir auf. Doch der Abpraller landet ausgerechnet wieder vor seinen Füssen. Diesmal hat Dalisson freie Schussbahn. Er zieht ohne zu zögern ab und lässt Steffen keine Chance. Im Block herrscht für einen Augenblick Stille. Dieser vermeidbare Gegentreffer schmerzt doppelt, weil die Thuner bis dahin so aufmerksam verteidigt haben. Die Berner Oberländer lassen sich davon nicht entmutigen, und auch wir werden sofort wieder laut. In der 22. Minute schlägt Reichmuth einen ausgezeichneten Pass auf Labeau. Dessen flachen Abschluss kann Silic nur nach vorne abwehren. Dursun kommt aus bester Position zum Nachschuss. Wir sind schon bereit zum Jubeln, doch er setzt den Ball neben das Tor. Maier wäre noch besser postiert gewesen. Im Block gehen die Hände an die Köpfe. Das hätte der Ausgleich sein müssen. Die Doppelchance zeigt aber auch, dass die Thuner Hajduk wehtun können. Auf der anderen Seite bleiben die Gäste gefährlich. In der 33. Minute lenkt Steffen einen Distanzschuss von Soticek gerade noch am linken Pfosten vorbei. Drei Minuten später dreht sich ein Hajduk-Corner an die Aussenseite des ersten Pfostens. Wieder stockt uns kurz der Atem. Trotzdem gehen die Oberländer mit intakter Hoffnung in die Pause. Es fehlt nicht an Einsatz und Moral, sondern einzig an Klarheit vor dem Tor. Wir glauben weiterhin daran, dass hier noch etwas möglich ist.
In der Pause holen wir uns noch eine Runde Bier. Party-Kernen stellt sich bei den Barzahlern an und hält mit dem langsamen Eintippen seiner Twint-Zahlung prompt die ganze Schlange auf. Ich hingegen zücke mein Bargeld und habe mein Bier im Nu. Das führt allerdings dazu, dass wir drei statt zwei Bier erhalten. Was in der Europapokal-Euphorie nicht alles passiert.
Nach der Pause setzt Hajduk die Thuner früh unter Druck und lässt den Ball geduldig durch die eigenen Reihen laufen. Doch die Mannschaft aus dem Berner Oberland arbeitet sich zurück in die Partie. In der 54. Minute zieht Fehr ab und verfehlt den rechten Pfosten nur knapp. Vier Minuten später bringt Reichmuth erstmals einen Ball aufs Tor, allerdings zu harmlos, um Silic ernsthaft zu prüfen. Die Thuner spüren nun, dass dieser Gegner verwundbar ist, und erhöhen den Druck.
Dann folgt die aufwühlendste Szene des Abends. In der 67. Minute setzt Mambwa im eigenen Strafraum seinen Körper ein. Für uns ist es ein gewöhnlicher, robuster Zweikampf. Doch der Schiedsrichter zeigt tatsächlich auf den Punkt. Im Block brechen Wut und Unverständnis aus. Das soll ein Penalty sein? Wir warten auf den VAR und sind überzeugt, dass der Entscheid zurückgenommen wird. Doch auch die Überprüfung ändert nichts. Sego legt sich den Ball zurecht, Steffen wartet auf der Linie. In der 68. Minute läuft der Hajduk-Spieler an. Sein Schuss ist schwach und wenig platziert. Steffen bleibt ruhig, liest die Richtung und hält den Ball sicher. Jetzt explodiert der Block. Aus dem vermeintlichen Nackenschlag wird ein Moment, der das ganze Stadion elektrisiert. Der Thuner Goalie verhindert das 0:2 und hält die Hoffnung auf den Ausgleich am Leben.
Die beste Gelegenheit dazu bietet sich in der 74. Minute. Labeau spielt einen prächtigen Pass auf Christoffersson, der frei vor dem praktisch leeren Tor auftaucht. Eigentlich muss er nur noch einschieben. Wir sind schon bereit zum Jubeln. Doch der Ball fliegt am Kasten vorbei. Ungläubig schlagen wir die Hände über dem Kopf zusammen. Näher kommen die Thuner dem Ausgleich an diesem Abend nicht mehr. In der Schlussphase lässt der Druck nach. Die Oberländer werfen zwar nochmals alles nach vorne, finden aber keine zündende Idee mehr. In der 92. Minute haben sie sogar Glück. Nach einem Abwehrfehler von Bürki klatscht ein Distanzschuss der Gäste an die Latte. Steffen steht zu weit vor seinem Tor und hätte nichts mehr ausrichten können. Zwei Minuten später gehört die letzte Aktion nochmals den Thunern, doch mein Lieblingsitaliener Braschi trifft den Ball beim Abschluss nicht richtig.
So verlieren die Thuner vor 10’000 Zuschauerinnen und Zuschauern, von denen viele weit angereist sind, mit 0:1. Kurz nach 23 Uhr machen wir uns auf den Heimweg durch die eiskalte Thuner Nacht. Entgegen allen im Vorfeld geäusserten Bedenken des FC Thun bleibt es friedlich, so wie es sich gehört, wenn Gäste aus dem Osten gegen uns spielen. Sorgen mache ich mir eher mit Blick auf die kommenden Spiele gegen Ajax und Gent. Dann treffen wir wieder auf die heimtückischen Fans aus den Beneluxländern. Und falls der FC Thun nach diesem Abend noch immer wissen will, ob ich mich als Thun-Fan oder als Hajduk-Fan lese, ist die Antwort eigentlich einfach: Wer beim 0:1 verstummt, Steffens gehaltenen Penalty frenetisch bejubelt und sich über den verpassten Ausgleich ärgert, sollte kein Formular mehr ausfüllen müssen.

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