Ausgerechnet Zürich versteht die Thuner Tradition

Der Thuner Stamm in Zürich feiert heuer sein 75-jähriges Bestehen. Die Gruppe, die den begehrtesten Preis am Ausschiesset stiftet, sieht Gemeinsamkeiten zwischen den beiden Städten.

Der Thuner Stamm in Zürich feiert heuer sein 75-jähriges Bestehen. Die Gruppe, die den begehrtesten Preis am Ausschiesset stiftet, sieht Gemeinsamkeiten zwischen den beiden Städten.

«Ich arbeite seit 13 Jahren bei einem Arbeitgeber in der Stadt Zürich und hatte nie Probleme, wenn ich für den Ausschiesset-Montag einen freien Tag beziehen wollte.» Für Matthias Engel (46) ist klar, weshalb das so ist: «Weil man in Zürich, der Stadt mit Sechseläuten und Knabenschiessen, weiss, wie wichtig es ist, lokale Traditionen zu pflegen.» Auch dieses Jahr ist Engel, gebürtiger Thuner, zum Ausschiesset nach Thun gereist.
Zusammen mit ihm sind auch Daliah Heller (53) aus Wil ZH, Werner Schuler (79) aus Dübendorf und Niklaus Reichenbach (72) aus Hallau SH am Ausschiesset unterwegs. Alle vier sind «Exilthuner», haben eine Kadettenvergangenheit – und sind Teil des «Thuner Stamms von Zürich».
Werner Schuler und Geri Gugger ist es zu verdanken, dass der Stamm in seiner heutigen Form noch existiert und aus Anlass des 75-jährigen Bestehens eine kleine historische Ausstellung im Armbrustschützenhaus stiften kann.

Er hat dem Stamm neues Leben eingehaucht

«2002 war ich der Jüngste in diesem Grüppchen von Thunern und Thunerinnen, die sich einmal im Monat trafen», sagt Schuler. Weil die älteren Mitglieder nicht nur sprichwörtlich wegzusterben drohten, übernahm er das Amt des «Stamm-Vaters».
Er erinnert sich: «Moderne Technologie hat mich nicht wirklich interessiert; lange habe ich mit dem Stamm in Briefform kommuniziert.» Trotzdem sei klar gewesen: «Wenn wir der Gruppe neues Leben einhauchen wollen, müssen wir im Internet präsent sein.»
So ist es der Initiative von Schuler zu verdanken, dass der Thuner Stamm heute über eine kleine, aber feine Website verfügt – mittlerweile gebaut von der Agentur eines anderen Thuners, der in Zürich erfolgreich geschäftet. Auf dieser Website ist unter anderem die Geschichte des General-Guisan-Preises aufgearbeitet.
Diesen Preis erhält jeweils jene Kadettin oder jener Kadett, die oder der übers Jahr gesehen in allen Wettkämpfen am besten abschneidet. Gab es für den ersten Sieger, Edgar Heim, noch eine Buchreihe mit einer Widmung von General Henri Guisan persönlich, darf die Siegerin oder der Sieger heute in einem Spezialgeschäft in Thun eine Uhr auswählen, die entsprechend graviert wird.

Die Besten zu Gast beim Armbrustschiessen

Seit einigen Jahren ist der Gewinn des General-Guisan-Preises, den der Thuner Stamm seit 1966 stiftet, mit einer Einladung nach Dübendorf verknüpft. «Seit ein paar Jahren organisieren wir neben den Treffen im Restaurant Riithalle in Zürich und dem Chlouse-Stamm ein Armbrustschiessen», sagt Niklaus Reichenbach. Er hat Werner Schuler 2021 als Stamm-Vater beerbt und ist Ansprechperson zum Beispiel für Anliegen seitens der Kadettenkommission.
Zum Armbrustschiessen wird die Trägerin oder der Träger des General-Guisan-Preises jeweils eingeladen. «Es freut uns, dass die jungen Leute sich Zeit nehmen – das zeigt, dass die Verbundenheit beidseitig vorhanden ist», sagt Reichenbach.

Tiefe emotionale Verbundenheit

Immer wieder ist die Rede davon, wie eng die emotionale Verbindung mit Thun trotz des Wegzugs zum Teil vor Jahrzehnten sei. «Ich habe eine strenge Zeit hinter mir», erinnert sich Daliah Heller, «und hatte zuerst nicht im Sinn, am Sonntagabend den Zapfenstreich zu besuchen. Doch als ich gegen 20 Uhr in Thun unterwegs war, setzte ich spontan den Blinker, stellte das Auto im Schlossbergparking ab, kam gerade rechtzeitig auf den Rathausplatz – und alle Mühe der letzten Zeit war vergessen.»
Überhaupt sei es schön, jedes Jahr bekannte Gesichter aus der Kadettenzeit zu treffen, berichten die vier. «Handkehrum tut es gut, unter dem Jahr in Zürich regelmässig Menschen zu treffen, um Geschichten von ‹daheim› auszutauschen oder die Erfolge unseres FC zu analysieren», sagt Matthias Engel.
Muss ein Mitglied des Thuner Stamms in Zürich demzufolge zwingend einen Bezug zum Thuner Kadettenwesen oder zum FC Thun haben? «Überhaupt nicht», sagt Niklaus Reichenbach. «Wir sind einfach eine lose Gruppe von Menschen, die sich mit Thun verbunden fühlen.» Tatsächlich gibt es nicht einmal einen Verein, dem Interessierte beitreten müssen. «Bei uns sind wirklich alle willkommen – und zwar komplett unverbindlich.»
Infos/Kontakt: www.thuner-stamm-von-zuerich.ch

Quelle:
Thuner Tagblatt vom Dienstag, 23. September 2025
Autor : Marco Zysset
Fotograf: Patric Spahni
Direktlink zum Artikel: https://www.bernerzeitung.ch/ausschiesset-wie-exil-thuner-den-anlass-feiern-678955281063

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